Kurzfilm der Woche: Erstes Ich, zweites Ich

Im richtigen Leben ist der Zürcher Bendix Freutel ein gescheiterter Mann: Frau weg, Job weg, Burn-out. Online hat er Muskeln, eine sexy Frau und kann fliegen. Ein unaufgeregtes, sonderbares Filmportrait.

Leben in zwei Welten: Bendix Freudel (und sein Avatar aus «Second Life»).

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«Er sieht mir schon ähnlich», sagt Bendix Freutel, «aber nur ähnlich.» Denn seine Figur in «Second Life» hat a) beeindruckende Muskeln, b) keinen Bauch, c) keine Augenringe, d) eine kleinere Nase, e) eine wallende Mähne und f) eine unwiderstehliche Aufrisspose. Wichtig sei schliesslich, dass sein Avatar gut aussehe und nicht so wie er.

Bendix Freutel ist in seinem kargen Zimmer in Zürich und bewegt sich hauptsächlich zwischen Computertisch und Bett hin und her. Zwischendurch wäscht er sich mal den Kopf oder kocht Penne mit Tomatensauce. Er ist geschieden von seiner ersten Frau im richtigen Leben und verheiratet mit seiner ersten Frau im virtuellen.

Mehrfach ausgezeichneter Kurzfilm

Bendix Freutel ist der Protagonist in Anna Thommens Kurz-Dokumentarfilm «Second Me», mit dem sie mehrere Preise gewinnen konnte, unter anderem den Publikumspreis und Preis für den Besten Schweizer Kurzfilm an den Internationalen Kurzfilmtagen Winterthur 2008. Hier sehen wir ihn im Dunkel seines Zimmers sitzend oder am offenen Fenster rauchend, dort tanzend mit Lara-Croft-ähnlichen Frauen und muskelbepackten Männern in bunten Umgebungen. «Hinter dem da verbirgt sich bestimmt eine Plattenfirma oder eine Werbeagentur», sagt Bendix Freutels geschulter Blick auf einen der tanzenden Avatare, der für Aussenstehende aussieht wie alle anderen. Doch der Avatar tanzt nicht geschmeidig, sondern hölzern, sein Outfit ist Standard. Bloss ein leuchtend rotes Haarteil hat er sich besorgt. Und das geht in «Second Life» gar nicht, denn der gewählte Style ist alles.

Zwar ist das Thema Second Life heute nicht mehr ganz so aktuell wie 2008, als «Second Me» entstanden ist. Sehenswert ist der unaufgeregte Einblick in Bendix Freutels zwei Leben aber auch vier Jahre später noch. Die 19 Filmminuten sind schnell vorbei und man hätte diesem sonderbaren Treiben in der Welt der Tanzmoves, gestählten Körper und Seifenblasenfarben gerne noch länger zugeschaut. «Ich werde von deinen Pixeln träumen», sagt Freutels Avatar zu seiner virtuellen Frau, bevor sie sich trennen und wieder zurück ins richtige Leben gehen. Gute Nacht. (dj)

(Erstellt: 31.08.2012, 20:15 Uhr)

Stichworte

Film

«Second Me», 19 Minuten. Regie und Drehbuch: Anna Thommen. Kamera: Chari Maria Santos. Produktion: Hochschule Design & Kunst Luzern, Abteilung Video, Edith Flückiger. Schweiz 2008.

Kurzfilm der Woche

Der Kurzfilm gilt als die offenste, schnellste und oft auch mutigste Filmkunstform. Obs an der schnelllebigen Zeit liegt, in der wir leben? Auf jeden Fall erfreuen sich die Minifilme gerade an Festivals einer immer grösseren Beliebtheit – auch in der Schweiz, wo es eine lebendige Kurzfilmszene gibt. Tagesanzeiger.ch/Newsnet zeigt in Zusammenarbeit mit der Filmpromotionsagentur Swiss Films jeden Freitag einen exklusiven Schweizer Kurzfilm. Die Produktionen sind jeweils mindestens 24 Stunden online.

Die Stiftung Swiss Films ist die Promotionsagentur des Schweizer Filmschaffens. Als Partnerin der Filmschaffenden verstärkt sie die Sichtbarkeit und positive Wahrnehmung der helvetischen Filmkultur im Ausland und in der Schweiz. Kernaufgaben der Stiftung sind Verbreitung, kulturelle Vermittlung und Vernetzung des Schweizer Filmschaffens.

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