Letzte Reisen

Eine Hommage auf die Toten: Die 51. Solothurner Filmtage erinnern heute an den 2014 verstorbenen Regisseur Peter Liechti und zeigen den Schauspieler Mathias Gnädinger in seiner letzten Rolle.

Mathias Gnädinger und Loïc Sho Güntensperger in «Der grosse Sommer». Foto: PD

Mathias Gnädinger und Loïc Sho Güntensperger in «Der grosse Sommer». Foto: PD

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Irgendwann notierte der schwer kranke Regisseur Peter Liechti, der nicht sterben wollte, sondern am Ende nur keine Wahl hatte, in einem seiner Spitaltagebücher den Satz: Es gebe Schlimmeres im Leben, als zu sterben. Das erinnert in seiner Seelenruhe an jenen Baselbieter Webstuhlschreiner, der noch etwas weiterging und sagte, gottlob müsse man nicht seiner ganzen Lebtag auf dieser Welt sein.

«Dedications»: Peter Liechtis Kraft reichte nur noch für 15 Minuten Rohschnitt. Foto: PD

In beidem steckt ja eine trotzige Ergebenheit, die dem Sterben noch etwas abgewinnt, und Liechtis Satz, nicht ganz so ewigkeitsgläubig wie der des Schreiners, wäre nun Teil seines letzten Films, «Dedications», der aber, wenn er fertig geworden wäre, auch davon handeln würde, dass es Schlimmeres im Leben gibt, als zu leben. Und vielleicht hat Peter Liechti seinen Satz auch nur einfach ironisch dahingesagt in einem eigen­sinnigen Moment und trotzdem gehofft, nicht sterben zu müssen oder doch nicht so bald, und als er es dann musste, haben es ihm die Ironie und die Hoffnung womöglich leichter gemacht. Es ist ein tröstlicher Gedanke.

Wut, Selbstmitleid, Entsetzen

Der Film «Dedications» wurde nicht zu Ende gebracht. Es wird ihn nie geben, die Kräfte reichten nur noch für eine Viertelstunde Rohschnitt, zu wenig für eine posthume Rekonstruktion einer erahnten Filmpoesie. Aus Ahnung entstand allerdings ein Projekt (angeregt und geleitet von Jolanda Gsponer, Peter Liechtis Partnerin, zusammen mit der Cutterin Annette Brütsch), das das Unvollendete multimedial vollendet in ­einer Kombination von Fragmenten: als Installation, in welcher der Künstler Yves Netzhammer Liechtis entworfene Themenstränge (ein verträumtes Flanieren durch Realitäten und Irrealitäten, eine Zeitreise durchs Archiv, die Krankheit und das Spital natürlich, die so viel Leben frassen) auf drei Leinwänden gewissermassen kommunizieren lässt.

Als gefilmte Lesung aus dem «Spitaltagebuch», Peter Liechti, allein mit sich und seinen Texten, eine Stimme von jenseits des Grabes jetzt. Und als Buch, das all diese Texte enthält, dazu Bilder aus dem Assoziationskosmos von «Dedica­tions», auch jene 15 Minuten Rohschnitt beispielsweise, die schon echter Liechti sind, dazu geschriebene Skizzen einer Dramaturgie des Erinnerns und Andeutungen, was da an uns hätte vorbeiziehen sollen und gewiss vorbeigezogen wäre, «flackernd, rauschhaft, prall und verblassend», wie Peter Liechti es geplant hat, und als Vermächtnis, wie wir jetzt wissen.

Reden wir einmal von Texten an diesen Filmtagen. Von diesem Tagebuch eines Kranken. Es ist eine Ganzheit, und es wäre eine Achse gewesen, um die das, was hätte sein sollen, sich gedreht hätte. Jetzt steht es allein, das war so nicht vorgesehen, so wie Liechtis fünfzigminütige Lesung daraus nicht geplant war als derart intimes, konzentriertes Dokument (selten ist der Regisseur in seinen Filmen ja selbst zu sehen, er hielt, auch wenn es ums Persönliche ging, in «Hans im Glück», in «Vaters Garten», vermutlich nichts von so aufdringlichen Signaturen). Aber wir entdecken nun wieder einmal Liechti den Literaten, der er eben auch war. Einen Wortmächtigen angesichts seiner Krankheit, selbst in der Hilflosigkeit.

Liechtis zweitletzter, sehr lakonischer Eintrag ins Spitaltagebuch war ein Abschied in stacheliger Würde. 

Immer waren seine Filme auch Genüsse fürs Ohr, immer forderte seine Wortlust von der Wirklichkeit ihren Hintersinn. Hier aber gehen die Worte endgültig ans Lebendige. Nämlich ans Sterbende. Hier ist die Beschreibung einer Katastrophe (denn das war es, da nützte kein Versuch zum heroischen Understatement) in all ihren emotionalen ­Facetten. Die heillose Schwärze ist da, an die selbst der Kaffee erinnert, und dann sind es wieder die hellen Momente des Spotts über die «hospitale Nettigkeit» mit ihren ausscheidungsorientierten Requisiten.

