«Mandela lehnte sich zu mir und flüsterte: ‹Den Kerl kenn ich›»

In «Invictus» spielt der 72-jährige Morgan Freeman den nicht weniger charismatischen Nelson Mandela. Der Schauspieler über grosse Figuren, den Rassismus und was ihn künstlerisch noch lockt.

«Bring einfach deinen Text rüber»: Morgan Freeman.

«Bring einfach deinen Text rüber»: Morgan Freeman.
Bild: Keystone

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Der Film

«Invictus» läuft ab 18. Februar in den Schweizer Kinos.

Mister Freeman, man hat lesen können, Sie hätten «Invictus» zusammen mit Nelson Mandela gesehen. Wie war das für Sie, das Vorbild zu beobachten, wie es sich Ihre Interpretation seiner selbst anschaut?
Das war tatsächlich spannend. Als ich, also er, also ich.. als er zum ersten Mal auf der Leinwand erschien, lehnte er sich zu mir hinüber und flüsterte: «Den Kerl kenn ich.» Da wusste ich: Ich habs irgendwie richtig gemacht.

Keine weiteren Kommentare?
Nicht wirklich, nicht über den Film. Und man kann ja auch nicht einfach so fragen. Er hat oft gelächelt, und ich nahm das, was ich sah, als Zeichen, dass er ganz zufrieden war.

Sie spielen hier einen grossen Mann, das darf man wohl sagen. Und einen lebenden dazu. Hat man da als Schauspieler ein stärkeres Gefühl von Verantwortung als gegenüber fiktiven Figuren?
Nein, ich kann als Schauspieler nicht in dieser Kategorie denken. Man spielt nicht abstrakte Grösse, man spielt einen Charakter, egal ob nach lebendem Vorbild oder fiktiv, und das muss man schauspielerisch lösen. Im Prinzip heisst es auch hier: Bring deinen Text rüber. So gut, so menschlich wie möglich natürlich. Ich glaube, nicht einmal unbewusst hatte ich das Gefühl, ich sei in der Rolle von Mandela weniger frei in meiner Interpretation.

Wo kamen die individuellen Details her? Man braucht ja wahrscheinlich so kleine, konkrete Schlüssel zu einer Charakterdarstellung...
Diese Schlüssel gabs, kleine persönliche Eigenheiten, die ich kombiniert habe. Ich hatte ja jahrelang Gelegenheit, Mandela zu beobachten: die Art, wie er die Hände bewegt und faltet; die Art, wie er zuhört, immer wieder dieses typische Räuspern, bevor er spricht, und die kleinen zögernden «ähs». Daraus entstand eine Mischung. Und natürlich aus diesem seltsamen Akzent, den man gar nicht so richtig als südafrikanisch identifizieren kann, das ist einfach reiner Mandela. Ich bin sonst nicht besonders gut mit Akzenten und meide sie schauspielerisch. Aber hier war es wirklich eine Notwendigkeit und die grösste Herausforderung.

An eine kleine Szene vom Anfang habe ich mich den ganzen Film lang erinnert: Mandela erwacht, steigt aus dem Bett und will ins Bad, und dann dreht er, der gewählte Präsident, sich um und macht sein Bett selbst. Haben Sie das erfunden, sozusagen als menschliche Geste?
Es könnte eine Erfindung sein. Aber er tut das wirklich, sogar im Hotel. Für mich ist es ein sehr wichtiges Detail, es zeigt im Kleinen die Last einer Lebensgeschichte. Bedenken Sie: Die Routine von 27 Jahren Gefängnis verliert sich nicht so leicht. Da gibt es fast zwanghafte Gewohnheiten. Ich war nicht im Gefängnis, nur in der Armee für drei Jahre, acht Monate und zehn Tage, aber wir lernten, die Uniformjacken so aufzuhängen, dass die linke Schulter nach vorn zeigt. So hängen meine Anzüge noch heute.

«Invictus» handelt von der Überwindung der Apartheid, das globale Thema ist der Rassismus und der Kampf dagegen. Es ist nicht der erste Film in Ihrer Karriere, der davon erzählt. Wie wichtig ist es für Sie als Schauspieler und Berühmtheit, hier Position zu beziehen?
Position müssen wir alle beziehen. Und in meinem Schauspielerleben waren antirassistische Filme nicht mein wichtigstes Interesse. Aber ich will mich bei dem Thema jetzt nicht herausreden, ich habe in einigen Filmen dazu mitgespielt, sehr bewusst, ich habe sie mir ausgesucht. Nun ja, manchmal ging es einfach um gute Geschichten und gute Rollen. Ich halte zum Beispiel «Driving Miss Daisy» nicht für ein antirassistisches Drama, was immer die Leute sagen. Bei «Glory» aber hat mich wirklich die Geschichte interessiert, wie das weisse Amerika seine Schwarzen in Kriege schickte und sie danach immer wieder entliess und entwaffnete. Wenn sie nicht tot waren. Noch Eisenhower im Zweiten Weltkrieg hat den schwarzen Soldaten nicht getraut, und wer weiss, ob ichs getan hätte als weisser General, der genau wusste, wie schlecht sein Land diese Leute behandelte. Aber wir haben gelernt. Ich bitte Sie, was man in den USA rassistisch nennt, ist doch nur eine milde Form der Intoleranz. Wahrer Rassismus tötet.

Haben Sie im Berufsleben Erfahrungen gemacht mit dieser «milden Form der Intoleranz», und haben Sie das wirklich als mild empfunden?
Ja, ich habe sie gemacht, und ich wusste, was dahintersteckt. Aber es gibt verschiedene Wege, diesem «Rassismus» zu begegnen. Man kann sich ducken, man kann ihm ausweichen - und man kann mittendurch. Ich eigne mich nicht zum Zweitklassbürger, ich bin fürs Ducken und Ausweichen viel zu arrogant.

«Invictus» zeigt, dass Rassismus weniger ein Problem verschiedener Hautfarben ist, sondern eines von Macht und Furcht. Aber alles wird gut, wenn die Macht vernünftig ist und den Sport fördert. Ist das nicht ein wenig einfach?
Aber stimmt es nicht? Ist es nicht immer eine Frage von Macht und Furcht? Weisse töten Weisse und Schwarze töten Schwarze aus rassistischen Gründen. In Ruanda hätten Sie nur beim Hinschauen nicht unterscheiden können, wer da wen warum umbrachte. Und missverstehen Sie nicht die zentrale Botschaft des Films: Es geht um ein Beispiel, wie der Begriff der «Rasse» im menschlichen Umgang abgeschafft werden könnte.

Glauben Sie an die vereinigende Kraft des Sports?
Ja, sehr stark, darum haben wir die Olympischen Spiele. Und die Fussballweltmeisterschaft in Südafrika. Das Timing für unseren Film ist perfekt.

Ihr Regisseur Clint Eastwood ist wahrscheinlich einer der anständigsten und ehrenvollsten Vertreter Hollywoods. Fast so wie die Männer, die Sie oft spielen. Haben sich da zwei Brüder im Geist gefunden?
Absolut. Wir sind uns begegnet wie zwei Liebende in einem überfüllten Raum. Der Kontakt mit ihm als Freund und Regisseur ist eine der Freuden meines Lebens. Er ist ein Champion.

Sie haben Gott gespielt und Mandela. Wer lockt Sie noch künstlerisch?
Der Teufel, die schwarze Seite der Grösse. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.02.2010, 16:24 Uhr

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