Kultur

Im neuen Tarantino geht Brad Pitt auf Nazi-Jagd

Von Florian Keller, Cannes. Aktualisiert am 22.05.2009

Invasion der Deutschen an den 62. Filmfestspielen in Cannes: Tarantino skalpiert Nazis, Michael Haneke berichtet aus einem bigotten deutschen Dorf.

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Mit Brad Pitt an der Spitze (r.) schickt Tarantino in seinem neusten Film einen Trupp jüdisch-amerikanischer Soldaten hinter die feindlichen Linien im besetzten Frankreich.

   

Es ist alles eine grosse Maskerade. Der rote Teppich hoch zum Palais gibt uns das Gefühl, als würden wir einen Tempel betreten, das Heiligtum des Kinos. Aber bei Tageslicht fällt die glamouröse Illusion in sich zusammen, die Wahrheit ist ein scheusslicher Klotz. Es bleibt dabei: Der Festivalpalast in Cannes sitzt wie ein gigantischer Bunker an der Côte d’Azur. Es braucht nicht viel Fantasie, und der Palais erinnert an die Betonblöcke, mit denen die Nazis einst die französische Atlantikküste befestigten. Man kann sich also keinen passenderen Ort denken für die Weltpremiere von Quentin Tarantinos «Inglourious Basterds».

Schauplatz ist Frankreich während der deutschen Besatzung, und Brad Pitt kommandiert einen Trupp von Nazi-Jägern, die ihr kriegerisches Brauchtum bei den Apachen abgeschaut haben: Sie sammeln die Skalps der getöteten Nazis. So weit, so brachial. Doch das ist bloss eine Randgeschichte in dem grossen Geheimplan, den Tarantino hier vorführt: Die Jüdin Shosanna (Mélanie Laurent), die in Paris ein Lichtspielhaus führt, will sich für das Massaker an ihrer Familie rächen, und ihre Waffe gegen die Nazis ist das Kino selbst.

Brennende Filme beenden den Krieg

Wie das geht? Zur Premiere eines deutschen Heldenfilms erwartet Shosanna die gesamte Führungsgarde des Dritten Reichs in ihrem Theater. Und während sich die Nazis im Saal an ihrer Propaganda ergötzen, will sie das Kino abfackeln – mit einem Stapel hochentzündlicher Nitratfilmkopien, die im Keller lagern. Für den Filmfanatiker Tarantino muss dies das ultimative Opfer sein: Um die Welt zu retten, verbrennt die Frau ein ganzes Filmarchiv.

«Inglourious Basterds» ist Tarantinos Fantasie von einem anderen Ende des Zweiten Weltkriegs. Gegen die gescheiterte «Operation Walküre» von Stauffenberg erträumt er sich eine «Operation Kino», bei der die Nazis angesichts ihrer eigenen Propaganda zugrunde gehen. Das ist als Idee bestechend, bleibt im Film aber sträflich unterentwickelt. Soll man das Inferno gegen Hitler besser mit den Werken von Jean Renoir anfachen oder mit solchen von Pabst? Solche Fragen erörterte Tarantino an der Pressekonferenz mit mehr Witz, als er es im Film tut.

Die Sorgfalt in den Dialogen, die Anleihen beim Spaghetti-Western und der Secondhand-Soundtrack – in allem ist «Inglourious Basterds» unverkennbar ein Tarantino. Aber ansonsten ist das fast schon bürgerliches Ausstattungskino, was er hier macht. Und fatal für einen Tarantino-Film: Es fehlen die prägnanten Charaktere. Brad Pitt spielt seinen Kopfjäger wie auf Standby. Und bis auf den öligen Gestapo-Offizier, von Christoph Waltz mit ausgesuchter Pedanterie gespielt, gibt es keine Figur, die hängen bleibt.

Eine Generation weiter zurück geht der Österreicher Michael Haneke, ein grosser Antipode des Kinos à la Tarantino. Mit seinem norddeutschen Bauerndrama «Das weisse Band» hat Haneke erstmals seit zwölf Jahren wieder in deutscher Sprache gedreht, und im Untertitel steht in trügerischer Unschuld: «Eine deutsche Kindergeschichte». Da werden Kinder misshandelt, ein Bauer hängt sich auf, die Scheune des Gutsherrn geht in Flammen auf. Vom Plot her könnte man das einen Mystery-Thriller nennen, der von Untaten in einer verstockten protestantischen Dorfgemeinde erzählt. Aber das Mystery bleibt bis zuletzt ein Rätsel, und der Thriller ist so spröde wie die Menschen, von denen er handelt.

