Kultur

«Ich bin bisher als Einäugiger durchs Leben gegangen»

Von Tobias Kniebe, Los Angeles. Aktualisiert am 04.07.2009

Filmregisseur Steven Spielberg über die Revolution des 3-D-Films, sein aktuelles Werk «Transformers», die Comicfigur Tintin und das Erzählen von Geschichten.

«Ich finde es faszinierend, wie 3-D-Bilder dem Leben gleichen; auch unsere Wirklichkeit sehen wir dreidimensional»: Steven Spielberg.

«Ich finde es faszinierend, wie 3-D-Bilder dem Leben gleichen; auch unsere Wirklichkeit sehen wir dreidimensional»: Steven Spielberg.
Bild: Keystone

Zur Person

Er ist einer der erfolgreichsten Filmregisseure überhaupt; Steven Spielberg drehte so unterschiedliche Werke wie «E. T.», «Indiana Jones», «Jurassic Park» und «Schindler’s List». Als Produzent ist der heute 62-Jährige mitbeteiligt an «Transformers: Revenge of the Fallen», der zurzeit bei uns in den Kinos läuft - ein Film mit vielen Robotern. Noch in Arbeit ist die Verfilmung der Comic-Abenteuer von «Tim und Struppi». Dieses Gespräch wurde am Sitz von Spielbergs Produktionsfirma Amblin Entertainment geführt, die auf dem Gelände der Universal-Studios in Los Angeles residiert.

Mr. Spielberg, dürfen wir Sie kurz in Ihre Vergangenheit entführen? Im Sommer 1965 schlich sich ein Teenager an den Wachen des Studios vorbei, die wir auf dem Weg zu Ihnen jetzt gerade passiert haben...
War es der Sommer 65 oder doch eher 66? Ich weiss es nicht mehr. Ich war sehr jung. 15 oder 16.

Was geschah, als Sie drin waren?
Ich suchte mir eines dieser kleinen Büros in den Holzbaracken aus, das leer stand. In weissen Plastikbuchstaben brachte ich meinen Namen an der Tür an. Dann nahm ich am Schreibtisch Platz. Jetzt war es offiziell: Hier würde ich den Sommer über arbeiten.

Und niemand hat Sie rausgeworfen?
Nein. Heute klingt das unvorstellbar, aber so war es. Bei den Studiohallen, wo die grossen Filme gedreht wurden, haben sie mich zwar immer wieder vor die Tür gesetzt. Aber dafür konnte ich den Leuten vom Schnitt-Department monatelang über die Schulter schauen. Sie wurden meine besten Freunde. In diesem Sommer habe ich sehr viel über Schnitt gelernt.

Gibt es diese Baracke noch?
Dafür habe ich gesorgt. Als ich nach dem Erfolg von «E. T.» meine kleine Firma Amblin Entertainment hier aufbaute, bat ich darum, dass die Hütte neben mein neues Büro versetzt wurde. Da hinten steht sie nun, meine Schneideräume befinden sich dort.

Jetzt im Kino zu sehen ist «Transformers: The Revenge of the Fallen», den Sie produziert haben: wild kämpfende Roboter mit sehr menschlichen Zügen...
Ich hatte die Idee eines Tages beim Spielen mit den Plastikrobotern meiner Kinder: Aus diesem Spielzeug lässt sich doch ein cooler Sommerfilm machen!

Auch andere Gegenstände werden in Ihrer Fantasie gern mal lebendig.
Zum Beispiel Louis-quatorze-Möbel, die plötzlich Tierpfoten und Katzenschwänze bekommen und sich durchs Zimmer bewegen. Meine Vorstellungskraft gibt eben niemals Ruhe.

Der Film zeigt auch eine Herausforderung des digitalen Zeitalters, der Sie sich früh gestellt haben: Alles besteht aus schwerelosen Pixeln, und doch muss es aussehen, als ob Tonnen von Masse, Energie und Beschleunigung aufeinanderprallen.
Ein echtes Problem! Bei meinem T-Rex in «Jurassic Park», einer der frühesten rein digitalen Filmfiguren, hat es mich fast in den Wahnsinn getrieben. Ich drehte gerade «Schindler’s List» in Polen, und abends schaute ich mir über eine Satellitenleitung an, was die Computerbastler von Industrial Light & Magic fabriziert hatten. Grauenvoll! Diese Saurier flogen schwerelos wie kleine Wölkchen über die Topografie. Macht sie bitte massiger, rief ich. Euer T-Rex wiegt doch höchstens vier Pfund! Wir haben dann sehr hart daran gearbeitet, die Illusion von Gewicht zu erzeugen - und tun es bis heute.

Inzwischen ist die Gefahr eine andere: Weil jede denkbare Bildwelt digital geschaffen werden kann, drohen die Bilder ihre Magie zu verlieren.
Nicht, wenn sie damit wirklich eine Geschichte erzählen! Das Publikum möchte mit seiner eigenen Imagination beteiligt werden - wenn du ihm alles fertig vorsetzt, fühlt es sich von der Erfahrung ausgeschlossen.

Beim sogenannten Motion-Capture-Verfahren werden echte Schauspieler gefilmt. Ihr Auftritt wird aber umgerechnet in eine animierte Computerfigur. Ist das die endgültige Freiheit für den Regisseur?
Nein. Es ist einfach ein weiteres interessantes Medium. Nach dem zweidimensionalen Zeichentrickfilm, nach der dreidimensionalen Computeranimation, die Firmen wie Pixar und Dreamworks perfektioniert haben, ist Motion Capture eine Erweiterung der Möglichkeiten, die wir als Filmemacher haben. Es sieht anders aus als alles, was man bisher gesehen hat.

