Kultur

Nick Hornbys ganz sympathische Kleinbürger

Von Simone Meier. Aktualisiert am 24.02.2010

Was taugt Nick Hornby eigentlich als Drehbuchautor? Für «An Education» hat er zum Weichzeichner und zum Antisemitismus gegriffen. Er ist damit für einen Oscar nominiert.

Selfmademan David (Peter Sarsgaard) und die zarte gewitzte Jenny (Carey Mulligan), umgemodelt zu einer Art Audrey Hepburn.

PD

Der Film

An Education (GB 2009). 95 Minuten. Regie: Lone Scherfig. Mit Carey Mulligan, Peter Sarsgaard, Alfred Molina u.a.

Ab Donnerstag in Zürich in den Kinos Arthouse Piccadilly und Capitol. Porträt von Hauptdarstellerin Carey Mulligan morgen im «züritipp».

Nick Hornby ist ein naiver Autor. Einer, der gern mit netten Stereotypen arbeitet, mit halbwegs vom Leben durchgerüttelten jüngeren und nicht mehr ganz so jungen Figuren, auch meist mit Charme und höchst ungern mit Kanten, die wirklich wehtun könnten. Als er Lynn Barbers Autobiografie «An Education» zum Drehbuch für den gleichnamigen Film von Lone Scherfig («Italian for Beginners») umschrieb, da war es ihm wichtig, dass die Geschichte romantischer und die Menschen freundlicher wurden, als sie in Wirklichkeit waren. Er und Lone Scherfig nannten das «ans Publikum denken».

Der charakterschwache Jude

Er nahm einen kleinen Teil aus Barbers Buch, ihre wilde Teenage-Affäre Anfang der Sechziger mit dem wesentlich älteren jüdischen Immobilienmakler und Betrüger Simon Goldman, mit dem sie in vielen europäischen Hauptstädten Sex hatte, und machte daraus eine einigermassen sensible Liebesgeschichte, bei der er laut Barber sehr viel hinzuerfand. Eine Liebesgeschichte, die unendlich heiter beginnt, dann zum Glück für das Mädchen eben doch die Aus- und nicht die Herzensbildung höher stellt. Dies allerdings so unendlich flach, moralinsauer und abrupt, dass man sich fragt, wieso Hornby denn keinen Mumm mehr hatte, einen Ausblick auf das spätere Leben seiner Heldin zu werfen.

Die wahre Barber wurde nämlich zuerst zu einer männerverschlingenden Oxford-Studentin, dann zu einer «Penthouse»-Redaktorin, die einen erfolgreichen Sexratgeber mit dem Titel «How to Improve Your Man in Bed» schrieb, und schliesslich zum sogenannten Rottweiler des britischen Journalismus, der für den «Observer» und den «Independent» bellte. Nick Hornby hat aus der pragmatischen Lynn die zarte, gewitzte Jenny gemacht und aus dem wohl recht arschlochigen Simon den unendlich einnehmenden David. Er verschob die Geschichte von 1960 nach 1961, weil ihm das 61er-England eine Spur weniger düster erschien. All das ist im Gedanken an das Publikum vertretbar, man braucht schliesslich Sympathieträger in einer sympathischen Umgebung.

Eine einfache Romeo-und-Julia-Dynamik

Sehr befremdlich – auch für Lynn Barber selbst – ist hingegen, dass Hornby aus Barbers allgemein fremdenfeindlichen Kleinbürger-Vater einen offen antisemitischen machte. Es entsteht so über eine längere Strecke hinweg zwar eine einfache Romeo-und-Julia-Dynamik – Jenny und David gegen den geschlossen antisemitischen Rest der Welt. Doch der Vater, der durchaus auch ein Sympathieträger ist, baut seine ganzen Ressentiments gegen David auf dessen Judentum auf – und bekommt am Ende Recht. Denn David, so sagt uns Nick Hornby allen Ernstes, ist nicht zuletzt deshalb so charakterschwach, weil er ein Jude ist. Lynn Barber hat so was in ihrer Autobiografie nie behauptet.

Was diese antisemitischen Zwischentöne sollen, ist ein grosses Rätsel, denn ohne sie wäre der Film bis auf das verschenkte Finale nämlich sehr hübsch, liebenswert und für die Zuschauer immer wieder genauso überraschend wie Davids Werben und Wesen für die 16-jährige Jenny. Da begegnen sich nämlich zwei eines Tages im Regen auf der Strasse: der Selfmademan David (Peter Sarsgaard), der sich ohne grössere Schulkarriere ein immenses Kulturwissen und ein bohémienhaftes Savoir- vivre angeeignet hat, und die süsse, ehrgeizige, vorlaute Schülerin Jenny (Carey Mulligan), die Juliette Greco und Edith Piaf hört und in Oxford einmal studieren, aber vor allem skandalöse französische Filme sehen will.

Die Bezauberung schlechthin

Nachdem David den Widerstand von Jennys Eltern (Alfred Molina und Cara Seymour) kunstfertig gebrochen hat, beginnt die grosse Erfüllung aller Mädchenträume. Gemeinsam mit einem höchst mondänen Pärchen (Dominic Cooper und Rosamunde Pike) stürzen sich die beiden ins Nacht-, Land- und Liebesleben. Jenny wird zu einer Art Audrey Hepburn umgemodelt, man besucht Auktionen und Konzerte, trinkt, raucht, fährt nach Paris, Jenny dealt an ihrer Schule mit Chanel-Parfüm, verliert ihre Unschuld und erhält einen Heiratsantrag.

Vieles ist sie sich da von David schon gewohnt, etwa, dass er Kunst raubt oder alte Leute aus ihren Wohnungen ekelt. Doch dann macht sie eine Entdeckung, die hier nicht verraten werden darf, die aber all ihre übriggebliebenen bourgeoisen Blutkörperchen mobilisiert und erfolgreich alles abwürgt, was sich zuvor an kreativem Lebenstrieb in ihr breitmachte. Denn lange ist Jenny die lebensfrohe Bezauberung schlechthin, und das ist das Verdienst von Carey Mulligan, die ist nämlich ein ganz entwaffnend lachender Schmetterling von Jungschauspielerin.

Oscar-Nomination ist doch eher stossend

Dass sie dafür einen Oscar als beste Hauptdarstellerin erhalten könnte, wäre völlig in Ordnung. Die Nomination in der Kategorie bester Film ist eine Verwirrung der gefühlsduseligen Academy, und dass Nick Hornby für das beste adaptierte Drehbuch nominiert wurde, das ist doch eher stossend. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.02.2010, 06:32 Uhr

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