Neues vom Leinwand-Hexer
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«Ich habe Scheissfilme gedreht, das ist alles.» Dies sagte Klaus Kinski 1971 in einem Fernsehinterview. Tatsächlich, der deutsche Schauspieler war bis dahin in unzähligen kleineren Rollen aufgetreten, billigen Spaghetti-Western, drittklassigen Krimis und einer Legion von Edgar-Wallace-Verfilmungen. Das war noch vor seinen Erfolgen mit Regisseur Werner Herzog gewesen, vor «Aguirre, der Zorn Gottes», vor «Fitzcarraldo», vor «Nosferatu». Doch ganz recht hatte Kinski 1971 nicht. Denn da gab es noch «Der rote Rausch» aus dem Jahr 1962, in dem der grosse Egomane des deutschen Kinos seine erste richtige Hauptrolle spielte. Der Film wurde bei seiner Premiere allerdings kaum beachtet und ging danach vergessen – bis 2001 eine restaurierte Fassung im Münchner Filmmuseum gezeigt wurde.
Flüchtiger Frauenmörder
«Der rote Rausch» – der Titel lässt an einen Kriminalfilm denken, der ein Kleinbürgerpublikum zu Feierabend wohlig erschauern lässt. Wie er schon nur beginnt: Nacht, Schatten, Füsse, die leise treten, ein Seil, das über den Boden schleift. Doch kein Selbstmörder ist hier unterwegs, nein, ein Ausbrecher aus einer «Bewahranstalt für kriminelle Geisteskranke». Kinski spielt ihn, diesen Frauenmörder, den die Ärzte seine Untaten haben vergessen lassen. Diesen Flüchtigen, der nichts von sich selber weiss und wie ein gehetztes Tier durch eine Schilflandschaft an der österreichisch-ungarischen Grenze stolpert. Diesen seltsamen Eindringling, der auf einem Gutshof Unterschlupf findet und das Herz der Besitzer-Tochter erweicht.
Diskrete Expressivität
Ein Krimi à la Edgar Wallace also? Nein. Kinski spielt diesen Mörder mit der Sanftheit eines verschüchterten Kindes. Und lässt doch hin und wieder die gefährliche Veranlagung dieses kranken Geistes auflodern – mit grossen Augen und einem flackernden Blick, den man aus späteren Filmen kennt. Trotzdem agiert er hier noch mit einer relativ diskreten Expressivität.
Ein Täter, der Opfer ist
«Der rote Rausch» ist ein seltsam schillerndes Werk: Weil es gleichzeitig etwas von einem Heimatfilm und einem Thriller hat. Erstaunlich ist der Film aber vor allem auch darum, weil er, als Unterhaltungsvehikel zu Wirtschaftswunder-Zeiten, einen Täter zeigt, der eigentlich ein Opfer ist – und eine Gesellschaft, die das nicht sieht.
«Keiner liebt mich!», wispert der Gejagte am Schluss, kurz, bevor er vor einer aufgebrachten Meute ins Schilf flüchtet. Kinskis darstellerische Intensität, seine bis ins Mark gehende Ausdrucksstärke – sie ist schon in «Der rote Rausch» in Ansätzen spürbar. Ihr blieb der schauspielernde Kugelblitz stets treu, auch in den vielen vernachlässigbaren Werken seiner Filmografie.
Der Choleriker in seiner ersten Hauptrolle
Kein Wunder, dass das Publikum fortan gerne von der Rolle auf den Menschen schloss. Kinski, dieser Aufmerksamkeits-Magnet und König der Selbstinszenierung, bediente das Bild des überdrehten Geistes und des unzähmbaren Cholerikers – und die Menschen fasziniert es bis heute. Nicht zufällig ist der 1991 verstorbene Schauspieler mit seinen Ausrastern in Interviews und bei Dreharbeiten mittlerweile ein Star auf Youtube. Seine Rolle in «Der rote Rausch» markierte wohl einen nicht ganz unwichtigen Schritt auf dem Weg zum Star zwischen Genie und Wahn.
(Der Bund)
Erstellt: 31.01.2012, 08:33 Uhr
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