«Kino ist die perfekte Übung in Empathie»
Von Michèle Wannaz. Aktualisiert am 06.01.2009 1 Kommentar
Erfolg mit Trostlosigkeit: Der Film «Le silence de Lorna» der Brüder Dardenne illustriert das harte Los einer Emigrantin. (Bild: Keystone)
«Le silence de Lorna»
Die junge Albanerin Lorna (Arta Dobroshi) geht für Geld eine Scheinehe mit dem Junkie Claudy (Jérémie Renier) ein. Sobald sie die belgische Staatsbürgerschaft hat, soll sie diese an einen Russen weitergeben – so will es zumindest der Mittelsmann. Doch als Claudy nicht von alleine stirbt, sondern dank neuem Lebensmut nach der Hochzeit sogar einen Entzug macht, müsste Lorna nachhelfen.
Die Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne, die belgische Antwort auf die dänische Dogma-Welle, setzen in ihrem neuen Film «Le silence de Lorna» einmal mehr auf unpathetische, kleine Gesten, die Grosses spürbar machen: existenzielle Angst, Verzweiflung und zwischendurch sogar so etwas wie Liebe. Für ihre dritte Goldene Palme nach «Rosetta» und «Lenfant» reichte es den beiden zwar nicht. Als Trost blieb ihnen in Cannes der Preis für das beste Drehbuch.
Denn auch wenn «Le silence de Lorna» visuell etwas geschliffener daherkommt als ihre früheren Filme: Radikal realistisch bis hin zur Dramaturgie des Todes schufen die Dardennes hier ein wunderbar karges Sozialdrama über die Kosten-Nutzen-Rechnung des Lebens – ein moralisches Anti-Märchen in bester Dardenne-Tradition. (waz)
Le silence de Lorna (Belgien 2008). 105 Minuten. Regie und Drehbuch: Jean-Pierre und Luc Dardenne. Mit Arta Dobroshi, Jérémie Renier, Fabrizio Rongione u.a.
Ab Donnerstag im Kino.
Sie geben nicht gerne Interviews. Warum kommt ausgerechnet die Schweiz zu dieser Ehre?
Jean-Pierre Dardenne: Ach, die Schweizer sind so herrlich gastfreundlich.
Luc: Gastfreundlich? Ich nenne das fast schon aufsässig. Alle zehn Minuten kommt einer rein und fragt, ob er uns Wasser nachschenken darf. Man kommt kaum dazu, einen Satz zu beenden.
Jean-Pierre: Das ist wegen der Uhren, die sie hier machen.
Luc: Aber Sie möchten bestimmt lieber über unseren neuen Film sprechen.
Richtig. In «Le silence de Lorna» geht es um die Scheinheirat einer Albanerin mit einem Junkie. Wie kamen Sie auf diese explosive Ausgangslage?
Jean-Pierre: Vor etwa acht Jahren erzählte uns eine Frau von ihrem Bruder, der von einer rumänischen Bande das Angebot bekam, eine Scheinheirat einzugehen. Die erste Tranche Geld würde er bei der Hochzeit bekommen und die zweite bei der Scheidung. Das ging uns nicht mehr aus dem Kopf. Und mit der Zeit hat sich dann diese Geschichte daraus entwickelt.
In Ihrem Buch «Au dos de nos images» zitieren Sie, Luc, einen Satz von Toni Morrison: Letztlich stelle sich immer die Frage, ob man in einer Notsituation einem anderen das Leben rettet oder es ihm nimmt.
Luc: Ja, das ist in der Tat eine Art Motto unserer Filme. Im Kern dreht sich am Ende alles um die Frage: Denke ich nur an mich oder auch an andere? Wie lange funktioniert das Soziale, wann setzt der pure Überlebenstrieb ein – und zu welchem Preis?
Jean-Pierre: Es geht uns aber nicht darum, andere zu verurteilen. Es ist viel zu einfach, vom bequemen Kinosessel aus zu sagen: «Nein, wie grausam! So etwas würde ich nie im Leben tun!» Wir wollen die Leute zum Nachdenken bringen. Darüber, wie sie selber unter gewissen Umständen handeln würden. Wenn es um das eigene Überleben geht, ist man plötzlich zu vielem fähig.
Das Leben der Protagonistin in Ihrem neuen Film ist aber nicht von Anfang an bedroht. Für den Traum einer eigenen Snackbar wird Lorna zu Beginn fast zur Mörderin.
Jean-Pierre: Ja, aber Sie müssen sehen, ein Junkie ist für viele eine Art Mensch zweiter Klasse. So auch für Lorna und ihre Hintermänner. Die denken, er bringt sich ohnehin schon selber um. Ob wir das noch beschleunigen oder nicht, ist doch egal.
In dem Moment, als er sich entscheidet, von der Droge wegzukommen, wird sein Leben für Lorna aber wieder schützenswert.
Luc: So ist es. Und genau denselben Prozess sollen auch die Zuschauer durchlaufen. Sie sollen diese Figuren am Rande der Gesellschaft, von denen wir erzählen, verstehen lernen. Kino ist die perfekte Übung in Empathie.
Sie schreiben, produzieren und inszenieren alle Ihre Filme gemeinsam: Drei Einstellungen der eine, drei der andere. Gibt es da oft Streit?
Jean-Pierre: Das ist wieder diese typische Frauenfrage. Männer fragen uns das nie.
