Lobet den Gottsepp

Am Sonntag präsentierte die Fifa in Zürich ihren 30 Millionen Franken teuren Spielfilm «United Passions». Das war grobe Propaganda.

Kinostart noch ungewiss: Trailer zu «United Passions». Video: Youtube.


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Selten eilte einem Film ein mieserer Ruf voraus. Als «United Passions» diesen Sommer erstmals an Festivals gezeigt wurde, waren die Kritiken durchwegs katastrophal. Die PR-Firma, die den Film bewerben sollte, hat ihre Arbeit mittlerweile so gut wie eingestellt. «United Passions» sei ja nicht in den Kinos, betont sie gegenüber interessierten Journalisten, man wolle lieber noch ein wenig nichts tun.

Schweigen auch seitens der Produzenten: Man solle das Ganze doch mit etwas Ironie nehmen, sagte ein verzagter Regisseur Frédéric Auburtin. Für Tim Roth, bekannt geworden durch die Tarantino-Klassiker «Reservoir Dogs» und «Pulp Fiction», entwickelte sich der Film komplett anders als erwartet. «Ich frage mich, wo die Korruption geblieben ist», sagte er gegenüber der Londoner «Times». Roth spielt in «United Passions» den Fifa-Präsidenten Sepp Blatter. Letzterer erschien wider Erwarten gestern Abend nicht an der Schweiz-Premiere am Zurich Film Festival. Im Vorfeld hatte er sich aber begeistert über die 30 Millionen Franken teure Produktion geäussert.

Blatter cool wie Eastwood

Das verwundert nicht, denn Roth spielt Blatter als grotesk positive Figur, als echten Übermenschen. «Ich bin so müde. Ruhst du dich nie aus?», fragt ihn ein Assistent auf einer Afrika-Tour. «Ich ruhe mich aus, wenn auf allen Kontinenten eine Fussball-WM ausgetragen wurde», antwortet der Film-Blatter und stapft weiter. In Krisen wie nach der Spielmanipulation 1982 zuckt er kaum mit dem Mundwinkel. Dieser Blatter wirkt cool wie ein Clint Eastwood an High Noon. Mit kritischen Journalisten lässt er sich auf ein lässiges Schwätzchen ein, dieser Blatter sieht das alles nicht so eng.

«United Passions» folgt der blatterschen Logik, dass die Fifa der Welt den Fussball geschenkt habe und dass die Welt ihr folglich zu tiefstem Dank und grenzenloser Bewunderung verpflichtet sei. Die Funktionäre sind die Helden dieses so sonderbaren und über weite Strecken ungeheuer langweiligen Films.

Zu einem magischen Moment wird etwa die Vereinsgründung im Februar 1904 stilisiert: Die Gründer packen sich bei den Händen und schreien wie in Trance «Fifa! Fifa!». Jede Vertragsunterschrift wird mit gewaltiger Streichermusik unterlegt, wie sie gewöhnlich beim Endkampf zwischen Piratenschiffen oder bei der Erstürmung von Burgen zu hören ist. Die Überreichung eines WM-Pokals ist hier das grösstmögliche menschliche Glück. An der Beerdigung von Jules Rimet ruft seine Tochter voller Stolz aus: «Er hat die WM vergeben – fünfmal in Folge!» Rimet, Fifa-Präsident von 1921 bis 1954, ist das erste Drittel des Films gewidmet, gespielt von einem mal wuchtigen, mal merkwürdig wankenden Gérard Depardieu.

Bad Guy Havelange

Immerhin ein wenig Korruption deutet Sam Neill in seiner Rolle als João Havelange an. Zwar wird auch Havelange, Fifa-Präsident von 1974 bis 1998, vorteilhafter dargestellt als verdient, aber doch auch als Teilnehmer dubioser und ziemlich uncooler Hinterzimmergespräche. Seine Schwächen lassen Blatter, der unter Havelange lange Generalsekretär war, noch herrlicher erscheinen als ohnehin: Als Geld aus der Fifa-Kasse verschwindet, springt Blatter selbstlos mit einem privaten Darlehen ein. Als Havelange eine hitzige Pressekonferenz feige vorzeitig verlässt, rettet Blatter die Reputation der Fifa. Alle Korruptionsvorwürfe im Film richten sich gegen Havelange und damit nur indirekt gegen Blatter.

«United Passions» endet mit der Vergabe der WM 2010 an Südafrika: Der falsche Blatter wird in einer letzten Montage neben den echten Nelson Mandela gestellt, Roth-Blatter lächelt dem jubelnden richtigen Mandela väterlich-überlegen zu.

Auf den grossen, echten Fifa-Film muss die Welt also noch warten. Auch in ihm spielte der 78-jährige Oberwalliser natürlich die Hauptrolle: Der Film ginge der faszinierenden Frage nach, mit welchen machiavellistischen Talenten und Tricks, Reden und Finten er sich trotz der riesigen Antipathie von Fans und Spielern bis heute an der Spitze der Fifa halten konnte.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 06.10.2014, 09:08 Uhr)

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Eine Art Übermensch: Tim Roth als Sepp Blatter.

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