«Ich war eine Barbie-Puppe»
Von Lukas Rüttimann, Los Angeles. Aktualisiert am 25.01.2012 1 Kommentar
Man On A Ledge
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Mister Worthington, in «Man on a Ledge» stehen Sie einen ganzen Film lang auf dem Fenstersims im 22. Stock eines New Yorker Hotels. Und das mit Höhenangst.
Ich leide nicht unbedingt unter Höhenangst, eher unter der Angst, herunterzufallen und auf dem Boden aufzuschlagen (lacht). Ich glaube, jeder mit gesundem Menschenverstand hat Respekt davor, 100 Meter über dem Boden auf einem Sims zu stehen.
Hatten Sie nun Angst oder nicht?
Ich hatte Respekt. Ich fühlte eine grosse Beklommenheit.
Angst.
Ein sehr ungutes Gefühl, einigen wir uns darauf (schmunzelt). Als ich das erste Mal auf den Sims kletterte, war ich froh, dass ich nicht gleich die Fötus-Stellung eingenommen habe und in Tränen ausgebrochen bin.
Waren Sie denn nicht gesichert?
Doch. Ich hing an einem losen Sicherheitsseil, das ich aber nicht gespürt habe. Das war auch gut so, denn es hätte mein Spiel zu sehr beeinflusst. Es hat aber jedes Mal geklickt, wenn ich mich ungeschickt angestellt habe. Das Seil hat mir sicher ein Dutzend Mal das Leben gerettet.
Warum haben Sie diese Rolle überhaupt angenommen?
Gute Frage. Es war eines dieser Drehbücher, die man gebannt durchliest, dabei aber vergisst, dass man diese Rolle auch noch spielen sollte. Dabei war der Titel unmissverständlich: Mann am Abgrund.
Was wurde im Studio gedreht – und wie viel tatsächlich in luftiger Höhe?
Eine Menge. Ich hätte nie gedacht, dass die so viele Szenen auf diesem verdammten Sims drehen. Die Kameraleute sind an Seilen um mich herum geschwungen und haben gefilmt; die hatten den schlimmeren Job als ich.
Sie waren zuletzt oft in Effekt-geladenen Produktionen wie «Clash of the Titans» und «Avatar» zu sehen. Ist diese charakterorientierte Rolle das logische Kontrastprogramm dazu?
Nein. Ich wähle meine Rollen nach dem einfachen Prinzip aus, ob ich mir den Film selber auch anschauen würde. Ich lese das Drehbuch und frage mich: Würde ich dafür 16 Dollar ausgeben? Mein Job ist es, den Leuten für ihr Geld etwas zu bieten.
Wobei Sie auffallend oft Militärpersonal spielen. Absicht?
Das sind einfach die Rollen, die ich derzeit angeboten bekomme. Ich würde auch lieber etwas anderes spielen.
Zum Beispiel?
Eine Komödie. Ich denke, Russell Crowe, Christian Bale und ich, wir drei wären ein ganz grosses Comedy-Trio. Das ist meine heimliche Fantasie (lacht). Im Ernst: Ich mag einfach Actionfilme. Mir ist bewusst, dass ein Film wie «Man on a Ledge» nicht die Neuerfindung des Kinos ist. Aber gerade diese Vertrautheit muss man willkommen heissen. Ich habe mich sogar an Filmen wie «The Negotiator» oder «Phone Booth» orientiert und versucht, das Beste aus ihnen für mich herauszuziehen. «Man on a Ledge» ist ein einfacher Film, der hält, was er verspricht. Er versucht nicht cleverer zu sein, als er ist.
Sie haben auf die Frage, ob Sie Hollywood erobern wollen, mal gesagt: Hollywood soll besser mich erobern. Das scheint ganz gut zu klappen.
Nun ja, ich würde das Wort «erobern» heute nicht mehr verwenden. Das war damals etwas arrogant. Aber ich bin sehr happy, wie es läuft.
