Letzte Premiere für Mathias Gnädinger

Die Solothurner Filmtage zeigen diese Woche einen hinterlassenen Kinofilm – und eine filmische Hommage an den grossen Schauspieler.

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Der Film heisst «Der grosse Sommer», Mathias Gnädinger spielt noch einmal seine Paraderolle: einen mürrischen, aber herzensguten Kerl. In diesem Fall wollen es die Verwicklungen des Drehbuchs, dass er als ehemaliger Schwingerkönig einen Buben zu den Sumo-Ringern nach Japan begleitet. Die Geschichte wirkt nicht in allen Punkten überzeugend, enthält aber – im Wissen um den Tod des Schauspielers wenige Monate nach den Dreharbeiten – zahlreiche rührende Momente.

«Im Nachhinein frage ich mich oft, ob er geahnt hat, dass dies sein letzter Film werden würde», sagt Regisseur Stefan Jäger, der bereits mehrmals mit Gnädinger gedreht hatte. Jäger zeigt in Solothurn nicht nur den grossen Kinofilm. Sondern auch eine für die SRF-«Sternstunden» gedrehte Hommage, in der er zusammen mit Ursula Zarotti, der Frau des mit 74 Jahren verstorbenen Publikumslieblings, Schauplätze seiner Filme aufsucht und mit Menschen spricht, die mit ihm gearbeitet haben. Ein in vielen Punkten aufschlussreiches Dokument.

Abschiedsbrief. Erst am Tag seines Todes – also am 3. April 2015 – erfuhr Jäger, dass Gnädinger vor den Dreharbeiten zum «Grossen Sommer» und der damit verbundenen Reise nach Japan einen Abschiedsbrief verfasst hatte. «Liebe Hinterbliebene», steht darin, «nach meinem Tod möchte ich noch einige Dinge sagen und wünschen». Er sei schon vor Jahren aus der katholischen Kirche ausgetreten, schreibt er weiter, aber doch irgendwie gläubig geblieben: «Jedenfalls habe ich immer wieder versucht, an etwas Überirdisches, Gotthaftes zu glauben, und mich bemüht, einigermassen anständig zu leben.» Der Film mit dem Titel «Mathias Gnädinger – die Liebe seines Lebens» lässt dieses Leben noch einmal Revue passieren. Eine berührende Reise.

Etwas Anständiges. Der 1941 geborene Gnädinger war einer von fünf Brüdern, wuchs in Ramsen im Kanton Schaffhausen auf und wurde streng katholisch erzogen. Er wollte früh Schauspieler werden, aber zu Hause hiess es, «mach doch zersch mal en anständige Bruef». So wurde er Schriftsetzer. Sein von ihm stets bewunderter Onkel, der Maler, Bauer und Entwicklungshelfer Josef «Seppel» Gnädinger (1919–2000), hat ihn dann einfach an der Schauspielschule in Zürich angemeldet und ihm gesagt: «In sechs Wochen ist Aufnahmeprüfung, da musst du hin.» Er wurde aufgenommen – der Beginn einer langen Karriere mit unzähligen Bühnenauftritten, TV-Produktionen und Filmen.

Schoggistängeli. Es gibt viele Ausschnitte zu sehen, erschütternde Momente wie sein Tod als Kommissar (und Täter) im allerersten Schweizer «Tatort», Schlüsselszenen aus dem Flüchtlingsdrama «Reise der Hoffnung», aber auch Erheiterndes aus Hits wie «Sternenberg». Schön, wie Gnädinger die kleinen Dinge – als Lokführer in «Leo Sonnyboy» verdrückt er auf einen Schlag ein Schoggistängeli – ebenso unnachahmlich bringt wie zum Beispiel die grossen Auftritte als Politiker in «Der Gemeindepräsident», seiner ersten Kinohauptrolle. Regisseur Bernhard Giger erzählt dabei an einem der Originalschauplätze dieses Films aus dem Jahr 1983, gerade die Tatsache, dass Gnädinger als Linker einen bürgerlichen Politiker spielen musste, habe ihn angetrieben: Es sei ein Korsett gewesen, dass er auf seine Art sprengen wollte.

Verbrannte Liebesbriefe. Wegbegleiterin auf dieser Reise durch Filme und Zeiten ist Ursula Zarotti, der ehemalige Schulschatz von Gnädinger, mit dem er viele Jahre später wieder zusammenfand. Die Geschichte dieser grossen Liebe ist schon einige Male erzählt worden. Aber im TV-Film gibt es berührende Details, erzählt von Ursula: Zum Beispiel, dass sie aus jungen Jahren bestimmt 30 wunderschöne Liebesbriefe von Mathis – wie sie ihn nannte – besass. Und diese dann, als sie wieder einmal wütend auf ihn war, weil er eine andere Frau hatte, allesamt verbrannte. 2004 haben die beiden dann doch geheiratet. Und sie hat ihn als Maskenbildnerin auch auf der Reise nach Japan für den «Grossen Sommer» begleitet.



Kirsch. Am bekanntesten war Gnädinger wohl als Kommissär Hunkeler, in den Verfilmungen der Romane seines Freundes Hansjörg Schneider. Aber nicht nur in diese Rolle hat er sich mit Leib und Seele gestürzt. Auf der Bühne habe er schon eine gewisse brechtsche Distanz wahren können, erzählt Gnädinger in einem alten TV-Ausschnitt. Aber in den Filmrollen sei das kaum gegangen. Wenn seine Figur im Film Kirsch trinke, habe er sofort zu Hause begonnen, ebenfalls Kirsch zu trinken. Gnädinger braucht in diesen alten Dokumenten stets direkte Worte, bezeichnet sich zum Beispiel als «sentimentalen Tubel». Oder sagt, wenn ihm etwas nicht passt, laut und deutlich «Chabis».

Abschiedsbrief, nochmals. Im Film werden auch die ernsten Probleme Gnädingers angesprochen, seine Alkoholsucht zum Beispiel, seine Gesundheit, sein typischer Gang, mit dem er laut seinem Hausarzt Schmerzen überspielte. Aber Gnädinger hat seinen Abschiedsbrief auch geschrieben, weil er wollte, dass man sich fröhlich an ihn erinnert: «Seid nicht traurig», steht da, «habt die Kraft, meine Arbeiten zu sehen, euch zu freuen, zu feiern und viel zu lachen». Und ganz am Ende zitiert er den Schriftsteller Niklaus Meienberg: «Tot ist einer erst, wenn sich niemand mehr an ihn erinnert.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 20.01.2016, 12:08 Uhr)

Wann und wo

Der Spielfilm «Der grosse Sommer» hat am Samstag, 23. 1., Premiere an den Solothurner Filmtagen (20.45 Uhr, Reithalle). Ein zweites Mal läuft er am Montag, 25. 1. (20.45 Reithalle).

Ab dem 28. 1. ist der Film dann in den Deutschschweizer Kinos zu sehen.

Die TV-Dokumentation «Mathias Gnädinger – die Liebe seines Lebens» läuft am 23. 1. ebenfalls in Solothurn (11.30 Uhr, Canva).

Am Sonntag, 24. 1., strahlt das Schweizer Fernsehen den 52-minütigen Film in der «Sternstunde Kunst» aus (SRF 1, 11.55 Uhr).

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