Kultur

Kino im Unterholz der Triebe

Von Florian Keller, Cannes. Aktualisiert am 19.05.2009

Der Exorzismus des Lars von Trier: Cannes steht im Bann von «Antichrist».

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Szene aus «Antichrist»: Charlotte Gainsbourg mit Willem Dafoe im Unterholz.

   

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Es ist Weihnachten in Cannes. An der Croisette liegt Schnee, zumindest vor den Toren zum Hotel Carlton. Zwei stattliche Christbäume stehen da, bunt geschmückt und bestäubt mit unschmelzbarem Kunstschnee. Das klingt nach Disney und ist es auch. Die künstliche Winterpracht wurde installiert, um für «A Christmas Carol» zu werben. Das ist Dickens in 3D, demnächst in unseren Kinos (demnächst, das heisst pünktlich zu Weihnachten).

Klinisch sauberer Sex mit Folgen

Geschneit hat es am Montag auch bei Lars von Trier. Aber hier kündete der Schnee von ganz und gar unheiligen Vorgängen. Der streitbare Däne eröffnet seinen neuen Film mit einer atemberaubenden Parodie von Hochglanzkino: Wir hören Händel und sehen Willem Dafoe mit Charlotte Gainsbourg beim ehelichen Sex unter der Dusche. Draussen schneits, drinnen gibts Penetration in Nahaufnahme, und das alles in extremer Zeitlupe und so klinisch sauber wie ein Werbespot. Während sich die Eltern aber ihrer Begierde widmen, steigt ihr kleiner Bub aus seinem Bettchen und stürzt vom Fensterbrett in den Tod. Der Film heisst «Antichrist».

Das Drehbuch soll Lars von Trier als Therapie gegen seine schwere Depression vor zwei Jahren geschrieben haben; den Film will er jetzt als Exorzismus seiner Ängste verstanden wissen. «Antichrist» war als Horrorfilm angekündigt, aber in seinem klaustrophobischen Fokus auf die trauernden Eltern ist das eher eine perverse Umdeutung von «Szenen einer Ehe».

Die Frau kapselt sich ab in ihrem Kummer, der Mann will ihr die Trauer mit therapeutischen Rollenspielen austreiben. Dafür zieht er sich mit ihr in eine Waldhütte zurück, und hier sagt die Frau dann Sachen wie: «Die Natur ist Satans Kirche.» Die Hütte übrigens, sie heisst Eden. Und im Wald lebt ein sprechender Fuchs.

Blutrote Ejakulation, Foltermethoden und Selbstverstümmelung

Ist das nun ein kühner Trip ins Unterholz der Triebe, eine psychohygienische Tortur oder nur symbolistischer Quark? Es ist, wie so oft bei Lars von Trier, alles auf einmal. «Antichrist» ist ein Showdown zwischen der einfältigen Vernunft des Mannes und der abgründigen Sexualität der Frau. Da gibt es eine blutrote Ejakulation, Foltermethoden wie aus dem Mittelalter und eine genitale Selbstverstümmelung aus weiblichem Selbsthass. Aber im Nebel der Wälder hat von Trier auch die Pracht des Kinos wiederentdeckt. Und das sind die beklemmendsten Bilder in diesem Film: die Natur, wie tiefgefroren in ihrer unbeseelten Schönheit.

Fussballer Cantona hilft in der Krise

Die letzte Pointe in diesem Hexensabbat folgt vor dem Abspann. «Dedicated to Andrej Tarkovskij» heisst es da. Bei der Presse löste die Widmung wieherndes Gelächter aus. Gelöster war das Lachen am Montag bei Ken Loach. Der Doyen des britischen Arbeiterkinos ist nicht eben bekannt für Feelgood-Filme, aber «Looking for Eric» ist genau das. Ein depressiver Pöstler (Steve Evets) sucht Trost bei seinem Idol von Manchester United. Als er so mit dem Poster neben seinem Bett redet, steht der Fussballstar plötzlich in Zivil bei ihm im Schlafzimmer: Eric Cantona, französisches Mittelfeldgenie a. D.

Cantona spielt den imaginären Lebenscoach für den Pöstler, dem er so wieder auf die Beine hilft – ein sehr diskreter Alltagsmessias, der seine Kalendersprüche selbst nicht ganz ernst nimmt. Und wenn der Mann von der Post seine Kumpels aus dem Fanklub zu einer handgreiflichen «Operation Cantona» aufbietet, besiegelt Loachs Film endgültig die triumphale Heimkehr des Eric Cantona: Das Enfant terrible des britischen Fussballs ist jetzt auch im französischen Tempel der Filmkunst angekommen. So berühren sich hier die Extreme: Der dänische Antichrist wird abgelöst vom Jesus aus dem Old Trafford. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.05.2009, 08:52 Uhr

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