«Meine Mitarbeiter kriegen 2'000 Dollar die Woche»
Von Simone Meier, Venedig. Aktualisiert am 14.10.2009 7 Kommentare
Systemkritische Recherchen
Der Überraschungscoup von Michael Moores Film «Capitalism: A Love Story» ist eine längst verschollen geglaubte Rede von Franklin D. Roosevelt, der sozial gerechtere Änderungen der Bill of Rights einforderte. Michael Moore fand die einzig erhaltene Aufzeichnung dieser Rede in einer Bibliothek in South Carolina, und sie unterstützt seine These, dass das amerikanische Wirtschaftssystem seit je auf Kosten des kleinen Mannes geht und die derzeitige Wirtschaftskrise bloss der Höhepunkt einer falschen Entwicklung seit dem Zweiten Weltkrieg sei. Wie immer illustriert Moore seine systemkritischen Recherchen mit tragischen Einzelschicksalen und viel Revolutionsromantik. (sme)
Kann sich ein Michael Moore eigentlich jemals von seiner filmischen Mission erholen?
Sicher. Ich führe ein normales Leben in einer Kleinstadt im Mittleren Westen, in Bellaire, Michigan, die für Bush gestimmt hat...
Ich dachte, Sie besitzen ein Haus an der 5th Avenue in New York? So wurde es doch kolportiert.
Ich habe niemals irgendwas an der 5th Avenue besessen. Zuerst war ich entsetzt, was über mich geschrieben wird, aber dann habe ich es verstanden: Da wird eine fiktionale Figur namens Michael Moore konstruiert, über die man Informationen verbreiten kann, damit die Leute nicht mehr wissen, was jetzt eigentlich echt ist. Es sind schon so viele Bücher über mich geschrieben und Filme über mich gedreht worden, aber noch niemand hat sich gefragt, wer die eigentlich finanziert. Erst vor ein paar Wochen gestand der Vizepräsident einer Krankenversicherung, dass alle Krankenversicherungen seit meinem Film «Sicko» eine gutgepolsterte Kampagne gegen mich am Laufen hätten.
Wie muss man sich das vorstellen?
Punkt eins war, bestimmte Journalisten zielgerichtet mit Fehlinformationen über mich zu füttern. Punkt zwei lautete, viel Geld darauf zu verwenden, verschiedene Kongressabgeordnete, die mit mir und meinen Filmen sympathisierten, bei den nächsten Wahlen aus dem Senat zu kippen. Und gegen diese bestens finanzierte Maschinerie werde ich immer kämpfen.
Ihnen wird vorgeworfen, dass Sie durch Ihre Filme reich geworden seien und dass dies doch der Verteidigung der Arbeiterklasse in Ihren Filmen widersprechen würde.
Aber ich komme aus der Arbeiterklasse! Klar verdiene ich gut, das ist ja offensichtlich, aber ich bin nicht wirklich reich. Und es ist doch recht seltsam, dass ausgerechnet reiche, rechte Menschen denken, es würde jemanden diskreditieren, wenn sie über ihn sagen, dass er Geld habe... Wenn Sie aus der Arbeiterklasse kommen, denken Sie nicht, dass es verwerflich ist, zu Geld zu kommen. Sie wollen Geld! Sie wollen ein besseres Leben!
Und wie geht die Arbeiterklasse mit Ihnen und Ihrem Geld um?
Zu Hause, in meiner kleinen Industriestadt, ächten mich die Leute nicht dafür. Im Gegenteil, sie sagen sich: Wow, einem von uns ist es gelungen! Aber die eigentliche Frage ist: Was mache ich mit meinem Geld? Wie behandle ich meine Angestellten? Bezahle ich sie gut?
Und? Bezahlen Sie sie gut?
Ich denke schon. Ein Mitglied meines Teams verdient durchschnittlich 2000 Dollar die Woche. Kinder und Teenager 800 Dollar. Das ist das Geringste, was ich zahle.
In «Capitalism: A Love Story» beweisen Sie, dass Kapitalismus schlecht ist. Ist Sozialismus gut?
Ich weiss nicht viel über den Sozialismus, ich habe nie Marx gelesen. Es geht mir auch nicht um Sozialismus als System, sondern um zentrale Werte des Zusammenlebens: Ihr in Europa glaubt doch daran, dass jemand, der krank ist, ein Recht darauf hat, einen Arzt zu besuchen. Wieso glauben wir in Amerika das nicht? Seid Ihr etwa besser als wir? Das ist doch verrückt.
