Kultur

Jeder Schuss ein Israeli

Von Erika Burri. Aktualisiert am 09.02.2011 37 Kommentare

Der umstrittene türkische Film «Tal der Wölfe» schürt mörderischen Hass – jetzt auch im Schweizer Kino.

Er trifft fast immer, und dennoch verschiesst er haufenweise Munition: Actionheld Polat Alemdar (Necati Sasmaz) im türkischen Film «Tal der Wölfe – Palästina».

Er trifft fast immer, und dennoch verschiesst er haufenweise Munition: Actionheld Polat Alemdar (Necati Sasmaz) im türkischen Film «Tal der Wölfe – Palästina».
Bild: PD

Nur im Film läuft alles nach Plan. Ein Schuss, ein Treffer. Der türkische Actionheld Polat Alemdar (Necati Sasmaz) spart dennoch nicht an Munition. Im Gegensatz zu seinem israelischen Kontrahenten, dem Bösewicht Moshe Ben Eliezer (Erdal Besikcioglu), trifft er aber meist – auch mal mitten ins Auge.

Im neuen türkischen Film «Tal der Wölfe – Palästina» rächt Alemdar jene neun türkischen Staatsangehörigen, die vergangenen Mai auf einem Hilfsschiff für Gaza erschossen wurden. Im Gegensatz zum ganzen Rest des Films ist dieses Ereignis, bei dem auch israelische Soldaten verletzt wurden, keine Fiktion.

Grausame Israelis

Schon lange bevor der Streifen Ende Januar in türkischen und deutschen Kinos angelaufen ist, sorgte er für Schlagzeilen: «Antisemitischer Propaganda-film», «groteske Übertreibung», «Hassgrüsse aus Ankara» titelten deutsche Medien. Tatsächlich kommen die Israeli im Film schlecht weg. Grausam, wie sie die Palästinenser in Ostjerusalem mit Panzern zusammentreiben und selbst auf Frauen und Kinder schiessen. Kein einziger Israeli zeigt Herz, deshalb ballert sie das Trio um den Actionhelden nieder. Klar, dass am Schluss alles «gut» herauskommt und Moshe, der Verantwortliche für die Toten auf dem Gaza-Schiff – nachdem eine Kugel schon sein linkes Auge getroffen hatte –, durch einen Schuss ins rechte Auge zur Strecke gebracht wird.

Als bekannt wurde, dass der Kinostart in Deutschland mit dem Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar zusammenfallen würde (die Produktionsfirma beteuerte, es sei Zufall), schreckte das sogar deutsche Politiker auf. Der Ruf nach Zensur wurde laut. Schliesslich gab die FSK, die deutsche Kontrollstelle, den Film erst ab 18 Jahren frei. Immerhin solidarisiert sich im Film eine amerikanische Jüdin mit den Palästinensern, und dies relativiert – obwohl sie äusserst hysterisch agiert – das so einseitige Judenbild der Alemdar-Gang.

Teuerste türkische Filmproduktion

Wie die Vorgängerfilme wird auch dieser «Tal der Wölfe»-Streifen, mit Kosten von zehn Millionen Euro die bisher teuerste türkische Filmproduktion, in der Türkei ein Kassenschlager werden. Schliesslich ist die Fernsehserie, auf welcher der Film basiert, ein Strassenfeger. Es heisst, dass am Donnerstagabend, wenn die Serie läuft, in Istanbul für einmal der Verkehr nicht kollabiert.

Auch in Deutschland läuft der vierte Film zur Serie in über 40 Städten. In der Schweiz ist er bisher nur in einem einzigen Kino zu sehen: im Kino Capitol in Olten. Es scheint, dass sich sonst niemand an der cineastischen Vergeltung die Finger verbrennen will. Vertrieben wird sie von einem jungen Schweizer Filmverleiher mit türkisch-kurdischen Wurzeln. Serkan Tastemur ist Geschäftsführer der Secondo Film GmbH, ein gemütlicher, dennoch wacher 31-Jähriger. Die Firma hat er letztes Jahr zusammen mit seinem Bruder und einem Freund, einem Italo-Schweizer, gegründet. Ihr Konzept: Filme in die Kinos bringen, die Secondos sehen wollen. Unterhaltung für Secondos gilt in der Branche als zunehmend lukrativ. Noch verkauft Tastemur, gelernter Kleiderverkäufer und Schauspieler, am Wochenende in einem Kitag-Kino Popcorn.

Hiebe statt Umsatz

Es läuft noch gar nicht nach Plan. Die Firma hat bisher mit dem Vertrieb politisch korrekter Filme noch keinen Rappen verdient. «Tal der Wölfe – Palästina» sollte die erhofften Einnahmen bringen. Doch statt Geld gibt es für den Filmverleiher Prügel. Die Hiebe kommen unter anderem aus Bern: Ein Berner Kinobetreiber hat wegen dieses Films gleich die ganze Zusammenarbeit mit Secondo Film gekündigt. Serkan Tastemur sucht noch nach einem Kino in Zürich. Doch statt dass er eine Zusage erhält, muss er sich ständig rechtfertigen.

