Hundert Schattierungen von Schwarz

Chiron, der Jugendliche im dreifach oscargekrönten Drama «Moonlight», ist schwarz und schwul. Der Film von Barry Jenkins reicht weit – und tief.

«Moonlight» beschreibt in drei Kapiteln, wie aus einem Knaben (Alex Hibbert) ein verpanzerter «hardbody» wird. Foto: David Bornfriend (DCM)

«Moonlight» beschreibt in drei Kapiteln, wie aus einem Knaben (Alex Hibbert) ein verpanzerter «hardbody» wird. Foto: David Bornfriend (DCM)

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Trägt ein Tweet die Schuld? Als in der Oscar-Nacht ein Mitarbeiter ein Foto der schönen Emma Stone vertwitterte, soll er darob den Umschlag mit dem Siegerfilm vertauscht haben. Wie auch immer, es gab lange vor den Oscars viel bedenklichere Tweets. Die «Washington Post» kündigte vor ein paar Monaten auf ­Twitter einen Artikel so an: «‹Moonlight› handelt von einem armen, schwarzen, schwulen Jugendlichen. Hier sind die Gründe, weshalb uns der Film dennoch alle angeht.» Man ist ja selber nicht schwarz und vielleicht nicht einmal arm, weshalb man offenbar gute Gründe braucht, um sich Derartiges anzusehen. Dabei beschreibt «Moonlight» gerade eine hoch spezifische Erfahrung, ohne sie ins Weltumspannende zu dehnen. Das würde den Stoff ausdünnen, und hat das Kino nicht lange genug einen Kitsch um den Universalismus gemacht?

Die Kunst von Barry Jenkins’ zweitem Drama nach der Miniromanze «Medicine for Melancholy» ist es, lebenssatte Situationen so zum Schweben zu bringen, dass sie zum tiefen Gefühl werden – gerade so, dass man sich nach dem Film nicht mehr sicher ist, ob man ihn nicht vielleicht geträumt hat. Es beginnt in der ersten Einstellung, der Drogendealer Juan (Mahershala Ali) setzt seinen Wagen auf den Bordstein im kaputten Teil von Miami und klatscht den Kollegen am «corner» ab, während die Steadi­cam die Männer schwerelos umkreist. Damit ist das Prinzip gesetzt, aus der superscharfen Milieubeobachtung die sinnliche Intensität zu holen und aus dem Unauffälligen eine Intimität, die «Moonlight» wie ein Seismograf aufzeichnet, mit jedem taktilen Detail und den winzigen Ausschlägen des Herzens.

Aus Little wird Black

Juan, ein Krimineller mit intaktem Gewissen, nimmt den kleinen Little (Alex Hibbert) bei sich und seiner Freundin auf, als er sieht, wie dieser von anderen Kindern durch die Backyards gejagt wird. Dass Juans Gang zugleich Littles ­alleinerziehende Mutter (Naomie Harris) mit Crack versorgt, verkompliziert die Beziehung, aber «Moonlight» denkt nicht in Schemen, sondern in Schattierungen (und in fantastischen Farbtönen, es ist ein digital simulierter Kodak-Traum aus Grün und Blau und schwarzer Haut, die man noch nie so hat leuchten sehen). Wir begegnen Little im zweiten Kapitel wieder, er heisst nun Chiron (Ashton Sanders) und ist zum verschlossenen Teenager geworden, der wegen seiner engen Jeans gemobbt wird.

Einen Kameraden hat er, den fröhlicheren Kevin, der mit seinen Eroberungen prahlt und auf Chiron eine Anziehung ausübt, die er sich nicht richtig erklären kann. Seine Mutter allerdings beschafft sich die Drogen inzwischen mit Sex, den sie den Freiern zu Hause anbietet. Chirons Kampf mit den Bullys an der Schule mündet in eine Tat, die ein vernachlässigtes junges Leben erst richtig auf die kriminelle Spur bringt. Einige Jahre später, Chiron ist jetzt erwachsen und austrainiert und nennt sich Black (Trevante Rhodes), wird klar, was das bedeutet: Black gehört zu einer Drogengang, er hat einen grösseren Wagen, eine Waffe und einen goldenen Grill für die Zähne. Steigt er aus dem Auto, ähnelt er seinem Ziehvater Juan: eine verletzliche Seele, verpackt in harte Schale.