Im Gegensatz zu Ihren Comedy-Kollegen Bale und Crowe liest man auch kaum etwas über Sie in der Presse: Keine Schlägereien, keine Partys, keine Skandale.
Natürlich nicht, ich bin ein Softie. Ich geh nach Hause, mache die Wäsche und schaue TV. Sehen Sie, in meinem Job bekämpfe ich Aliens, ballere in der Gegend rum oder stehe im 22. Stock auf dem Sims. Wenn die Monster erledigt sind, will ich meine Wäsche machen.
Immerhin surfen Sie.
Ich bin Australier, was denken Sie! Ich verbringe eine Menge Zeit mit meinem Surfbrett auf Hawaii.
Gibt es eigentlich eine Aussie-Szene in Hollywood? Gehen Sie mit Leuten wie Hugh Jackman, Russell Crowe oder Nicole Kidman aus?
Wenn ich in Los Angeles bin, drehe ich meist Filme. Ich hänge nicht in Hollywood herum. Ich bin nicht sonderlich scharf darauf, in Klatsch-Magazinen stattzufinden.
Sehen Sie «Avatar» rückblickend als Fluch oder als Segen?
Natürlich hat mir der Film viele Türen geöffnet. Ich kriege viele Anrufe von jungen australischen Regisseuren, die mit mir einen Film drehen wollen. Sie meinen dann, ich könnte sie bekannt machen. Und ich muss ihnen dann leider sagen, dass sie sich verpissen sollen. Ich helfe jungen Talenten gerne, einen guten Film zu machen – aber nicht, berühmt zu werden. Auch ich muss meine Entscheidungen gut abwägen.
Können Sie schon etwas zu «Avatar 2» verraten?
Ich sehe James Cameron nächste Woche. Er arbeitet daran, aber er lebt auch sein Leben. Jim hat viele andere Dinge im Kopf. Ich kann nur sagen, dass ich es absolut lieben würde, «Avatar 2» zu machen. Man kann von James Cameron unglaublich viel lernen, von seiner Art zu filmen. Cameron bewirkt, dass man seine Grenzen überschreitet. Die meisten schlechten Angewohnheiten, die ich in den letzten Jahren entwickelt habe, sind das Resultat meiner Arbeit mit ihm (lacht). Der Mann kann einem Angst machen – und das sage ich als Australier.
Apropos – was halten Sie von der Art und Weise, wie die New Yorker in «Man on a Ledge» dargestellt werden?
Sie meinen, weil sie unten stehen und «spring runter!» rufen? Das sind alles enttäuschte Fans meiner letzten Filme (lacht). Nein, die Strassen waren abgesperrt und viele Leute mussten zur Arbeit. Die waren sauer und haben das teilweise ernst gemeint. So sind die New Yorker halt, ich liebe sie.
Sind Sie denn nicht glücklich mit Ihren Filmen?
Ich war nicht zufrieden mit «Clash of the Titans». Ich hatte persönlich keine gute Zeit beim Dreh. Und ich war nicht glücklich mit dem, was ich in diesem Film von mir zeigen konnte. Ich hatte das Gefühl, dass ich das Publikum enttäuschte. Ich konnte meiner Rolle kein Profil geben; ich war ein Durchschnitts-Actionheld. Eine Barbie-Puppe. Das hat mich in ein tiefes Loch fallen lassen. Bei «Man on a Ledge» wollte ich wieder ich selbst sein. Dieser Film war für mich ein Befreiungsschlag.
Dürfen wir demnach von «Wrath of the Titans» Besserung erwarten?
Auf jeden Fall. Dieser Film rockt, das verspreche ich. Ich habe diesmal versucht, meiner Rolle echtes Profil zu verleihen. Ein Charakter zu sein, zu dem ein kleiner Junge im Kinosaal aufschaut und sich sagt: Ja, mit diesem Typen will ich die nächsten zwei Stunden zusammen auf eine Reise gehen.
(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 25.01.2012, 14:13 Uhr
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