Melanie Griffith wollte ein Foto von der Piazza Grande – das dauerte

Melanie Griffith schoss ein Bild von der Piazza Grande, und Jean-Pierre Léaud war ganz gerührt. Das Filmfestival in Locarno hat begonnen – mit Scarlett Johansson als Drogenschmugglerin.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Etwas umständlich, das alles. Aber es ist ja das Filmfestival Locarno, die Abläufe der Eröffnungsfeier sind ziemlich bröckelig, und Festivalleiter Carlo Chatrian redet noch immer, als habe er gar kein Publikum. Er liess Melanie Griffith auf die Bühne kommen, sie war hier, weil sie in einem Kurzfilm mitspielt. Sie wollte ein Foto machen von der Piazza Grande und durfte es auch – aber vermutlich wählte sie den Panoramamodus, und alles dauerte lang.

Jean-Pierre Léaud hingegen war gut vorbereitet. Er hielt eine rührende Rede und las ab von etwas, das wie Papyrus aussah. Das Festival ehrt den Schauspieler und Intimus von François Truffaut, weil dieser nun dreissig Jahre tot ist. Léaud erinnerte denn auch an die Nouvelle Vague und zog eine Linie zum anderen Kino von heute, dem ja auch das Locarno-Festival verpflichtet sei. Die Einladung hat ihn sichtlich gefreut – im Gegensatz zu Luc Besson, der extra eingeflogen worden war, damit er kurz den Eröffnungsfilm «Lucy» vorstellen und ansonsten das Festival zu seiner Existenz beglückwünschen konnte.

Anspielung auf Polanski-Einladung

Danke, Luc Besson, es redet jetzt Festivalpräsident Marco Solari. Er schlug einen Ton an, der sogar für ihn erstaunlich ernst war, und stellte sich «absolut» und mit Nachdruck hinter die Entscheidungen der künstlerischen Leitung. Damit gemeint war vor allem die Einladung von Roman Polanski, die in manchen Kreisen der Tessiner Politik zu Protest Anlass gegeben hatte. Solari indes erwähnte Polanski mit keinem Wort, die meisten wussten trotzdem, was er meinte, und die anderen fragten sich: Wann beginnt der Film?

Jetzt beginnt der Film. Es ist «Lucy» von Luc Besson, ein übersinnlicher Thriller. Scarlett Johansson ist diese Lucy, sie soll ultramoderne Drogen über Grenzen schmuggeln, aber ein paar Gramm gelangen versehentlich in ihren Körper und führen dazu, dass Lucy 100 Prozent ihrer geistigen Fähigkeiten abrufen kann – und nicht nur einen kümmerlichen Teil davon. Das nämlich sei der menschliche Normalfall, wie uns Morgan Freeman als Professor einer nicht näher genannten Disziplin erklärt.

Die superkluge Lucy jedenfalls kann Gedanken lesen und elektrische Strahlungen kontrollieren. Sprich: Supermensch und Schöpfungsgeschichte werden in «Lucy» aufs Pseudophilosophischste verquirlt, und Besson erzählt mit stroboskopischem Tempo. Offen blieb dann aber doch, warum Lucy, sobald sie superintelligent wird, mit einer Roboterstimme zu sprechen beginnt – und weshalb sie keine Gefühle mehr hat. Und wie viele Prozent seines eigenen Gehirns hat Luc Besson angezapft, als er etwas derart Unausgereiftes nicht nur selbst geschrieben, sondern auch noch verfilmt hat? (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 07.08.2014, 08:10 Uhr)

Artikel zum Thema

Hundert Jahre Betriebsamkeit

Was haben Bud Spencer und Viscontis «Il Gattopardo» gemeinsam? Ihr Produktionsstudio, das italienische Familienunternehmen Titanus. Das Filmfestival in Locarno zeigt eine umfangreiche Retrospektive. Mehr...

Der Stachel im Fleisch des Filmfestivals Locarno

Das Grand Hotel Locarno – lange gesellschaftlicher Mittelpunkt während des Filmfestivals – ist seit bald zehn Jahren geschlossen. Nach einem Verwaltungsgerichtsentscheid ist die Zukunft ungewisser denn je. Mehr...

Empörung über Polanskis Einladung

Für Filmfans sollte es ein Highlight werden, doch die Einladung von Roman Polanski zum diesjährigen Filmfestival Locarno sorgt im Tessin für Unmut. Ein CVP-Politiker äussert sich besonders drastisch zum Thema. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Service

Für Selbstständige und KMU

Tragen Sie Ihre Firma im neuen Marktplatz des Tages-Anzeigers ein.

Werbung

Blogs

Von Kopf bis Fuss Die Intimrasur kann der Gesundheit schaden

Blog Mag Willkommen in der Mitte

Abo

Digital Abos

Tages-Anzeiger unbeschränkt lesen:
Im 1. Monat nur CHF 1.-

Die Welt in Bildern

Die Kläuse sind los: Kostümiert rennen Hunderte Santa-Run-Teilnehmer durch die Strassen Athens. (4. Dezember 2016)
(Bild: Yorgos Karahalis/AP Photo) Mehr...