Leuchtbilder der Überwachung

Wer ist die Story in der abgehörten Welt? Der fesselnde Dokumentarfilm «Citizenfour» trifft Edward Snowden in Hongkong, und Michael Manns Cyberthriller «Blackhat» sucht Bilder zur Vernetzung.

Szene aus «Citizenfour»: Das Hauptquartier der National Security Agency (NSA) in Fort Meade, Maryland, USA. Foto: Trevor Paglen (Praxis Films)

Szene aus «Citizenfour»: Das Hauptquartier der National Security Agency (NSA) in Fort Meade, Maryland, USA. Foto: Trevor Paglen (Praxis Films)

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Man schaut diesen Film mit erhöhter Anspannung. Sie entsteht nicht aus Ungewissheit, sondern aus Sicherheit darüber, dass die grossflächige Überwachung der National Security Agency eine Tatsache ist. Edward Snowden, Systembetreuer im Auftrag der NSA, nahm die Dokumente mit, die alles aufzeigen, das Sammeln von Telefondaten, das Anzapfen von Unterseeleitungen. Er ist durch Schlauheit zu Beweisen gekommen und durch Vernunft zur Paranoia.

Danach flog er nach Hongkong und kontaktierte 2013 zwei Menschen: die Regisseurin Laura Poitras und den «Guardian»-Journalisten Glenn Greenwald, beide bekannt für ihre unnach­giebige Art. Sie flogen zu ihm, obschon sie nicht wussten, wer dieser Mann war, der sich als «citizen four» bezeichnete, wohl ein Deckname für den Kämpfer der vierten Gewalt.

Sie trafen einen hochintelligenten Buben. Und wir gehen mit im nervenzerreissenden Dokumentarfilm «Citizenfour», der wirkt wie ein Agententhriller, aber eigentlich nach den Gesetzen der Science-Fiction funktioniert. Er reist hin zu einem unwirklichen Ort und stellt den ersten Kontakt mit einem Mann her, der das neue Wissen in den Händen hat. Er zeigt Edward Snowden im ersten Licht, diesen unwahrscheinlich jungen Mann, der in konzisen Sätzen spricht und wie ein Teenager die Haare gelt.

Totalität, die ins Private dringt

Laura Poitras stellt die Kamera auf, Glenn Greenwald führt das erste Interview, danach erleben wir, wie Sprengmeister die Lawine auslösen. Als Greenwalds erster Artikel über die NSA-Methoden online geht, verfolgt das Trio in Echtzeit, wie sich der Skandal im Fernsehen ausweitet. Alle Medien berichten, rufen an, stehen schon in der Lobby. Plötzlich schrillt der Feuermelder. NSA? Undenkbar ist nichts mehr, aber es wird nur gerade der Alarm getestet.

Laura Poitras dokumentiert neben dem klandestinen Treffen mit Snowden auch den Bau einer Serverfarm und die Nachbeben in den Redaktionen von «Guardian» und «Spiegel». All das verschaltet sie zu einem Panorama der Überwachung, das uns gefroren zurücklässt und inzwischen für einen Oscar nominiert wurde. Es ist ein Zeitdokument, in dem der Wahn auf Fakten beruht und das Kammerspiel über den Irrwitz einer globalen Operation von Nervosität geprägt ist. Das ist der Film zum paranoiden Gefühl, er verstärkt es durch unstrittige Belege: Wer noch nicht an Verfolgungswahn gelitten hat, der tut es jetzt.

Dabei bleibt Poitras’ Bildsprache stets sauber und geduldig. Die Spannung breitet sich unter der Oberfläche aus: Man erhält plötzlich eine Ahnung von der Totalität, die ins Privateste dringt; man verfolgt gebannt, wie Massenmedien mit Geheimdokumenten geflutet werden. Dazwischen laden die Ambientklänge von Nine Inch Nails die Atmosphäre zusätzlich auf.

Das tut auch der andere Film zum vernetzten Leben, Michael Manns «Blackhat», nur tut er es expliziter. In dem Thriller bringt ein Schurke mittels Schadsoftware ein AKW zur Kernschmelze. Ein versierter Hacker (Chris Hemsworth) wird aus dem Gefängnis geholt und soll den Schurken lahmlegen.

