Kultur

«Niemand will eine Kamera in der Bank»

Der international gefeierte Dokfilm von Jean-Stéphane Bron zerrt Investmentbanken auf die Anklagebank. Der Schweizer über Schuld, Macht und die Verbindung zwischen Wallstreet und Bahnhofstrasse.

Kleine Stadt gegen übermächtige Lobby: Im Dokfilm «Cleveland vs. Wall Street» gehts um die Immobilienkrise.


Der Westschweizer Filmemacher Jean-Stéphane Bron ist hierzulande mit seinem Dokumentarfilm «Mais im Bundeshuus» bekannt geworden. Mit «Cleveland vs. Wall Street» feiert er derzeit auch international Erfolge.

Film

In «Cleveland vs. Wall Street» wird ein Prozess inszeniert gegen 21 Banken, die durch die Immobilienkrise die Stadt Cleveland buchstäblich verwüstet haben. Protagonisten und Beweise sind echt, aber das Gerichtsverfahren ist fiktiv, da die Wallstreet-Banker einen echten Prozess geschickt zu verhindern wussten. Trotzdem urteilt eine (ebenfalls fiktive) Jury über den Fall. Brons Film zeigt eindrücklich, wie die so genannten Subprime Loans, die die Banken an vor allem arme Bewohner verkauften, ganze Quartiere auslöschten - und was aus den Bewohnern wurde. Der Film startet am 9. September in Deutschschweizer Kinos.

Links

Herr Bron, Sie prangern in Ihrem Film das Bankenwesen an. Dazu inszenieren Sie einen Gerichtsprozess, in dem enteignete Hausbesitzer gegen Investmentbanken kämpfen. Warum haben Sie diese Verhandlung in Amerika und nicht in der Schweiz angesiedelt?
Weil die Stadt Cleveland konkret versucht hat, einen Prozess gegen die Banken zu führen. Als ich davon in einer Zeitung las, kam mir das wie die Inhaltsangabe eines Gerichtsthrillers vor: Kleine Stadt kämpft gegen übermächtige Lobby. Ausserdem habe ich in der Schweiz probiert, einen Dokfilm über die Bankenkrise zu drehen, aber es hat sich als unmöglich herausgestellt.

Weshalb?
Bereits während der Dreharbeiten zu «Mais im Bundeshuus» habe ich viele Banker getroffen. Die waren alle nett – aber nicht mehr. Banken sind Orte der Macht. Da will niemand eine Kamera sehen – das gilt übrigens auch für die Kunden.

Der Prozess, den Sie zeigen, hat nicht stattgefunden. Sie haben ihn inszeniert. Wie kamen Sie auf diese für einen Dokumentarfilm doch ungewöhnliche Idee?
Ursprünglich wollte ich einen Dokfilm über Clevelands Kampf mit den Banken drehen. Das stellte sich aber als sehr juristisch und trocken heraus. Dann schwebte mir ein Episodenfilm mit den verschiedenen Protagonisten vor: Kläger, Anwälte, Zeugen. So lernte ich die Figuren, die jetzt im Film zu sehen sind, kennen. Als der Gerichtstermin von den Anwälten der Banken immer wieder verschoben wurde, entschied ich mich, den Prozess zu inszenieren.

Waren die Protagonisten nicht aufgeregt, als sie gefilmt wurden? Es sind ja keine Schauspieler.
Nein, in Amerika sind Kameras, vor allem in Gerichtssälen, alltäglich. Ausserdem hatten sie vor Gott zu schwören und vor einem richtigen Richter auszusagen – gerade für Amerikaner eine ernste Angelegenheit. Vor allem aber ging es um real existierende Probleme, mit denen die Leute zu kämpfen haben. Für sie war der Prozess echt.

Die Jury im Film muss entscheiden, ob die Banken für die Immobilienkrise und Zwangsräumungen in Cleveland verantwortlich sind. Was ist Ihre Meinung?
Das lässt sich nicht einfach beantworten, weil es eine juristische und moralische Frage ist. Haben die Banken illegal gehandelt? Ich weiss es nicht. Haben sie unmoralisch gehandelt? Ja. Für mich sind sie also schuldig.

Dass Sie auf der Seite der Opfer sind, ist im Film klar ersichtlich. Kein fairer Gerichtsprozess, eigentlich.
Ja, ich teile die Wut der Opfer. Die Wut von Leuten, die sich ihr Leben lang für ihre Gesellschaft aufopfern – und dann von Leuten, die ein paar Jahre auf einer Business-School waren, ausgenommen wurden. Das ist ungerecht und das will ich zeigen. Aber ich wollte auch den Banken eine faire Chance geben, um ihre Sicht der Dinge darzustellen. Und durch den Bankenanwalt kommen diese Argumente meiner Meinung nach gut zur Geltung. Als Enkel eines Unternehmers bin ich auch nicht naiv und weiss, dass es Banken braucht. Die Frage ist bloss für was: Um der Gesellschaft zu dienen oder einzelne reich zu machen?

In Frankreich wird Ihr Film gefeiert. Nun ist Frankreich traditionell eher amerika- und kapitalismusfeindlich. Was erwarten Sie in den USA für Reaktionen?
Ich bin sehr gespannt. In Amerika ist der Glaube an die Mechanismen des freien Markts stark ausgeprägt. Regulationen, wie sie mein Film nahelegt, sind nicht gerne gesehen. Andererseits liegt es in der amerikanischen Natur, Entscheidungen von Machthabenden zu hinterfragen.

Was glauben Sie: Würde ein Schweizer Geschworenengericht die hiesigen Banken schuldig sprechen?
(lacht) Vielleicht, wenn die Geschworenen UBS-Aktionären sind. Grundsätzlich sind wir Schweizer aber stark mit unseren Banken verbunden. Sie sind Teil von uns, unseres Erfolgs, unseres Selbstbewusstseins. Vielleicht akzeptiert man hier eine Kritik an den Banken nicht. Gerade deshalb kann man meinen Film gern als Verbindung zwischen der Wallstreet und der Bahnhofstrasse verstehen. Denn es stellt sich doch hier wie dort die gleiche Frage, die freilich niemand gern hört: Wo krankt das System? (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 02.09.2010, 10:16 Uhr

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