Kultur

«Mein Vater wurde von der RAF bedroht»

Von Florian Keller und Res Strehle. Aktualisiert am 09.06.2009

Nirgends habe er so viel Ruhe wie in einem Flugzeug, sagt Regisseur Marc Forster. Nun hat er einen Werbefilm für die Swiss gedreht – und spricht über seine Visionen.

1/8 forster.JPG
Der Schweizer Hollywood Regisseur Marc Forster anlaesslich der Premiere seines Kurzfilmes «LX Forty».
Bild: Keystone

   

zur Person

Geboren 1969 in der Nähe von Ulm, wuchs Marc Forster in Davos auf. Nach dem Studium in New York feierte er seinen Durchbruch als Regisseur mit dem Südstaaten-Drama «Monsters Ball» (2001). Es folgten «Finding Neverland» (2004), «Stay» (2005), «Stranger than Fiction» (2006), «Kite Runner» (2007) und zuletzt der Bond-Film «Quantum of Solace» (2008). Für die Fluggesellschaft Swiss hat Forster nun einen Werbefilm realisiert, der auf der Website (www.swiss.com) zu sehen ist. Forster ist Ehrenbürger von Davos und seit einer Woche Vater einer Tochter mit Namen Lia Enea. (TA)

Ausschnitt aus «LX Forty»


Anders als viele Regisseure haben Sie nie Werbespots gedreht – nicht einmal während Ihrer mehrjährigen Durststrecke nach der Filmschule. Warum gerade jetzt, wo Sie das nicht mehr nötig hätten?
Für mich ist es an sich kein Werbespot. Ich konnte den Film ja selber schreiben, und er spiegelt meine eigenen Gedanken. Die Swiss hat mir die totale Freiheit dafür gegeben. Mir schien auch, dass diese Kombination zu meiner Gedankenwelt passt: diese Parallele zwischen dem Leben und dem Reisen. Das ist mir vor allem während der äusserst intensiven Werbekampagne für den Bond-Film aufgefallen: Die einzigen Momente, wo nichts passierte und einfach mal Ruhe war, das war die Zeit, als ich im Flugzeug sass. Das hatte ich zuvor nie wirklich realisiert.

Sie exponieren sich damit so deutlich wie noch nie als Botschafter von Swissness. Verdanken Sie Ihren Erfolg in Hollywood auch gewissen urschweizerischen Tugenden?
Natürlich Bescheidenheit, aber es geht auch sehr viel zurück auf Disziplin. Ich glaube, das ist etwas sehr Schweizerisches. Man kann sich auf den Schweizer verlassen. Schon vor Bond habe ich bei allen meinen Filmen das Budget und den Zeitplan eingehalten. Und «Quantum of Solace» war sogar der erste Film in der Geschichte von Bond, bei dem das Budget nicht überschritten wurde. Ich bin mit Regisseuren befreundet, denen es egal ist, wenn sie das Budget überschreiten oder die Zeit nicht einhalten. Ob sie noch eine oder zwei Millionen Dollar mehr ausgeben, ist ihnen egal. Ich kann das gar nicht. Wenn ich merke, dass ich zu spät dran bin, suche ich sofort nach Wegen, um die Kosten im Griff zu behalten. Das ist sicher eine schweizerische Tugend.

Und eine gewisse Sturheit?
Auch, ja. Mein Ziel ist immer, die Freiheit zu haben, dass ich meine Vision umsetzen kann. Dass ich mir nichts vorschreiben lassen muss.

Sie sind in der Schweiz aufgewachsen, weil sich Ihr deutscher Vater mehr Sicherheit versprach. Stimmt es, dass Ihre Familie damals von der RAF bedroht wurde?
Das war einer der Gründe. Mein Vater besass eine pharmazeutische Firma, und dort gingen damals auch Drohbriefe ein. Ich habe mit meinen Eltern nie richtig darüber gesprochen, ob das nun wirklich der Grund war, dass wir damals in die Schweiz zogen. Ich habe das Gefühl, dass meine Mutter schon immer wegwollte, um in den Schweizer Bergen zu leben.

Durch Ihre Filme sind Sie zu einer Weltmarke geworden. Ist es schwierig, da das Gleichgewicht zu halten?
Das ist wahnsinnig schwierig. Wenn ich das Gleichgewicht immer halten könnte, wäre alles viel einfacher.