In drei Kapiteln und mit drei verschiedenen Schauspielern beschreibt «Moonlight», wie aus einem Knaben, der immer wieder zu hören bekam, dass er zu «soft» sei, ein «hardbody» wurde, verpanzert gegen aussen. Es ist wie eine Zeichnung der Gesellschaft auf schwarzer Haut: «Moonlight» flaggt nicht die sozialen Brennpunkte als zu diskutierende Problemthemen aus, sondern hält sie im Hintergrund präsent als Kräfte im Lebenskampf: Masseninhaftierung, kriminelle Karrieren, Indifferenz gegenüber Schwarzenvierteln, Drogenelend und Armut, ein Kult um männliche Stärke und Homophobie.

Trailer zu Moonlight. Quelle: Youtube

Regisseur Barry Jenkins ist wie sein Autor Tarell Alvin McCraney, auf dessen Theaterstück der Film basiert, in Miami geboren. Man merkt «Moonlight» das Gefühl für die südliche Szenerie an – doch so, wie sich die politischen Missstände im schwarzen Amerika oft dann am deutlichsten bemerkbar machen, wenn der Film über die Zeit springt und vieles auslässt, so wirken die konkreten Orte manchmal wie entrückt: Wände ­haben starke Farben, eine gewöhnliche Küchennische nimmt eine fast magische Kraft an. Barry Jenkins erreicht diesen Effekt durch gezielte Überhöhungen, die stets im Dienst der Emotionalität stehen.

Wenn es am Ende von «Moonlight» zu einer fast unerträglich intensiven Wiederbegegnung kommt, die in der Nacherzählung unspektakulärer nicht klingen könnte, dann liegt es am ästhetischen Prinzip, das den Film durchzieht: die mikroskopische Wachsamkeit gegenüber den Kleinigkeiten wird zu einer Art Bewusstseinsschärfung, die eine traumähnliche Qualität bekommt. Jenkins ist da geschmackssicher genug, auch in den kleinen Pathosdosen. Als Vorbilder nennt er die Filme von Hou Hsio-Hsien aus Taiwan oder die französische Regisseurin Claire Denis – beides Stilisten eines Kinos, das man mehr empfindet, als dass man es erklären könnte.

Verhärtungen sprengen

Oder wie es ein Kommentator bei der Internet Movie Database formulierte: «He hardly said a word and it was just a lot of eye contact.» Die drei Oscars für «Moonlight» – bester Film, bester Nebendarsteller, bestes adaptiertes Drehbuch – führen womöglich dazu, dass der eine oder andere von einem Erlebnis gewaltiger Langeweile berichten wird. Aber man sollte sich einen Film vielleicht nicht ansehen, obwohl er, sondern weil er von einem armen, schwulen, schwarzen Leben erzählt. Die partikulare Erfahrung des Aufwachsens als Afroamerikaner in den USA von heute wird in «Moonlight» mit solcher Komplexität und Intensität anhand eines jungen Schwarzen thematisiert, dass man etwas zu spüren bekommt, was man sonst nur nachzuvollziehen versucht.

Und was kann ein Film Spektakuläreres erreichen – einmal abgesehen vom Oscar-Triumph über «La La Land» –, als jene Verhärtungen zu sprengen, die man auch an sich selbst entdeckt, wenn man so einen muskulösen Black auf sich zukommen sieht? Wir erleben in dieser Charakterstudie in drei Phasen, wie sich Identität zur Maske verdickt: Erst lernt man, was möglich wäre, dann merkt man, wogegen man zu kämpfen hat, und dadurch wird man, was man nicht sein wollte, weil man dazu gemacht wurde. «Who is you?», wird Black am Ende gefragt. Und wer ist man jetzt selber?

Ab 9. März im Kino. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.02.2017, 23:50 Uhr

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