Die Helden, die Sie nun auf diese Weise zum Leben erwecken, sind legendär: Tim und Struppi. Wie wird «The Adventures of Tintin: Secret of the Unicorn» aussehen?
Es ging darum, den berühmten Stil des Zeichners Hergé in dreidimensionale Bilder umzuwandeln, die detailreich sind, aber immer noch wie mit klarer Linie gezeichnet wirken. Tintin ist ein Lowtech-Held, und wir zeigen ihn in einer altertümlichen, zeitlich aber nicht genau definierten Welt. Es gibt kein Fernsehen, Telefone haben Wählscheiben, und die Autos sehen so aus wie vor 50 Jahren.

Was hat Sie an Tintin interessiert?
Vor allem die Hartnäckigkeit und Zähigkeit, mit der er seine Abenteuer besteht. Als Zeitungsreporter gräbt er Geschichten aus, aber am Ende ist er immer selbst die Geschichte. Das ist ein fantastisches Serienprinzip. Deshalb habe ich mit Peter Jackson, meinem Partner und Ko-Regisseur bei diesem Projekt, auch gleich zwei Filme in Angriff genommen. Die Inspiration dazu verdanke ich im Übrigen der französischen Filmkritik.

Sie lassen sich von Kritikern inspirieren?
In diesem Fall ja. Als mein erster «Indiana Jones»-Film «The Raiders of the Lost Ark» Anfang der Achtzigerjahre ins Kino kam, verglichen die meisten französischen Kritiker den Helden mit Tintin. Den muss ich mir mal anschauen, dachte ich und stellte fest, dass die Kritiker absolut Recht hatten. Er ist tatsächlich ein Cousin von Indiana Jones. Seine Welt ist voller Geheimnisse und Schätze und Abenteuer, die Geschwindigkeit, mit der er den Globus umrundet . . . Ich rief Hergé in Belgien an und fragte, ob er sich mit mir treffen würde, ob die Rechte zu vergeben wären. Aber wir schafften es nicht mehr. Zwei Wochen später starb er.

Plagt Sie nicht die Angst, dass es bald gar keine Filmstreifen mehr im Kinosaal gibt? Die Umrüstung auf digitale Projektoren, bei denen das Bild direkt von einer Festplatte kommt, schreitet unaufhaltsam voran.
Da gilt das Prinzip Hoffnung. Ich hoffe, dass Film als Trägermedium nie völlig aussterben wird, dass wir auch in zwanzig Jahren Filmrollen ins Kino schleppen werden. Aber ich habe mich damit abgefunden, dass auch ein Nonkonformist wie ich diese Entwicklung nicht aufhalten kann. Bald wird es im Grosseinsatz keine Filmkopien mehr geben, die Bilder werden per Satellit in die Kinos der ganzen Welt gesendet.

Was macht den Unterschied aus?
Stellen Sie sich den Unterschied zwischen einem Acrylgemälde und einem Bild in Wasserfarben vor. Die digitale Projektion ist glatt, sie hat einen perfekten, ruhigen Bildstand, es gibt keinerlei Makel oder Fehler. Aber ich liebe diese kleinen Fehler! Ich schaue gern zu, wie das Filmkorn auf der Leinwand tanzt. Das sind die Moleküle der Bilder, da herrscht Leben. Das fehlt in der neuen, digitalen Kinowelt.

Mehr und mehr Filme werden nun auch in 3-D gefilmt und vorgeführt.
Da scheue ich mich weniger. «Tintin» habe ich auch in 3-D gedreht. Ich finde es faszinierend, wie diese Bilder dem Leben gleichen; auch unsere Wirklichkeit sehen wir dreidimensional. Wenn ich darüber nachdenke, bin ich bisher praktisch als Einäugiger durchs Leben gegangen. Um wie eine traditionelle Filmkamera zu sehen, muss man ein Auge schliessen. So haben Sie mich auf meinen Filmsets gesehen. Bei «Tintin» habe ich zum ersten Mal beide Augen geöffnet.

Wird 3-D der Standard, so wie der Farbfilm den Schwarzweissfilm abgelöst hat?
Nein, ich glaube nicht, dass 3-D für alle Filme richtig ist. Grosse Actionfilme, Fantasy und Sciencefiction, klar. Aber das zweidimensionale Bild hat eine bleibende Kunstform hervorgebracht, die man wohl bald Monovision nennen muss. 99 Prozent der Filme, die ich liebe, haben ihren Ausdruck im zweidimensionalen Bild. Ich möchte «Casablanca» nicht in 3-D sehen, wahrscheinlich nicht einmal «Das Boot». «Schindler’s List» und «Saving Private Ryan» würde ich niemals so drehen, falls ich sie nochmals machen müsste. Aber es gibt Filme, bei denen man sich fragt: Wie würde der jetzt wohl in 3-D funktionieren?

Zum Beispiel?
Mein «Raiders of the Lost Ark» könnte interessant sein.

Sie verkörpern alles Glück, das ein Geschichtenerzähler heute haben kann, geschützt durch ein - wenigstens bis vor kurzem noch - mächtiges Copyright. Damit sind Sie Milliardär geworden.
Geschichtenerzähler wurden gebraucht, seit die ersten Menschen anfingen, ihre Erlebnisse auf Höhlenwände zu malen. Die Technik hat uns heute mehr Pinsel und Farben gegeben als je zuvor, aber ganz egal, was kommt: Uns wird es immer geben.

Copyright «Süddeutsche Zeitung» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.07.2009, 08:49 Uhr

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