Kultur

Nichts als die Lüge

Von Philippe Zweifel. Aktualisiert am 16.10.2010 4 Kommentare

In den 1990er Jahre belieferte der Schweizer Tom Kummer grosse Magazine mit gefälschten Star-Interviews. Sein ehemaliger Chef vom Tagi-Magi hat den Schwindler aufgespürt und einen Dokfilm gedreht.

1/6 Einer der grössten Schwindler der deutschsprachigen Mediengeschichte: Tom Kummer.
Bild: T & C Film

   

Der Film

«Bad Boy Kummer», ein Film von Miklós Gimes, 92 Minuten.
Ab 21. Oktober im Kino.

So viele Journalisten kamen wohl noch nie zur Pressevisionierung eines Dokumentarfilms. Der Branchenauflauf hatte seinen Grund. Zu sehen war einer der eigenen Zunft, noch dazu einer, der einmal berühmt war und es irgendwie immer noch ist, wenn auch mehr im Sinn von: berüchtigt. Die Rede ist natürlich von Tom Kummer, Enfant Terrible oder neuerdings eben Bad Boy des deutschsprachigen Journalismus.

Der Schweizer war der Mann mit den Knaller-Interviews der 90er-Jahre. Er plauderte mit Courtney Love über freudlosen Sex, mit Sean Penn über Kierkegaard, mit Charles Bronson über Orchideen. Kein Wunder, rissen sich die renommiertesten Magazine um den Mann, der scheinbar an jeden Hollywood-Bigshot rankam. Darunter auch das Magazin des «Tages-Anzeigers». Nachdem immer häufiger Zweifel an Kummers Texten aufgekommen waren, flog er im Mai 2000 definitiv auf. Bei den Interviews, verteidigte sich Kummer, habe es sich um «Borderlinejournalismus» gehandelt.

Keine Reue

Das ist alles lange her und wurde tausendfach beschrieben. Wieso also ein Dokumentarfilm? Regisseur Miklós Gimes hat einen guten Grund. Er war damals stellvertretender Chefredaktor, als Tom Kummer seine Texte dem «Tages-Anzeiger-Magazin» (heute: «Das Magazin») unterjubelte. Als solcher erstaunte es ihn, dass sein ehemaliger Protegé keine Reue zeigte. Dass Kummer die beiden Chefredaktoren des Magazins der «Süddeutschen Zeitung», die seinetwegen gefeuert wurden, nicht leidtun. Kurz, Gimes wollte herausfinden, wie Kummer tickt. Um die Wahrheit hinter der Lüge aufzudecken, scheute Gimes keine Mühe. Er besucht alte Kameraden Kummers in Bern, interviewt ehemalige Kollegen und Chefredaktoren und reist nach Los Angeles, wo Kummer heute als Paddletennis-Lehrer arbeitet.

Die unzähligen Statements von Journalisten, die einst mit Kummer zu tun hatten, mögen branchenintern knackig sein – für das Durchschnittspublikum wirken sie auf die Dauer wahrscheinlich ermüdend. Natürlich ist es im Nachhinein seltsam, dass die angesehenen Magazine Kummers Ergüsse druckten, ohne an deren Wahrheitsgehalt zu zweifeln. Die Erklärung (dass Kummers Texte in den euphorischen 90ern wie journalistisches Kokain wirkten) ist inzwischen jedoch ebenfalls mehrmals formuliert worden. Interessanter ist die Frage, wie und warum Kummer vom Weg abkam.

Medienkünstler

Wie Kummer in Gimes' Film mit viel Charme darlegt, kam er zum Borderline-Journalismus, nachdem er mit 20 anderen Journalisten ein Gruppeninterview mit Pamela Anderson geführt hatte. Sterbenslangweilig sei das gewesen und die Kollegen hätten sich brav und harmlos wie Schafe benommen. Kummer selbst stellte weder Fragen noch hörte er zu. Trotzdem haute er zuhause ein 20-seitiges Interview in die Tasten. Und siehe da: Frau Anderson gab kein PR-Gedüdel über «Baywatch» zum besten, sondern äusserte sich zu ihrer Busen-Konkurrentin Anna Nicole Smith. Publikum und Chefredakteure waren begeistert.

Im Film präsentiert sich Kummer als Medienkünstler («Mir ging es immer darum, die Definition, was Realität ist und was Fiktion, in Frage zu stellen»). Tatsächlich erscheint er als jemand, den es ins falsche Metier verschlagen hat, der als Drehbuchautor wahrscheinlich glücklicher geworden wäre. Gut möglich, dass er sich für sein Tun stets selbst verachtete, auf den Applaus jedoch nicht mehr verzichten wollte. Oder ist er, wie es einige seiner ehemaligen Vorgesetzten sehen, schlicht und einfach ein Hochstapler, dem es um leicht verdientes Geld ging? Die Wahrheit hinter dem Phänomen Tom Kummer findet auch Miklós Gimes nicht. Mit Blick auf die versammelte Journaille bleibt zu hoffen, dass Gimes so nicht unfreiwillig Kummers Philosophie bestätigt: Dass gewisse Wahrheiten nur wahr werden können, wenn man sie erfindet. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 08.10.2010, 15:04 Uhr

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4 Kommentare

Bernhard Kobel

08.10.2010, 17:27 Uhr
Melden

Ein dreifaches Hoch auf Tom Kummer: 1. Er schrieb, was die Chefredaktoren und Leute lesen (und glauben) wollen. 2. Er bewies, dass es den Stars gleich ist, was über sie geschrieben wird. 3. Er zeigte, wie unwichtig es ist, was diese Stars sagen. Und wahrscheinlich ist er ehrlicher als alle seine ach so seriösen Kollegen, die auch schreiben, was die Leute lesen wollen, ob es wahr ist oder nicht. Antworten


Hans Iseli

08.10.2010, 21:23 Uhr
Melden

@Bernhard Kobel: Treffer! Ich wollte, ich könnte so klar schreiben! Antworten



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