«Ich mache das Publikum lieber glücklich»

In «Le Havre» erzählt der finnische Filmregisseur ein optimistisches Märchen. Im Gespräch zeigt sich Aki Kaurismäki gewohnt kauzig bis pessimistisch.

Szene aus dem Film «Le Havre» von Aki Kaurismäki.

Szene aus dem Film «Le Havre» von Aki Kaurismäki. Bild: zvg

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Herr Kaurismäki, weshalb haben Sie als Finne, der in Portugal lebt, Ihren jüngsten Film im französischen Le Havre gedreht?
Aki Kaurismäki: Na ja, ich fuhr mit dem Auto quer durch Europa und zählte den Benzinverbrauch. Aber kein Ort passte für meine Geschichte. Überall fehlte was.

Was fehlte in Le Havre nicht?
Waren Sie schon mal dort?

Nein.
Fahren Sie hin, dann wissen Sies. Le Havre ist komplett isoliert vom Rest der Welt. Wenn jemand aus Paris kommt, zucken die mit den Schultern. Da herrscht ein Stolz, den es sonst nirgends gibt.

Im Film «Le Havre» nimmt sich die Hauptfigur eines afrikanischen Flüchtlings an. Woher rührt Ihr Interesse am Thema Immigration?
Nun, die eigentliche Frage ist: Was wird in Europa passieren? Wird überhaupt noch etwas passieren? Wahrscheinlich haben wir es längst nicht mehr in der Hand. Unsere sogenannte Freiheit, die hauptsächlich darin besteht, frei zu sein, wird in unseren Händen explodieren. Aber das ist nicht das eigentliche Problem.

Sondern?
Dass es in wenigen Jahren keine Menschheit mehr geben wird.

Wie kommen Sie darauf?
Sie sehen ja: Wir haben nichts mehr unter Kontrolle. Es gibt nur noch Konsum, alle haben Angst. Helmut Kohl, François Mitterrand – das waren noch Staatsführer, die den Zweiten Weltkrieg erlebt hatten. Die heutigen Ministerpräsidenten wissen nicht mehr, was Krieg ist. Sie lassen ihre Muskeln spielen wie Idioten. Die Welt ist in die Hände von Zynikern gefallen.

Wie sähe Ihre ideale Welt aus?
Statt Auto zu fahren, sollten wir zu Fuss gehen. Jede Dummheit müsste da passieren, wo sie ausgeheckt wurde. Und Fleisch gäbe es nur noch am Sonntag. Als ich klein war, hatte jede Kuh einen Namen. Wenn man sie essen wollte, wurde sie für ein Festmahl geschlachtet. Heute stopft jeder Hamburger in sich hinein, ohne zu bedenken, welche Qualen dahinterstecken.

Sie essen kein Fleisch?
Höchstens mal Lamm zu Ostern.

Und Sie gehen immer zu Fuss?
Nein. Aber da fällt mir was anderes ein: Einmal, ich war 16, marschierte ich zu Fuss von Barcelona nach Helsinki. Ich brauchte mehrere Wochen. Jemand hatte mir im Zug den Pass, das Interrailticket und das Geld geklaut. Und ich schämte mich, meine Mutter anzurufen und sie um Geld zu bitten.

Früher bezeichneten Sie sich als schnellsten Filmemacher der Welt. Heute lassen Sie sich vier bis fünf Jahre Zeit für ein neues Werk. Weshalb?
Es gibt zwei Antworten auf diese Frage. Eine neue Herausforderung zu finden, ist immer schwierig. Es werden ja stets die gleichen Geschichten erzählt, da braucht man eine gewisse Variation. Die zweite Antwort ist: Als ich jung war, arbeitete ich nonstop, drehte einen Film nach dem andern. Jetzt bin ich über fünfzig und merke: Ich habe nie gelebt. Also versuche ich das nachzuholen. Aber eigentlich ist es zu spät.

Zu spät?
Na ja, ich kann wenigstens noch atmen.

Was macht Sie so pessimistisch?
Nun, ich habe auch Hoffnung.

Wirklich?
Ja. Ich weiss einerseits, wie man traurige Details der Menschheit ausblendet. Andererseits: Je deprimierter ich bin, desto optimistischere Filme drehe ich. Oder wie die Yankees sagen: Who gives a heck! Ich entlasse das Publikum lieber glücklich als traurig aus einem Film. Aber gut, jeder zweite meiner Filme ist trotzdem traurig. Nur noch optimistische Filme zu machen, da würde ich krepieren.

In Ihren finnischen Filmen ist es üblich, dass Figuren wortlos eine Bar betreten. In «Le Havre» sagen Sie plötzlich «Bonjour». Woher diese Beredtheit?
Es ist ein Schock, nicht wahr? Das erinnert mich an eine Begebenheit mit meinem besten Freund. Wir gingen in eine Bar, bestellten Bier und sagten nichts. Nach 45 Minuten meinte mein Freund: «Nettes Wetter.» Ich entgegnete: «Sind wir hergekommen, um zu schwatzen oder um zu trinken?» Heute klingt das natürlich wie ein Witz und wird auch so aufgefasst. Aber genau so ist es damals passiert.

Woher holen Sie die Inspiration für Ihre Filme?
Wenn Sie meine Filme gesehen hätten, wüssten Sie das. Von nirgendwo her.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 28.09.2011, 16:01 Uhr

Aki Kaurismäki: «Je deprimierter ich bin, desto optimistischere Filme drehe ich.» (Bild: zvg)

«Le Havre» von Aki Kaurismäki

Ganz schön märchenhaft: Im französischsprachigen Film «Le Havre» läuft der Finne Aki Kaurismäki wieder zu grosser Form auf.Aki Kaurismäki, geboren 1957 in Finnland und wohnhaft in Portugal, ist der lakonischste Tragikomiker des zeitgenössischen Autorenkinos: Maulfaule Helden, ausgesuchte Tristesse und eine reduzierte Inszenierung in den Lieblingsfarben Blau, Rot und Gelb machen jeden seiner Filme unverwechselbar.
In «Le Havre» erzählt der finnische Regisseur von einem französischen Schuhputzer (André Wilms), der vom Schicksal doppelt geprüft wird: Seine Frau (Kati Outinen) erkrankt schwer, ihr Tod scheint eine Frage der Zeit. Dazu bedarf ein Flüchtling (Blondin Miguel), versehentlich in Le Havre gestrandet, seiner Hilfe.

Lose anknüpfend an «La vie de Bohème» (1991) nutzt Kaurismäki das aktuelle Thema Immigration, um in Old-Fashion-Manier ein modernes Märchen zu erzählen. Das sieht aus, als hätten sich Charlie Chaplin und Jacques Tati zum entspannten Fachsimpeln getroffen. Zwar werden die Grenzen der Wahrscheinlichkeit in «Le Havre» fortlaufend überschritten, die für Kaurismäki typische Melancholie ist nur noch in Spurenelementen vorhanden. Doch selten war es vergnüglicher, so vielen Gutmenschen aufs Mal zuzuschauen. Unverfälschte Poesie – das ist die grosse Kunst, die Kaurismäki wie kein Zweiter beherrscht.

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