Im Film erzählen Sie auch, dass Sie früher einmal Priester werden wollten. Warum haben Sie diesen Berufswunsch aufgegeben?
Mit 14 wollte ich ins Priesterseminar. Ich bat meine Eltern, mich ziehen zu lassen, war ein Jahr lang dort, und als ich mich in die Semesterferien verabschiedete, sagte der Direktor: «Wir möchten nicht, dass Sie zurückkommen. Sie stellen zu viele Fragen.»
Gehen Sie noch zur Kirche?
Ich bin katholisch, auch wenn ich die katholische Kirche als Institution nicht mag, weil sie noch immer viel zu viel Schaden anrichtet. Aber ja, ich gehe unregelmässig zur Kirche.
Sie arbeiten gerne mit Emotionen, halten die Kamera gern lange auf Menschen und ihre Schicksale.
Na ja, wir sind halt Amerikaner. Wir weinen gern.
Arbeitet das Reality-TV nicht mit den gleichen Emotionen?
Die sind doch alle gefakt! Bei mir ist alles echt: Ein Kind verliert seine Mutter und erfährt, dass ihr Arbeitgeber von ihrem Tod profitiert, weil er zu seinen eigenen Gunsten eine Lebensversicherung für sie abgeschlossen hat.
Ihr Film ist ein Aufruf zum Aufstand. Denken Sie, dass die Amerikaner ihn wahrnehmen?
Ich wäre sehr glücklich, wenn die Leute endlich vom Sofa aufstehen, ihr Reality-TV ausschalten und mündige Bürger werden würden. Wenn nicht, dann mache ich nicht mehr weiter, das ist der Deal. Dann ist das mein letzter Dokumentarfilm, dann mache ich nur noch Spielfilme. Ich bin es müde, immer der Erste zu sein, der erscheint, wenn die Leute «anti Bush» googeln. Ich will, dass da eine Million Leute erscheinen.
Die Kernzelle der Gesellschaft ist auch in «Capitalism» die Familie. Ihr Vater spielt eine wichtige Rolle.
Mein Vater ist toll, er ist 88 und begleitet mich oft an Filmfestivals, nach Cannes, nach Toronto. Ich habe meine Mutter ja früh verloren, sie starb an Krebs, aber ich denke oft, dass mir meine Eltern ein gutes Wertesystem vermittelt haben. Ende April feierte ich meinen 55. Geburtstag, es waren viele befreundete Paare da. Es befanden sich aber nur zwei Leute im Raum, die noch in ihrer ersten Ehe waren: meine Schwester und ich. Das sagt für mich unendlich viel darüber aus, wie gut wir erzogen worden sind.
Apropos Party: Sie trinken nicht. Weshalb nicht?
Ich mag den Geschmack nicht. Ist das jetzt ein seltsamer Grund?
Oder wollen Sie die Kontrolle nicht verlieren?
Dafür müsste ich Drogen nehmen. Aber ich habe ja noch nicht einmal einen Joint geraucht! Dabei sind Kiffer doch ganz angenehm, sie schlagen ihre Frauen nicht und haben keine Autounfälle. In den Sixties, als wir alle lange Haare hatten, da waren alle meine Freunde ständig high, und ich sass daneben und war genau so high wie sie, aber ohne zu kiffen. Ich war bloss ich selbst. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 14.10.2009, 09:25 Uhr
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7 Kommentare
Moore hat mit seinen Dokumentarfilmen immer wieder auf die Geschwüre der Gesellschaft hingewiesen. Als Reaktion geschieht immer dasselbe, Schmierkampagnen und themafremde Pseudointerviews. Ein paar Jahre später bestätigt sich alles, wie z.B. in "Sicko", gegen private Krankenkassen gerichtet, mit den Geständnissen von Wendell Potter. Ein Moore made in Switzerland wäre keine schlechte Idee... Antworten
Guten Tag, ich habe das Interview mit Michael Moore gelesen. Ich muss sagen das ich den Film, welchen er über Georg W. Bush drehte, den Wahnsinn finde. Wenn dort nur 50% stimmen sollten, was ich übrigens auch glaube, ist es doch unglaublich was am 9. 11. abging. Aber ich bin mir sicher das auch bei seinen Dokus einiges "gefakt" ist. Aber dennoch geben seine Filme einiges zum Nachdenken!!! Gruss Antworten
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