Feinste Graustufen

Dabei ist «Das weisse Band» formal von einer Konsequenz, die ihresgleichen sucht. Das kündet sich schon in der protokollarischen Erzählerstimme des Lehrers an, der uns durch den Film begleitet. Und es versteht sich von selbst, dass das kein Farbfilm sein kann. Aber selbst ein körniges Schwarzweiss wäre noch zu sinnlich für diese Gemeinde, und so hat Haneke seine streng abgezirkelten Szenen in feinsten Graustufen komponiert. Lieben kann man diesen Film unmöglich – dafür ist er zu puritanisch. Das ist nicht mehr die Vergletscherung der Gesellschaft, wie Haneke sein altes Thema nannte. Was wir hier sehen, sind gefriergetrocknete Seelen unter einem unbarmherzigen Gott.

Die Religion ist in diesem Krisenjahr überhaupt eines der grossen Themen in Cannes. Lars von Trier hat polarisiert mit seinem «Antichrist», der Ex-Fussballer Eric Cantona spielte sich selbst als Heiligen Eric von Manchester («Looking for Eric»). Und im Film des Koreaners Park Chan-wook verwandelte sich ein katholischer Priester in einen gewissenhaften Blutsauger («Thirst»). Doch den stärksten Eindruck hat bislang ein unchristlicher Prophet aus Frankreich hinterlassen. Da ist man im stark besetzten Wettbewerb auf die grossen Namen fixiert – und dann überfällt einen das packendste Kino aus einer Ecke, wo man es nicht erwartet hätte. So geschehen mit dem Franzosen Jacques Audiard und seinem Film «Un prophète».

Das Zuchthaus als Startrampe

Audiard schickt hier einen jungen Araber für sechs Jahre ins Zuchthaus, und wie er uns mit subjektiver Kamera in diese vergitterte Existenz entführt, nimmt dieser Film vom ersten Momenten an physisch gefangen. Wir wissen nicht, wo dieser fast noch minderjährige Sträfling herkommt oder was er getan hat. Wir wissen nur: Er heisst Malik, sein Rücken ist gezeichnet mit blutigen Striemen. Bald kommen ein paar Schrammen dazu, denn unter den Insassen regiert die korsische Mafia wie ein eigener kleiner Polizeistaat unter den Augen der Staatsgewalt.

Die archaischen Gesetze im Zuchthaus, das Heldenlied vom blutjungen Aufsteiger bei der Mafia – es sind eigentlich abgenutzte Schablonen des Gangsterkinos, die Audiard hier aufbereitet. Dadurch aber, dass er die beiden Motive miteinander verschaltet, setzt er eine Energie frei, die auch das Denken ankurbelt. Was ist der Sinn einer Strafanstalt? Das Ziel, so lernt Malik von einem Insassen, müsse sein, ein bisschen schlauer zu sein, wenn man am Ende der Strafe wieder herauskomme. Und Malik lernt schnell. Einmal leer schlucken, und er ist zum Mörder geworden, weil es der korsische Pate so befohlen hat.

Für Malik funktioniert das Zuchthaus als Startrampe für eine Karriere im organisierten Verbrechen. Es ist, als wären Scorseses «Goodfellas» bei Foucault in die Schule gegangen: Stilistisch so brillant wie die besten Filme eines Michael Mann, zeigt «Un prophète» die Strafanstalt als Institution, die Verbrecher produziert. Und als der Junge nach zweieinhalb Kinostunden aus dem Gefängnis entlassen wird, steht ihm draussen die halbe Unterwelt zu Diensten.

Nur: Die letzte französische Palme für «La classe» liegt ja erst ein Jahr zurück, und schon dort spielte fast der ganze Film hinter Mauern (nicht im Knast zwar, aber in einer Schulklasse). Schon deshalb dürfte es für Audiards unbarmherzigen Propheten kaum eine Goldene Palme geben. Dennoch: Am Regisseur oder seinem jungen Hauptdarsteller Tahar Rahim wird die Jury morgen Abend nicht vorbeikommen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.05.2009, 08:06 Uhr

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