«Meine Seele ist nicht dunkel»
«A Dangerous Method»
läuft ab heute in den Deutschschweizer Kinos.
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David Cronenberg sitzt in einem Sessel des Zürcher Hotels Baur au Lac. Markantes, aufmerksames Gesicht. Randlose Brille, kurze weisse Haare. Hellgraues, nicht unmodisches Jackett, zum schwarzen Pulli und zur Jeans kombiniert. Wer dem 68-Jährigen bei einem Stehempfang begegnet, würde ihn für einen Anwalt, Arzt oder, ja, Analytiker halten. Cronenberg jedoch ist der Mann, den man in jungen Jahren ehrfürchtig «Meister des Body Horrors» genannt hat. In «Rabid» zum Beispiel wächst einer Frau nach einem Unfall eine Art Vagina unter der Achsel, die sich als männermordend erweist. Das ist es wohl, was man Verschiebung nennt. Freud hätte seine Freude gehabt.
David Cronenberg, ihre frühen Filme stecken voller bizarrer Metaphern auf die Wiederkehr des Verdrängten. Mit der Psychoanalyse sind Sie also schon seit je bestens vertraut?
Die Beziehung zwischen Therapeut und Patient hat mich schon immer sehr interessiert – bereits mein erster Film handelt davon, ganz unmetaphorisch. Aber ich habe mich damals nicht intensiv mit Psychoanalyse beschäftigt, sondern lediglich aufgesogen, was Zeitgeist war. In den 60er- und 70er-Jahren wurde das psychoanalytische Vokabular allgegenwärtig; Begriffe wie das Unterbewusste, das Ich und das Es.
Sie sind ein Familienmensch. Lange Zeit haben Sie jeden Ihrer Filme in Ihrer Heimatstadt Toronto gedreht, um nicht von Frau und Kindern getrennt zu sein. Haben die sich jemals über die bizarren Geschichten ihres Vaters gewundert?
Überhaupt nicht. Sie waren immer eher erfreut darüber, dass ich so einfallsreich bin. Mit meinen Eltern war es das Gleiche.
Niemals kam die Frage, ob nur eine dunkle Seele solch seltsame Sachen erfinden kann?
Der Witz ist: Meine Seele ist nicht dunkel. Das ist der Grund, warum ich nie eine Psychoanalyse gemacht habe. Ich habe keine Probleme.
Erstaunlich licht ist auch Cronenbergs jüngster Film «A Dangerous Method». Er schildert, was als das «berühmteste Dreiecksverhältnis der Psychoanalyse» in die Literatur eingegangen ist. Die russische Jüdin Sabina Spielrein (Keira Knightley) wird Patientin von C. G Jung (Michael Fassbender) – später auch seine Assistentin und noch etwas später seine Geliebte. Die Affäre belastet das Verhältnis zwischen Jung und Sigmund Freud (Viggo Mortensen), der in dem jüngeren Zürcher Kollegen lange Zeit seinen Kronprinzen sieht – irgendwann aber zunehmend irritiert auf Jungs mystische Anwandlungen reagiert.
Dass Spielrein, längst selbst auf dem Weg zur Analytikerin, irgendwann den intellektuellen Kontakt zu Freud sucht, ist wiederum Jung nicht recht. Beide Männer wollen sie als enge Verbündete zur Festigung des eigenen wissenschaftlichen Reichs. Die komplexen Konfliktfelder, die dabei entstehen, setzt Cronenberg sehr präzise und elegant in Szene: ein geradezu klassisches Werk. Gruseligen «Body Horror» findet man in ihm kaum mehr.
Herr Cronenberg, wenn in «Dangerous Method» noch irgendetwas verstört, dann die ersten Szenen mit Keira Knightley. Sie kann sich ja wirklich monströs verrenken. Ist das eine Reminiszenz an ihr Frühwerk?
Ich verstehe, dass man diese Idee haben kann. Doch Keiras Spiel basiert auf genauer Recherche. Wir haben Dokumente von Dr. Jung, der sich Notizen über die Symptome von Sabina Spielrein machte. Was Sie sehen, ist ein sehr akkurates Porträt der Hysterie, einer Krankheit, die es heute nicht mehr gibt.
Warum eigentlich nicht?
Ein Erklärungsansatz lautet, dass die Hysterie aus der unterdrückten Sexualität der Frauen herrührte. Heute dürfen Frauen sexuelle Wesen sein. Auch als Intellektuelle sind sie akzeptiert. Zur Zeit von Sabina Spielrein war beides unerhört. Das muss man sich klarmachen, dann erkennt man, wie monströs das ist, was sie gegenüber ihrem Analytiker Jung sagt: dass sie masturbiert. Dass sie durch Schläge sexuell erregt wird. Ihr Mund schiebt sich vor, er will es sagen – und gleichzeitig will er es nicht. Es ist ein Kampf des Körpers mit sich selbst.