Was tun Sie dafür?
Ich mache Yoga und wandere gern. Ich fühle mich sehr wohl in der Natur, schwimme gerne im Meer oder in Seen. Ich versuche, mir Zeit zu nehmen für Menschen, die ich liebe – und diese Zeit auch für mich selbst zu finden. Ich glaube, man sollte sich jeden Tag eine halbe Stunde oder eine Stunde für sich selbst nehmen – nicht unbedingt, um ein Buch zu lesen, sondern einfach, um zu vergegenwärtigen, was man gemacht hat. Ich brauche das, um mich nicht zu verlieren.

Das Ego, haben Sie einmal gesagt, sei der Feind der Kreativität. Kann man kreativ sein, wenn man das Ego ausschaltet?
Nein, absolut nicht. Aber wie bei allem ist es eine Frage der Balance. Wenn dein Ego zu gross ist, tötet es die Kreativität. Um auf dieser Welt zu funktionieren und damit du dich im sozialen Rahmen durchsetzen kannst, brauchst du aber ein minimales Ego. Sonst müsstest du ins Kloster gehen und Mönch werden. Wenn alle in deinem Umfeld nur noch sagen, wie super du bist, kannst du dich schlecht weiterentwickeln. Deshalb arbeite ich seit meinen Anfängen oft mit denselben Leuten. Weil ich weiss, dass diese Leute ehrlich zu mir sind und mir auch sagen, welche meiner Ideen gut sind und welche nicht.

Aber als Regisseur eines Films muss man auf dem Set doch immer auch ein wenig Feldherr sein.
Man muss Feldherr sein, ohne Feldherr zu sein. Das ist eine Frage der Kommunikation. Es muss so sein, dass sich alle deiner Vision bewusst sind und ihr folgen. Gleichzeitig muss genug Offenheit da sein, damit dir jeder auch seine eigenen Ideen präsentieren kann. Es gibt ja zwei Formen der Führung: die autoritäre und die partizipative. Letztere liegt mir mehr, das war schon immer so.

Auf dem Set gelten Sie als sehr umgänglicher Kommunikator. Liegt das auch an dieser, sagen wir, mönchischen Aura, die Sie ausstrahlen?
Mönchische Aura? Das hat mir jetzt noch niemand gesagt. Vielleicht hätte ich doch ins Kloster gehen sollen.

Das wäre schade um die Filme, die Sie dann nicht gedreht hätten. Aber denken Sie nicht auch manchmal: Jetzt hätte ich Lust, einmal richtig arrogant zu sein?
Nein. Ich habe das einfach nicht in mir. Ich denke immer: Ich will so behandelt werden, wie ich andere Menschen behandle. Es ist so leicht, aus einer Machtposition heraus arrogant zu sein. Nicht arrogant zu sein, ist eine viel grössere Herausforderung. Ich erinnere mich noch sehr gut an die Zeit, als ich noch keine Erfolge vorweisen konnte und wie mich damals gewisse Leute von oben herab behandelten. Ich sagte mir damals schon, dass ich das nie so machen würde. Ich sehe einfach keinen Grund dafür, anderen Menschen mit Arroganz zu begegnen.

Glauben Sie an Karma?
Ja, auf jeden Fall. Das ist für mich gar keine Frage. Wenn man etwas macht, sendet man eine Kraft aus. Diese Kraft kann positiv sein oder negativ, aber sie kommt automatisch zurück. Es ist wie in der Physik mit dem Pendel, das hin- und herschwingt. Ich glaube auch an die Wiedergeburt. Ich kann nicht glauben, dass nach dem Tod einfach alles schwarz ist. Es gibt ja auch immer mehr Wissenschaftler, die mit tibetischen Mönchen zusammenarbeiten, um zu beweisen, dass es ein Leben nach dem Tod gibt.

Ist das nicht einfach Hokuspokus?
Das kann man sich vorstellen, wie man will. Ich glaube einfach, dass es eine Energie gibt, die wir erschaffen haben, und dass diese Energie sich von uns löst und weiterwirkt, wenn wir sterben. Solche Fragen beschäftigen mich seit dem Tod meines Bruders und meines Vaters. Das ist mir damals sehr nahe gegangen. Vielleicht fantasiere ich das nur, weil ich diese Menschen so sehr geliebt habe und weil ich sie jetzt vermisse. Aber meine Intuition sagt mir, dass sie noch eine Zeitlang da waren. Ich habe auch eine Zeitlang in Mexiko mit Schamanen verbracht. Und ich hatte immer das Gefühl, dass es in unserem Leben noch andere Dimensionen geben muss. Aber das muss jeder für sich selbst entscheiden. Vielleicht gibt mir dieser Glaube einfach Sicherheit, dass ich keine Angst habe. Vielleicht ist das eine reine Flucht (lacht).