Einschläfernd

Dabei hat er den Film selbst noch nicht einmal gesehen. So fahren wir gemeinsam mit ihm nach Olten und setzen uns ins Kino. Dort ist die Schreibende die Einzige ohne türkische Wurzeln. Es sind hauptsächlich Männer gekommen, eigens von Zürich nach Olten gereist, Fans der Serie. Eine Reihe weiter hinten sitzen drei Frauen; eine trägt Kopftuch. 40 Eintritte sind an diesem Donnerstagabend verkauft worden. Das bringt Tastemur, der während des ersten Teils des Films gegen den Schlaf kämpft, etwa 350 Franken ein. Den Film findet er dann nicht so rassistisch und auch nicht so antisemitisch, wie deutsche und israelische Medien schrieben. «Er ist einseitig erzählt, so wie fast jeder amerikanische Actionfilm auch», sagt er. Der Film bediene sich eines ganz einfachen dramaturgischen Gerüsts: hier die Guten, da die Bösen. «Für einmal sind die Türken gut und Einzelne aus der israelischen Armee böse.»

Der Film ist dermassen überzeichnet, und die Dialoge sind teilweise so plump, dass man am liebsten vorwärtsspulen möchte – wirklich ernst nehmen kann das niemand. So sagt der Actionheld an der scharf bewachten Grenze zu einem Soldaten: «Wir müssen eine Sprache sprechen, die sie verstehen.» Und schon wird geballert. Auch Oltener Kinogänger fragen sich nach dem Film: Was, drei gegen eine ganze Armee? So was! Schauspielerisch Eindruck macht nur ein Kind: der Sohn eines palästinensischen Mitstreiters. Er sitzt im Rollstuhl, weil er bei einem früheren Gefecht einen Schuss abbekam. Nun schafft er es nicht rechtzeitig aus der Wohnung, als die israelischen Bagger auffahren und sein Zuhause abreissen.

Diplomatische Krise

Die «Tal der Wölfe»-Produktionen haben schon mehr als einmal dazu geführt, dass es zwischen der Türkei und Israel diplomatisch kriselte. Vor einem Jahr wurde der türkische Botschafter ihretwegen ins israelische Aussenministerium zitiert – und dort auf einer tiefer liegenden Couch platziert. Das wurde als Demütigung empfunden. Als der Vize-Aussenminister vor laufender Kamera bei der Begrüssung dem Botschafter auch noch die Hand verweigerte, waren die Türken definitiv aufgebracht.

Das Entern des Gaza-Hilfsschiffs im Mai hat schliesslich zu einem Zerwürfnis geführt. Gerade erst hat eine israelische Untersuchungskommission das Stoppen der Schiffe mit den Hilfsgütern für die Palästinenser als rechtens bezeichnet. Mit dem Film nun hat sich das Verhältnis der beiden Länder noch weiter abgekühlt.

Kritik aus dem Heimatland

Der Film findet selbst in der Türkei nicht nur Zustimmung: Es sei Kino als Mittel zur kollektiven Befriedigung, eine virtuelle Masturbation, schrieb ein Kritiker in einer türkischen Tageszeitung. Schon die Serie habe dazu beigetragen, jeden Tag den Antisemitismus in der Türkei etwas mehr unters Volk zu mischen.

Im Zug zurück von Olten nach Zürich lehnt sich Serkan Tastemur zurück und sagt: «Jeder soll sich ein eigenes Bild des Films machen können.» Den Vorwurf, dass er mit der Verbreitung von «Tal der Wölfe – Palästina» den Hass gegen die Juden schürt, weist er von sich. Er sehe es als seine Aufgabe, auch Filme in der Schweiz zu vermarkten, über die die Welt kontrovers diskutiere.

Soeben konnte Serkan Tastemur den Betreiber des Cinewil in Wil SG für den Actionfilm gewinnen. So sehr er sich über den Deal freut, so muss selbst der Verleiher zugeben: Es gibt eleganteres türkisches Kino als die Ballermänner vom Wolfstal. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.02.2011, 12:48 Uhr

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37 Kommentare

christoph linge

10.02.2011, 12:48 Uhr
Melden 1 Empfehlung

wer sich nach etwas nachdenken über den film beschweren müsste, sind die menschen aus palästina: werden sie doch dargestellt als "die" tumben araber, gerademal fähig, sich blumig zu artikulieren, unfähig, ihre sache selber indie hand zu nehmen. da bleibt nur noch die hoffnung auf edn (natürtlich) türkischen erlöser. der mal eben flott zeigt, wie `s geht. osmanische arroganz lässt grüssen. Antworten


Parvaneh Ferhadi

09.02.2011, 16:55 Uhr
Melden

@Maurer: Rules of Engagement (2000), True Lies (1994), Wanted: Dead or Alive (1987) um nur drei von hundertend zu nennen. Man kann auch TV-Serien wie NCIS oder dergleichen nennen, welche aber den gleichen Stereotyp von Araber/Muslim=Freiwild propagieren. Der Dokumentarfilm "Reel Bad Arabs How Hollywood Vilifies a People" (2006) hat dies thematisiert. Antworten



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