Äusserte sich die Hysterie nur in den Therapiesitzungen?
Nein, ständig, Hysterikerinnen waren total dysfunktional, sie konnten nicht mehr auf die Strasse gehen. Spielrein war bereits in zwei Institutionen gewesen, ehe sie ins Burghölzli kam. Aus beiden wurde sie rausgeschmissen, man wurde einfach nicht mit ihr fertig. Erst als Jung sie nach der Freud’schen Methode behandelte, besserte sich ihr Zustand rasch.
Rasch?
Es ging wirklich relativ schnell. Über Woody Allen wäre Freud schockiert: Eine 40 Jahre andauernde Analyse – unvorstellbar. Das Revolutionäre an seiner Therapie war ja unter anderem, dass man sich einem Fremden öffnete – jemandem, der einem neutral und unvoreingenommen begegnet. Wenn ein Analytiker dich dein ganzes Leben lang begleitet und darüber unvermeidlich auch zum Freund wird, geht das verloren.
Ist Spielrein für Sie die Hauptfigur?
Nein, das würde ich nicht sagen. Wir wollten aus ihr jedenfalls keine Wegbereiterin des Feminismus machen oder so. Wir wollten einfach ihren Fall schildern: eine Frau, die sehr grossen Einfluss auf diese beiden Männer hatte, vor allem intellektuell – ohne dass sie dafür Anerkennung fand. Freud widmete ihr immerhin einmal eine Fussnote und würdigt Spielreins Mitarbeit am Konzept des Todestriebs. Jung würdigte sie nirgendwo in seinem Werk.
In diesem Dreieck scheint sie, nach ihrer Heilung, die am wenigsten neurotische Person zu sein. Freud und Jung entzweien sich in Machtspielen; sie bleibt beiden gegenüber loyal und lässt sich nicht verstricken.
Das stimmt, ihr Verhalten ist höchst beeindruckend. Sie wollte einfach eine gute Psychoanalytikerin sein und für ihre Patienten da sein. Sie sorgte sich nicht um Ruhm und Reputation – was Freund und Jung zur Genüge taten.
Was ist das Gefährliche an der Psychoanalyse, auf das Ihr Filmtitel abzielt?
Die Psychoanalyse war damals noch in der Entstehung begriffen, ein Experimentierfeld. Freud selbst benutzt das Bild vom Laboratorium, wo einem die leicht entflammbaren Stoffe halt manchmal um die Ohren fliegen. Das hat mich fasziniert. Heute wissen wir, dass es kriminell ist, wenn ein Analytiker ein sexuelles Verhältnis zu einem Patienten beginnt. Jung jedoch tat es. Der Analytiker Otto Gross, der im Film eine kleine Rolle spielt, tat es ganz ungeniert.
Sein «Unterdrückt gar nichts mehr»-Ansatz ist inzwischen nahezu vergessen.
In den 70ern hatte er noch jede Menge Anhänger. Der Drogenkonsum lief dabei manchmal ziemlich aus dem Ruder. Heute finden die Leute wohl, dass das alles sehr destruktiv ist, dass es einen einsam sterben lässt – wie es bei Gross ja tatsächlich der Fall war.
Im Konflikt zwischen Freud und Jung nimmt Ihr Film keine Partei. Haben Sie selbst eine Vorliebe?
Philosophisch fühle ich mich sehr viel näher bei Freud. Er war Atheist und das bin ich auch. Wie Freud glaube ich, dass es der Körper ist, der den Menschen ausmacht. Jung dagegen war in meinen Augen irgendwann eher Religionsführer als Psychoanalytiker.
Jung spricht bei Ihnen über einen wiederkehrenden Albtraum – eine Vorahnung des Ersten Weltkriegs, der die Illusion eines sicheren, zivilisierten Europas zerstörte. 100 Jahre später erschüttern Finanz- und Politikkrisen das Vertrauen in Europa. Steuern wir erneut auf einen Epochenbruch hin?
Wissen Sie, ich wuchs während der heissesten Phase des Kalten Krieges auf: Im sicheren Glauben, Nuklearwaffen würden die Welt bald vernichten. Das apokalyptische Gefühl der Menschen scheint also eine sehr beständige Sache zu sein, wir haben immer das Gefühl, dass wir am Abgrund stehen. Und vielleicht tun wir das – die Situation heute ähnelt derjenigen vor dem Ersten Weltkrieg tatsächlich. Doch als Anhänger der Chaostheorie glaube ich nicht, dass die Dinge sich jemals exakt wiederholen. Zumindest hoffe ich es sehr. (Basler Zeitung)
Erstellt: 10.11.2011, 09:19 Uhr
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