Ist Harry Potter schon reif genug, um das Böse zu besiegen?
Von Christine Lötscher. Aktualisiert am 15.07.2009
Sechs von sieben «Harry Potter»-Romanen spielen zu grossen Teilen in einer Schule, dem Zaubererinternat Hogwarts. Die jungen Hexen und Zauberer lernen dort alles, was sie brauchen, um – ja, wozu lernen sie eigentlich Zaubertränke brauen und mit Drachen umgehen, wenn der böse Voldemort doch im Begriff ist, ihre Welt zu zerstören? Was sie lernen, ist Schulwissen. Die wichtigsten Informationen aber gehören nicht zum allgemein zugänglichen Wissenskanon. In der Potter-Welt wird alles, was Harry wissen muss, um Voldemort zu besiegen, als Geheimwissen von wenigen Eingeweihten gehütet und erst im letzten Moment preisgegeben. An die zauberische Öffentlichkeit gelangt davon gar nichts, höchstens in Form von Verschwörungstheorien: Die Medien, die in den Potter-Büchern ständig parodiert werden, verbreiten grundsätzlich Lügen und Halbwahrheiten.
Erst in «Harry Potter und der Halbblutprinz» erfährt Harry endlich, was sein Todfeind, der grössenwahnsinnige Massenmörder Voldemort, im Schilde führt. Informelle Privatlektionen bei seinem Mentor, dem Schuldirektor Albus Dumbledore, lassen ihn in die Erinnerungen von wichtigen Zauberern eintauchen. Das «Denkarium», eine Art magisches Mikrochip-Lesegerät, macht es möglich. Diese Erfindung dient der Autorin J. K. Rowling vor allem dazu, die Hintergrundgeschichten zu erzählen, die Harry kennen muss, um am Ende, einen Band später, den Bösewicht besiegen zu können.
Nicht vollkommen gelungen
Der Film von Regisseur David Yates, der heute in die Kinos kommt, ist nicht in allen Teilen gelungen. Doch indem er Harrys Entwicklung und seine Emanzipation von erwachsenen Helfern in den Mittelpunkt stellt, trifft er einen wichtigen Kern der Romanserie: Wissen allein hilft dem Helden nichts, wenn er nicht reif genug ist, um es auch zu verstehen. Das ist ein altes Motiv, das schon im mittelalterlichen Ritterroman vorkommt und in Märchen. Wenn der Film diese Entwicklung Harrys nicht zeigen würde, könnte auch der Showdown nicht folgerichtig stattfinden. Denn Harry muss vor allem lernen, den Versuchungen der Macht zu widerstehen.
Im siebten Band sind es die drei Heiligtümer des Todes, die ihm, wenn er wollte, ungeheure Macht verleihen würden. In der Verfilmung von Band sechs wird diese Versuchung vorbereitet: Harry stösst zufällig auf ein Schulbuch – «Advanced Potion Making» von Libatius Borage –, in das ein früherer Schüler seine Kommentare zu den Zaubertrank-Rezepten beigefügt hat, ergänzt durch selbst erfundene Zaubersprüche mit fataler Wirkung. «Eigentum des Halbblutprinzen», steht vorne im Buch, ohne einen Hinweis darauf, wer dieser Prinz sein könnte.
Magisches Wissen kontrollieren
Vom Halbblutprinzen, sagt Harry im Roman zu seinen Freunden, habe er mehr gelernt als von den Zaubertrank-Lehrern Severus Snape und Horace Slughorn zusammen. Dass sich hinter dem Halbblutprinzen kein anderer als Snape selbst verbirgt und dass Snape seinen Schülern nicht die wirksamen, sondern die im Schulkanon überlieferten Rezepte beibringt, verrät deutlich die doppelte Buchführung der Zaubererwelt, wenn es um die Tradierung von Wissen geht: Magisches Wissen soll nicht gelehrt und gelernt, sondern vor allem kontrolliert werden – entweder, wie beim halbdunklen Charakter Snape, durch strenge Selbstdisziplin oder durch ein starkes Bewusstsein für Recht und Unrecht, wie Harry es besitzt.
Denn Wissen, bei dem das Herz nicht dabei ist, sagt uns Rowling in ihren Büchern, bringt der Welt nichts Gutes. Und eigentlich ist es gar nicht Voldemorts grausige Seele, die Harry kennen muss, um das Böse zu besiegen – sondern sich selbst.
«Harry Potter and the Half-Blood Prince» läuft ab heute Mittwoch in Zürich in den Kinos Abaton, ABC, Arena, Capitol und Corso. Filmkritik morgen im «züritipp». (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 15.07.2009, 09:13 Uhr
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