Welcher Ihrer bisherigen Filme hat Ihnen emotional am stärksten zu schaffen gemacht?
«Kite Runner» war psychologisch sicher der schwierigste Film, den ich bislang gedreht habe. Wir hatten 28 Nationalitäten auf dem Set, das Drehbuch musste in vier Sprachen übersetzt werden. Wir drehten in Kashgar, einer Stadt an der Seidenstrasse im Westen von China. Kashgar ist aufgeteilt zwischen den Uiguren und den Chinesen. Das Schlimme ist, dass die Chinesen versuchen, diese Stadt, die Tausende von Jahren alt ist, zu zerstören. Die Unterdrückung, die dort stattfindet, ist vergleichbar mit dem, was in Tibet passiert. Wir standen buchstäblich zwischen den Chinesen und den Uiguren und versuchten dort, diesen Film zu drehen. Als wir in einem Stadion die Szene einer Hinrichtung drehten, mit Tausenden von Statisten, marschierte plötzlich das chinesische Militär auf und riegelte alles ab. Wir waren blockiert, man konnte weder hinein noch hinaus.

Sehen Sie Ihre Filme immer auch in einem politischen Zusammenhang?
Nur zum Teil. Den Bösewicht bei Bond zum Beispiel wollte ich Mr. Greene nennen, weil dieser Begriff längst zu einem Trend geworden ist, den man gut vermarkten kann. Heute gilt doch für viele Leute: Wenn ich grün bin, bin ich gut. Dabei wird das Wort «Grün» heute oft für kapitalistische Zwecke benutzt, wo gar kein positiver Gedanke dahintersteht. Früher gab es in den Filmen oft einen einzigen Bösewicht – das war ein Mann, der alles kontrollierte. Heute ist diese Macht viel breiter verteilt. Es ist keiner mehr da, der die Verantwortung trägt. Das ist das grosse Problem. Wenn auf dem Set etwas passiert, bin ich dafür verantwortlich. Bei grossen Konzernen gibt es nur verschiedene Konsortien von Leuten, aber es gibt niemanden, der wirklich Verantwortung übernimmt. So stellte ich mir auch den Bösewicht im Bond-Film vor: Er sollte nicht der Drahtzieher sein, sondern einer von vielen – und selbst auch wieder eine Marionette.

Sie haben bereits wieder eine ganze Reihe neuer Film in Entwicklung, darunter den Medienthriller «Disconnect» oder auch den Zombiefilm «World War Z». Was kommt als Nächstes?
Wie es im Moment aussieht, wird es «Disconnect» sein. Was danach kommt, weiss ich noch nicht. «World War Z» ist ein interessantes Projekt, weil es die Gelegenheit bietet, politisches Kino im Rahmen eines Zombiefilms zu machen. Es gibt natürlich die einfache Parallele zu unserer Welt, wenn wir sagen: Wir alle sind Zombies des Konsums. Das ist banal, aber darüber hinaus, glaube ich, kann man mit einem Film über Zombies viel über unsere Gegenwart erzählen. Wenn man einen unmittelbar politischen Film dreht, ist es oft so, dass das die Leute gar nicht sehen wollen und das geradezu von sich wegdrängen – weil der Film zu nah am Nerv der Zeit ist. Da ist es oft besser, man dreht ein Kostümdrama mit vielen Parallelen zu unserer Zeit. Oder eben einen Zombiefilm. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.06.2009, 06:18 Uhr

WRITE A COMMENT







 Ausland



Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.


Kultur

Populär auf Facebook Privatsphäre

Bestenlisten

Kino
Kinoeintritte Schweiz

26. Januar 2012- 01. Februar 2012

1.1Intouchables64'262
2.neuThe Descendants18'860
3.2The Girl With The Dragon Tattoo16'439
4.44Jack And Jill16'133
5.32Man On A Ledge13'482
Mehr
Musik
Schweizer Hitparade

19.Dezember 2011 - 25.Dezember 2011

1.221, Adele
2.1Lioness; Hidden Treasures, Amy Winehouse
3.6Christmas, Michael Bublé
4.3Imaginaerum, Nightwish
5.5Made In Germany 1995-2011, Rammstein
Mehr
Bücher
Bestseller

6.Februar 2012 - 12.Februar 2012

1.1Das Alphabethaus, Jussi Adler-Olsen
2.2Aleph, Paulo Coelho
3.3Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand, Jonas Jonasson
4.4Sündige Gier, Sandra Brown
5. WEVom Ende einer Geschichte, Julian Barnes
Mehr