Nie einfach nur ein Kuss

Vor 120 Jahren hat es der erste Kuss ins Kino geschafft. Lange mussten die Schauspieler sich jedoch zügeln.

120 Jahre Leinwandküsse: Das British Film Institute hat der Geschichte einen Video-Essay gewidmet.


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Wenn schon ein Blick mehr als 1000 Worte sagen kann, was kann dann erst ein Kuss? Offenbar so einiges, wie der Video-Essay «Lips, Love and Power» des British Film Institute (BFI) zeigt. Heute mögen Küsse in Filmen beiläufig sein, unbedeutend, kaum der Rede wert – wenngleich die besten Filmküsse des Jahres bei den jährlichen MTV Awards jeweils gekürt werden. Früher hingegen waren Leinwandküsse mehr als nur Küsse. Manche von ihnen waren so folgenreich, dass sie die Art und Weise, Gefühle in der Öffentlichkeit zu zeigen, zu beeinflussen vermochten.

Rachel McAdams und Ryan Gosling wiederholten ihren preisgekrönten Kuss aus «The Notebook» bei den MTV Awards 2005.

Der allererste Kuss schaffte es 1896 auf die Leinwand im Film «The Kiss» mit den beiden Bühnenschauspielern May Irwin und John C. Rice, die sich nach einer nicht ganz so bequem wirkenden Umarmung schliesslich kurz küssen dürfen. «The Kiss», also nicht der Kuss an sich, sondern der Film als Ganzes dauerte nur rund 20 Sekunden, löste aber «jedes Mal stürmischen Beifall» im Publikum aus, wenn man der damaligen Werbung des Filmproduzenten und Glühlampenerfinders Thomas Edison Glauben schenkt. Allerdings sorgte der erste Leinwandkuss auch für Empörung – zu jener Zeit war ein öffentlicher Kuss viel zu unmoralisch für manche Gemüter; der Ruf nach Zensur wurde laut.

Der erste dokumentierte Leinwandkuss ist 120 Jahre alt: «The Kiss» (1896).

1916 setzte Charlie Chaplin zum nächsten Kuss-Skandal an – indem er die gleichgeschlechtliche Liebe andeutete: Seine Figur küsst in «Behind the Screen» eine Frau in Männerkleidung und kassiert dafür einen Rüffel und mehrere Ohrfeigen, was sich Chaplins Figur jedoch nicht gefallen lässt. Seine Reaktion ist wunderbar treffend.

Charlie Chaplin küsst Edna Purviance in «Behind the Screen» (1916).

Erster French Kiss vor 90 Jahren

Zehn Jahre später durften sich zwei Schauspieler zum ersten Mal leidenschaftlich küssen: Greta Garbo und John Gilbert in «Flesh and the Devil» – es war der erste French Kiss, der im Kino zu sehen war, und damit wohl auch eine Inspiration für manchen Zuschauer, der noch nie so etwas gesehen, geschweige denn ausprobiert hatte.

Der Video-Essay «Lips, Love and Power» sammelt noch viele weitere solch bedeutender Küsse, die weit mehr als nur Küsse waren: eine Szene aus «Wings», in der sich erstmals zwei Männerlippen auf der Leinwand treffen, Marlene Dietrich, die in «Morocco» eine Frau küssen darf, der erste Kuss ohne Liebe, der erste zwischen zwei Teenagern oder der erste völlig beiläufige Filmkuss.

Gleich wird zum ersten Mal animiert geküsst: «Snow White and the Seven Dwarfs» (1937).

Küsse durften nicht länger als drei Sekunden dauern

Zu viel Leidenschaft im Film war jedoch bis 1967 offiziell tabu. «Exzessives und lustvolles Küssen, lustvolle Umarmungen, suggestive Posen und Gesten dürfen nicht gezeigt werden», hiess es im Hays Code, der moralischen Richtlinie, an die sich alle Filmproduktionsfirmen halten mussten. Taten sie es nicht, drohte der Kinoboykott der Catholic League of Decency.

Zu viel nackte Haut war ebenfalls tabu, genau wie sexuell angehauchte Tanzszenen. Auch durften Leinwandküsse zu jener Zeit nicht länger als drei Sekunden am Stück dauern. Regisseur Alfred Hitchcock hielt sich in «Notorious» aus dem Jahr 1946 brav an diese Regel: Ingrid Bergman und Cary Grant lösten ihre Lippen immer spätestens nach 3 Sekunden – insgesamt dauerte die Szene jedoch weit über zwei Minuten.

Kurz und lang zugleich: Ingrid Bergmans und Cary Grants Kussszene in «Notorious» (1946).

(dj)

(Erstellt: 31.12.2015, 17:26 Uhr)

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