Auch dieser gute Hacker ist ein Einzelkämpfer gegen die Übermacht, der die Systemlücken fachmännisch ausnützt. Auch er landet in Hongkong, und Atticus Ross von Nine Inch Nails un­termalt den Film mit ähnlichen Noisespuren, wie man sie in «Citizenfour» hören kann.

Aber wo der Snowden-Film im harten Licht eines Hotelzimmers spielt, bleibt «Blackhat» eine Nachtoper der digitalen Ästhetik. Bei Michael Mann glüht Hongkong arterienblau im Dunkeln, und aus der globalen Vernetzung wird ein Bild der Ohnmacht: In dieser Welt dringen Kriminelle in jedes undichte System ein, indem sie die Entertaste drücken.

Bis das böse Lämpchen blinkt

Sie fluten die Schaltkreise mit schädlichen Befehlen; Michael Mann zeigt das mit simulierten Kameraflügen über die Platinen der Steuerungstechnik, bis das böse Lämpchen blinkt. Die Container, um die Al Pacino und Robert De Niro in Manns Thriller «Heat» zum Showdown geschlichen sind, haben sich in «Blackhat» in die Bauelemente des Motherboards verwandelt. Darum herum fin­-det nun der moralische Kampf der Algo­rithmen statt.

«Blackhat» zeugt von einer Suchbewegung, die der digitalen Zeit eine visuelle Sprache abzutrotzen versucht. Sie findet die Lichtflecken, die fluoreszierenden Stadtfluchten, die Codereihen, die auch in «Citizenfour» über die Bildschirme laufen. Aber sonst findet sie wenig und lässt es auf die Face-to-Face-Begegnung ankommen, in der sich Held und Bösewicht am Schluss gegenüberstehen. Wenn einer brüllt «It’s more than ones and zeros!», bleibt das eine Behauptung in diesem flächigen Cyberwestern über Effekt und Defekt.

Das verstörendste Bild zeigt «Citizenfour». Es sind die klobigen Powerpoint-Präsentationen der NSA auf Snowdens Laptop: Schlachtpläne einer weltumspannenden Invasion in Menschenleben und zugleich Zeugnisse einer haarsträubenden Büronormalität. «I have been to the darkest corners of government, and what they fear is light», schrieb Snowden vor dem Treffen an Greenwald. «Citizenfour» wirft ein Schlaglicht auf Snowden und lässt dabei das Überwachungsmonster im Schatten und im Off-Raum entstehen: Man sieht es noch immer nicht, aber man erhält eine Vorstellung von seiner Form und Ausdehnung.

Erst dieser Film macht verständlich, wie überlegt der Whistleblower vorging, was er dabei aufs Spiel setzte. Wie er da kauert, im Bademantel auf dem Hotelbett in Hongkong, scheint die ganze Welt auf seinen Schultern zu lasten. Aber man nimmt es ihm ab, wenn er sagt:«I’m not the story.» In einer orchestrierten Aktion mit dem «Guardian» deckt er seine Identität auf – und kommt so der NSA zuvor, deren ganzer Apparat nichts mehr nützt, wenn es nichts mehr herauszufinden gibt.

Wer ist die Story in der überwachten Welt? Wir alle sind es, die Millionen Narrative aus unseren Daten, aggregiert zu einem Weltmodell. Es klingt wie die grausamste Pointe der Postmoderne, die uns gelehrt hat, es gebe keine grossen Erzählungen mehr, sondern nur noch Einzelgeschichten, Unvereinbares, Unterschiedliches. Aber unterdessen hat eine Geheiminstanz all diese Storys gesammelt und verbunden zu einer durchgängigen Geschichte. Zu einer neuen Metaerzählung, deren allgemeines Prinzip die Datenerhebung ist, das die Vielfalt schon beinhaltet.

Die Story, sagt Edward Snowden, sind wir alle. Das ist das Beängstigendste an «Citizenfour»: Der Film zeigt die neue Herrschaft über das Wissen.

«Citizenfour» läuft ab Donnerstag im Lunchkino, der Filmstart ist am 19. 2. «Blackhat» ab Donnerstag in Zürich in den Kinos Abaton, Arena und Capitol. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 03.02.2015, 19:13 Uhr)

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Trailer zu «Blackhat». Quelle: Youtube

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Trailer zu «Citizenfour». Quelle: Youtube

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