Und handkehrum: die Wut, das Selbstmitleid, das Entsetzen. Und im Entsetzen, das gegen das Selbstmitleid half, auch die Angst, so scheint es, wenn man Peter Liechti lesen sieht, und wiederum: die kontrollierte Melancholie, als er zur Erkenntnis kam, dass «ein schleichendes Aufhören» angefangen hatte und die Frage nicht mehr lautete: «wann denn?», sondern: «wie lange noch?». «Wir sind die Künstlergeneration, die noch an Lungenkrebs und Leberzirrhose zugrunde geht. Wir sind ein äusserst sentimentaler Jahrgang, und wir leben dadurch weniger lang als unsere jungen eher vernunftorientierten KollegInnen», schrieb Peter Liechti in seinem zweitletzten, sehr lakonischen Eintrag, da wusste er wohl schon, dass es nicht mehr ging. Das macht noch einmal traurig, aber es ist doch ein Abschied in stacheliger Würde.

Ein «Böser», einer der besten

Man hat noch einen guten Mann begraben müssen, einen Ostschweizer wie Liechti übrigens, das war letztes Jahr im Frühling, und Solothurn erinnert sich heute an ihn. «Der grosse Sommer» heisst der Film von Stefan Jäger, in dem der grosse Mathias Gnädinger seine letzte Rolle spielt, auch sie nun: ein Nachlass. Er soll sich darauf mit aller Seriosität körperlich vorbereitet haben, denn obwohl es nicht darum ging, dass seine Figur, der Anton Sommer im Spätherbst des Lebens, Sport trieb, so war doch die überzeugende Darstellung eines Mannes erforderlich, der einmal ein Sportler war; so etwas nahm der sehr selbstkritische Schauspieler Gnädinger ungemein ernst.

Er ist nun also der Sommer Anton, der vor Jahrzehnten ein Kranzschwinger war, ein ganz «Böser» und einer der besten. Ein Unglück hat ihn aus der Lebensbahn geworfen, er ist ein wenig brummlig geworden im Alter und betreibt das stille Hobby des Flaschenschiffbaus. Die Ruhe ist ihm überhaupt das Liebste. Jedoch, wie es sich trifft, wohnt über dem Grantler ein zehnjähriger Bub (Loïc Sho Güntensperger), halb Japaner, der Sumo­ringer werden will, und das kindliche Ringergestampfe im oberen Stock macht Lärm.

Trotzdem mag der Alte den Buben, und als der ihn – die sozialen und jugendamtlichen Umstände werden da etwas wirr – bittet, ihn nach Japan zu bringen an eine Sumoschule, quasi als Freundschaftsdienst von Schwinger zu Schwinger, da wehrt der Sommer sich zunächst, gibt dann aber nach. Und das Herz und der Schwingergeist gehen ihm wieder ganz auf im Fernen Osten.

Man kann es jetzt allerdings nicht übersehen, dass die Erzählhandlung in «Der grosse Sommer» an sehr dünnen Haaren herbeigezogen ist. Es herrscht ein geradezu schamloses Wohlbefinden in einer Welt voller freundlicher Menschen und Zufälle. Und gerade weil das vor dem Kinostart (28. Januar) so explizit beworben wird als letzter «echter Gnädinger-Film» und als sein «Abschiedsgeschenk» (Zitat aus dem Pressematerial), kommt einem die Sentimen­talität, die man ja selber auch empfindet, etwas übermässig vor. Andererseits: Da haben wir ihn doch noch einmal, den Mathias Gnädinger, er gab einer Figur liebenswürdige Kantigkeit und bodenständige Präsenz; und gehen Sie hin und sehen Sie, was für einer uns in Zukunft fehlen wird! (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 22.01.2016, 18:02 Uhr)

Liechti und Gnädinger

Das Programm in Solothurn

«Der grosse Sommer» läuft in Solothurn heute Samstag und am 25. 1. (20.45 Uhr), am 28. 1. startet der Film regulär im Kino. Heute wird in Solothurn zudem Stefan Jägers Dokfilm «Mathias Gnädinger: Die Liebe seines Lebens» gezeigt (Kino Canva, 12 Uhr).

Die Installation «Dedications» und das gleichnamige Buch (Verlag Scheidegger & Spiess, Zürich 2016) zu Peter Liechtis letztem Filmprojekt werden heute Samstag in der Solothurner Jugendherberge vorgestellt (18 bis 21 Uhr). «Dedications», die gefilmte Lesung, läuft am 24. 1. im Landhaus (12 Uhr).

Auch das Zürcher Sogar-Theater hat im März drei Lesungen aus Texten von Peter Liechti angekündigt (11. bis 13. 3.). (csr)

Artikel zum Thema

10 Filme, die man in Solothurn sehen muss

Heute starten die Filmtage in Solothurn. Zehn Programmtipps - von der Romantic Comedy hin zu einem Paranoiathriller und einer Vampir-Farce. Alle mit Schweiz-Bezug. Mehr...

Letzte Premiere für Mathias Gnädinger

Die Solothurner Filmtage zeigen diese Woche einen hinterlassenen Kinofilm – und eine filmische Hommage an den grossen Schauspieler. Mehr...

Was hat Solothurn zu bieten?

Im Januar finden die Solothurner Filmtage statt. Heute wurde das Programm vorgestellt. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Digital Abos

Tages-Anzeiger unbeschränkt lesen:
Im 1. Monat nur CHF 1.-

Werbung

Kommentare

Blogs

Von Kopf bis Fuss 10 modische Must-Haves

Blog Mag Der Trumpstil

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Die Welt in Bildern

Reptilien in Not: An der Grenze zwischen Paraguay und Argentinien tummeln sich Kaimane auf der Suche nach Wasser in einem Tümpel, da der Fluss Pilcomayo kaum noch Wasser führt. (25. Juni 2016)
(Bild: Jorge Adorno) Mehr...