«Jede Schauspielerin, die das Gegenteil behauptet, lügt»

Isabelle Huppert über Oscar-Ambitionen, das Vertrauen in «Elle»-Regisseur Paul Verhoeven und eine dressierte Katze.

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Isabelle Huppert, Sie sind mit «Elle» für den Oscar nominiert. Wollen Sie gewinnen?
Natürlich. Jede Schauspielerin, die Ihnen das Gegenteil behauptet, lügt.

Sie schienen äusserst glücklich zu sein, als Sie den Golden Globe bekamen.
Aber sicher. Nicht zuletzt auch, weil Paul Verhoeven als Regisseur ebenfalls ausgezeichnet wurde. Eine französische Schauspielerin und ein holländischer Regisseur gewinnen an einer amerikanischen Preisgala. Das darf sich gerne wiederholen.

Haben Sie schon eine Oscarrede vorbereitet?
Natürlich nicht, da bin ich abergläubisch. Man darf solche Dinge erhoffen, aber nicht planen. Ich würde ganz bestimmt dem Team danken, ich hätte ja «Elle» nie mutterseelenalleine drehen können. Obwohl ich mich beim Spielen sehr alleine fühlte. Das ist der Widerspruch in unserem Beruf – man ist einsam, aber mit vielen zusammen.

Der Film spielt mit Gewaltfantasien. Hat das heikle Thema zur Einsamkeit beigetragen?
Nein, das habe ich bei jedem Film, ob ich nun ein Hausmütterchen spiele oder eine Furie. Es hat nichts mit dem Inhalt zu tun, sondern mit der Konzentration auf die Rolle.

«Elle» läuft jetzt im Lunch-Kino und ab dem 2. Februar im regulären Programm.

Hat Sie das Thema nicht abgeschreckt?
Im Gegenteil. Mit irgendjemandem hätte ich den Film allerdings nicht gedreht. Paul Verhoeven war für mich die Garantie, dass es funktionieren würde.

Kannten Sie ihn vorher?
Ich war immer eine grosse Bewundrerin seines Werks, auch von seinen Filmen, die beim Kinostart durchfielen. Und ich kannte ihn lange vor seinem Abstecher nach Hollywood, mein erster Film von ihm war «Türkische Früchte».

Was gefiel Ihnen?
Wie er triviale Dinge, Elemente aus Thrillern, Science-Fiction und vielem mehr mischt und etwas Eigenes daraus macht. Er veranstaltet filmische Achterbahnfahrten, ich kenne keinen, der das so gut kann wie er. Er ist auch nicht hinterhältig, was er meint, ist auf der Leinwand. Es gibt keine Zweideutigkeiten gegenüber dem Publikum, aber auch nicht gegenüber den Darstellern, er stellt dir keine Fallen. Deshalb vertraue ich ihm.

Haben Sie lange über die Rolle diskutiert?
Um Himmels willen, nein. Stellen Sie sich vor, wie das wäre: «Also, als Nächstes drehen wir diese Szene. Was denkst du über ...» Wäh, ich würde sofort davonrennen. Ich will es einfach tun. Wir kamen nicht mal in Versuchung zu diskutieren.

Was geht Ihnen in diesem Fall durch den Kopf, wenn Sie drehen?
Nichts und alles. Das meine ich wirklich so, es ist keine leere Formel. In «Elle» war ich zwölf Wochen lang auf dem Set, bin in jeder Einstellung zu sehen. Da kommt man schon an einen Punkt, an dem man nicht einmal mehr denken will.

Also reiner Instinkt?
Irgendwie schon. Mir war schon klar, dass es ein riskantes Projekt ist. Um das zu spielen, darf man nichts hinterfragen. Sobald man eine Liste aufstellt, mit Dingen, denen man misstraut, geht es bestimmt in die Hose. Es braucht 100 Prozent Selbstvertrauen.

Das haben Sie immer?
Wenn ich spiele schon, sonst nicht. Das ist mein kleines Geschenk, das ich vom Leben erhalten habe. Wissen Sie: Diese Elle ist es eine starke Frau, kein Opfer. Sie ist furchtlos, sie ist einsam, sie hat ganz klare Eigenschaften. Das macht das Spiel einfach. Und es hilft natürlich, wenn man in den andern Rollen so gute Partner hat wie ich in diesem Film.

«Eigentlich hätte sie den Oscar verdient» – Huppert mit tierischem Filmpartner.

Eine wichtige Rolle spielt eine Katze.
Ja, es gibt diese Grossaufnahme von ihr, in der Eröffnungsszene. Ich sage mir immer, das ist Paul Verhoeven selber, der die Szene beobachtet. Aber die Katze war erstaunlich. Sie musste in meine Arme springen, wenn ich heimkomme, und das hat sie zwölfmal getan. Ich hatte noch nie mit einer dressierten Katze gearbeitet, wusste gar nicht, dass es so etwas gibt. Eigentlich hat sie den Oscar verdient.

Bei den Golden Globes hat Meryl Streep eine flammende Anti-Trump-Rede gehalten ...
... das war sehr mutig von ihr. Gut gemacht.

Würden Sie so etwas auch tun, vielleicht bei den Oscars?
Ich bin keine Amerikanerin. In Frankreich sind wir gegenwärtig noch nicht in der Situation, solche Reden halten zu müssen. Aber vielleicht ist es ja bald so weit. Dann werde ich es mir schon genau überlegen.

Elle läuft ab dieser Woche in den Kinos, die Oscarverleihung ist am 26. Februar. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.01.2017, 16:40 Uhr

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