Luc: Ja, die Frauen wollen geradezu, dass wir uns streiten!
Jean-Pierre: Männer sehen in uns eine Utopie des friedlichen Funktionierens, des Einsseins, gemeinsamen Schaffens. Wir verkörpern für sie etwas, wovon sie selber träumen.
Sie streiten sich also nie?
Luc: Sie werden enttäuscht sein: Nein.
Jean-Pierre: Nun ja. Ganz so stimmt das nun auch wieder nicht.
Luc: Wie meinst du das?
Jean-Pierre: Als Kinder haben wir uns natürlich schon gestritten.
Luc: Ja gut, als Kinder! Aber da ging es darum, wer gerade recht hat, wer besser ist, um solch dummen Kinderkram halt. Heute sind wir älter und weiser. Wir wollen gemeinsam einfach den besten Film machen, der uns möglich ist. Rivalität spielt hier keine Rolle.
Jean-Pierre: Wir können im Nachhinein nicht mehr sagen, welche Idee von wem stammt. Das interessiert uns auch nicht.
Luc: Natürlich haben wir ab und zu Meinungsverschiedenheiten. Aber eigentlich nur am Anfang. Dann probieren wir die Dinge eben aus. Und meist gibt es danach gar nichts mehr zu diskutieren. Denn unsere Geschichten sind grösser als wir. Wir lassen uns von ihnen lenken, nicht umgekehrt. Sie entstehen, wachsen... und plötzlich stimmen sie.
Sie haben also immer den absolut gleichen Geschmack?
Luc: Ja, haben wir.
Jean-Pierre: Na, hör mal! Bei unseren Filmen vielleicht. Bei Frauen aber ganz und gar nicht. Seine Frau zum Beispiel würde es keine zwei Tage lang mit mir aushalten, das kann ich Ihnen versichern.
Luc: Zum Glück! Sonst würden wir wohl kaum noch zusammen arbeiten. In Bezug auf Filme und Literatur mögen wir aber immer dasselbe.
Jean-Pierre: Nun übertreib mal nicht, Luc. Dein ganzer Philosophiekram zum Beispiel interessiert mich wirklich nicht besonders. Und deine Wilhelm-Reich-Sachen übrigens ebenfalls nicht.
Luc: Stimmt, so etwas liest du gar nicht erst. Aber wenn du mal was liest, bist du eigentlich immer derselben Meinung wie ich. Oder lügst du etwa, um des Friedens willen?
Jean-Pierre: Nein, nein, das stimmt schon. Wir leben zwar beide unsere separaten Leben in verschiedenen Städten. Aber dadurch, dass wir so viel schon gemeinsam erlebt haben, haben wir anscheinend eine sehr ähnliche Denkstruktur entwickelt. Zumindest harmonieren wir perfekt.
Gab es denn wirklich nie Konkurrenzdenken zwischen Ihnen? Oder mussten Sie sich erst voneinander emanzipieren, um schliesslich so eng zusammenarbeiten zu können?
Jean-Pierre: Ich weiss nicht. Eine Zeitlang ging jeder seinen eigenen Weg. Luc studierte Philosophie, ich war auf der Kunstakademie. Das war vielleicht notwendig, damit wir wieder zusammenfinden konnten.
Heisst das, Sie teilen sich Ihre Rollen auf? Luc ist der Analytiker, Jean-Pierre eher der Intuitive?
Luc: Würde ich nicht sagen. Ich habe durch mein Studium keinen philosophischeren Blick auf unsere Filme, wenn Sie das meinen. Filme sind für mich kein Konzept. Da funktioniere ich genauso intuitiv wie Jean-Pierre.
Jean-Pierre: Und genauso analytisch.
Luc: Und genauso analytisch. Genau.
Sie erzählen immer von Einzelkämpfern, nie von einer grösseren sozialen Bewegung wie zum Beispiel der frühe Ken Loach. Warum?
Luc: Es ist nicht die Folge einer Gesellschaftsanalyse und schon gar kein politisches Statement, falls Sie darauf hinauswollen. Das hat rein dramaturgische Gründe. Wir lieben einfach die emotionale Konzentration auf eine einzige Figur. So lösen wir beim Publikum viel mehr aus.
In einem Interview hat mal einer von Ihnen gesagt, ich weiss nicht mehr, welcher...
Jean-Pierre: Das war sicher Luc!
...da haben Sie ein Plädoyer für die Revolution gehalten. Für den Aufstand der Massen, der heute wieder mal dringend nötig wäre.
Luc: Hm. Kann schon sein, dass ich das mal gesagt habe. Aber ich glaube, es ist extrem schwierig geworden, von Revolutionen zu träumen, geschweige denn sie anzugehen. Revolutionen werden heute immer gleich mit Krieg und Terror gleichgesetzt.
Jean-Pierre: Ach komm, nun tu doch nicht so! Die einzige Revolution, für die du dich je interessiert hast, ist doch die sexuelle! Das war das einzige Mal, dass du wie ein Besessener mit Pamphleten herumgerannt bist.
Luc: Ja, während du gemütlich zu Hause sasst und Daumen gedreht hast.
Jean-Pierre: Stimmt doch überhaupt nicht! Ich sah mir schöne Filme an. Das kommt dir heute noch zugute.
Luc: Ja ja, schon gut, grosser Bruder.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 06.01.2009, 19:49 Uhr
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