«In jedem von uns steckt ein grosses Arschloch, ja?»
Von Florian Keller. Aktualisiert am 17.10.2009
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Ihr neuer Film «Das weisse Band» ist ein Whodunnit, in dem es Ihnen auch um eine Vorgeschichte des Faschismus geht. Was war die Keimzelle dazu?
Ich hatte die Idee von einem Kinderchor, der die Prinzipien seiner Erzieher verabsolutiert und sich dadurch zum Richter derer aufwirft, die diese Prinzipien predigen, sie aber nicht leben. In dem Moment, wo man solche Prinzipien verabsolutiert, werden sie unmittelbar unmenschlich. Ob das eine politische oder eine religiöse Idee ist, ist dann Wurst. Wer sie vertritt, ist im Besitz der Weisheit, und alle anderen sind die zu unterwerfenden Feinde. Das ist die Wurzel jedes Terrorismus - ob er nun religiös ist oder politisch, von rechts oder von links.
Das klingt sehr allgemein . . .
Ich möchte es auch gern allgemein verstanden wissen, im Ausland. Ich möchte vermeiden, dass die Ausländer sagen: Das betrifft ja nur die Deutschen. Wenn ich in Deutschland bin, werde ich schon insistieren, dass es ein deutsches Thema ist.
Das protestantische Klima wirkt unheimlich beklemmend in Ihrem Film. Ist das auch als Religionskritik zu verstehen?
Nicht als Kritik. Es ist einfach ein Faktum, dass der deutsche Faschismus anders ausgesehen hat als der italienische. Jedes Land hat sein geistiges Klima. Ich bin in einem liberalen Haushalt aufgewachsen, aber mein Vater war evangelisch, was in Österreich eine absolute Rarität ist. Als Kind hat mich die Strenge und der Elitismus dieser Religion fasziniert. Da gibt es ja nicht den Priester dazwischen, der dann vergeben kann. Dieses direkte Verhältnis zu der Instanz da oben - das hat etwas sehr Intellektuelles und Arrogantes. Das hat mir mit 14 sehr gut gefallen.
In Ihren Filmen waren Sie immer sehr explizit in der Darstellung von Gewalt und . . .
Nö, stimmt ned. In «Funny Games», meinem sogenannt gewalttätigsten Film, sieht man sehr wenig. Einmal wird da geschossen, und dann wird gleich wieder zurückgespult. In allen meinen Filmen findet Gewalt immer im Off statt. Aus zwei Gründen: Erstens einmal haben gezeigte Gewaltakte immer etwas Obszönes beziehungsweise Pornografisches. Zweitens ist es effizient, mit der Fantasie des Zuschauers zu spielen. Das Gespenst ist immer weniger spannend als die knarrende Treppe. Das haben auch grosse Horrorfilmregisseure kapiert. Ich sage immer: Wichtige Sätze müssen ins Off gesprochen werden. Da hört man besser hin.
Trotzdem: Woher rührt Ihre Faszination für körperliche und seelische Misshandlungen?
Das ist keine Faszination. Ich muss umgekehrt fragen: Bei einem Tarantino regt sich niemand auf, wenn da ziemlich viel Blut fliesst. Da fragt keiner danach. Warum? Weil es dort konsumierbar ist. Bei mir wird Gewalt als etwas Fatales dargestellt, und dann fragt man mich: Warum sind Sie so fasziniert davon? Ich bin überhaupt nicht fasziniert, ich finds grauenhaft. Deshalb spreche ich in meinen Filmen darüber.
Liebenswürdige Figuren sucht man in Ihren Filmen oft vergeblich, das ist in «Das weisse Band» nicht anders. Was haben Sie selbst für ein Verhältnis zu Ihrem Personal?
Erst mal mag ich immer alle meine Figuren, sonst könnte ich das gar nicht schreiben. Ich muss mich ja in jede Figur hineinversetzen. Auch in ein Arschloch muss man sich hineinversetzen. Und in jedem von uns steckt ein grosses Arschloch, ja? Das muss man nur hervorgraben. Ich mach das mit grossem Vergnügen. Aber natürlich ist das auch eine Frage des Handwerks. Es gibt eine künstlerische Tugend, und das ist Genauigkeit.
Durch die altertümliche Erzählerstimme wirkt «Das weisse Band» wie die Verfilmung eines Romans, den es gar nicht gibt. Was war die Absicht dahinter?
Man sucht halt immer eine Form, die dem Inhalt am angemessensten ist. Ich hab mich beim Schreiben der Erzählerstimme an Fontane orientiert, damit man leichter in die Atmosphäre eintaucht. Ich hab mich redlich bemüht, die Sprache zu antikisieren. Das war jedenfalls die Absicht, dass es möglichst authentisch klingt. Weil gehört hats ja niemand.
Man denkt dabei unweigerlich auch an eine Verfremdung im brechtschen Sinne.
Aha. Ich fühle mich da nie so wohl. Natürlich, bei einer Verfremdung fällt einem als Erstes immer Brecht ein. Aber bei Brecht ist da immer ein ideologischer Hintergrund. Der will mich ja immer zu irgendwas überreden. Ich will niemanden zu etwas überreden. Nehmen Sie die Filme von Bresson. Die sind auch sehr verfremdet, aber Bresson kommt nicht aus einer ideologischen Ecke.
Was war die Überlegung, in Schwarzweiss zu drehen?
Wir kennen diese Zeit nur in Schwarzweiss. Alles Bildmaterial, das aus dieser Epoche überliefert ist, ist schwarzweiss. Durch die Erfindung der Fotografie und des Films war der Beginn des 20. Jahrhunderts in unseren Köpfen in Schwarzweiss. Wenn Sie heute einen Film übers 18. Jahrhundert oder früher machen, wird er meistens in Farbe sein. Denn das Einzige, was wir da an Bildmaterial kennen, sind Gemälde, und die sind in Farbe. Ausserdem ergibt das Schwarzweiss eine bestimmte Distanzierung. Farbe gibt immer so eine falsche Illusion von Naturalismus.
Hatten Sie Probleme mit Ihren Produzenten, weil Sie den Film nicht in Farbe drehen wollten?
Das war ein Kampf, weil die natürlich nicht sehr glücklich sind damit. Vor allem für die Fernsehanstalten ist Schwarzweiss nicht sendbar, weil dann die Leute anrufen und sagen, ihr Fernseher sei kaputt. Es gibt noch einzelne Sender, die wollen «Das weisse Band» in Farbe haben, aber das müssen die ohne mich machen. Da besteht natürlich die Möglichkeit, dass irgendeine idiotische Anstalt den Film in Farbe zeigt - was ich nicht hoffe. Ich finde, es ist einsichtig, warum er schwarzweiss ist. Wenn das jetzt jemand ruinieren will - ohne mich.
Hier geht das Böse. Szene aus «Das weisse Band». Foto: Filmcoopi (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 17.10.2009, 14:59 Uhr
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