Kultur

Pipilotti Rist und das Menstruationsblut – ein Marketing-Gag?

In Pipilotti Rists Kinofilm «Pepperminta» wird Menstruationsblut getrunken. Das erinnert an die feministische Kunst der Siebzigerjahre - ist das noch aktuell, oder bloss eine leere Provokation?

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Schön schräg: Pepperminta als Kind (Noëmi Leonhardt) mit dem sprechenden Auge ihrer Grossmutter.
Verleih

   

Manchmal reicht eine einzige kleine Szene, um jedes Gespräch über einen Film zu beherrschen. Jüngstes Beispiel: Pipilotti Rists «Pepperminta». Darin wird, so erfahren wir in jedem Zeitungsartikel und in jedem Interview, Menstruationsblut getrunken. Und das finden, erfahren wir aus denselben Artikeln, alle widerlich. Nur die Künstlerin nicht, im Gegenteil: Menstruationsblut sei auch nicht anders, als jedes andere Blut, sagt sie. Ausserdem schmecke es gut.

Diese Aussage hinterlässt einen schalen Nachgeschmack. Denn Menstruationsblut ist eindeutig anders, als anderes Blut. Das weiss jede Frau aus Erfahrung. In der jüdisch-christlichen Tradition galt das Menstruationsblut gar als unrein und war der Grund, warum die Frauen aus den sakralen Bereichen, wo reinigende Blutopfer stattfanden, ausgeschlossen wurden.

Ausgehend von diesen kulturhistorischen Voraussetzungen begann Mitte des letzten Jahrhunderts die Karriere des Menstruationsblutes in der Kunst. 1966 verwendete der Wiener Aktionist Hermann Nitsch für eine Ausstellung mit dem Titel «erste heilige Kommunion» nicht nur Lammblut, sondern auch eine blutige Damenbinde, was zu einem Skandal führte. Er wurde verklagt und später von der Polizei belehrt, dass selbst primitivste Frauen «solche Gegenstände» verbrennen oder unter Ausschluss der Öffentlichkeit in einen Mülleimer geben würden. In den Siebzigerjahren entdeckten dann die feministischen Künstlerinnen das tabuisierte Menstruationsblut als Identifikationsmerkmal einer Weiblichkeit, die sie völlig umdefinieren wollten. Zudem erwies es sich als eine dankbare Provokation und sicherte ihren Anliegen die Aufmerksamkeit, die sie so dringend suchten.

In diese Tradition stellt sich Rist, wenn sie über die fragliche Szene sagt: «Es stört mich, dass das Menstruationsblut links liegen gelassen wird, weil es als schmutzig bezeichnet wird. Werwen zeigt Pepperminta sein Vertrauen, indem er vom Fruchtbarkeitssaft trinkt, dadurch werden sie unschlagbar.»

Die Frage ist nur: Ist Menstruationsblut in Zeiten, da sich Bücher wie «Feuchtgebiete» und «Bitterfotzen» tausendfach verkaufen, überhaupt noch ein Tabu? Oder eher ein Marketing-Gag? Gibt es heute noch ideologisches Schamgefühl, ein Tabu des Schweigens über die Menstruation, gegen das sie antreten kann? Sind es im Gegenteil nicht genau solche Aktionen, die das Thema Menstruation wieder zum Kuriosum, zum allgemeinen «Wääääh» machen – genau das also, gegen was die Künstlerin eigentlich antreten will? Ist diese Szene letztlich also einfach eine billige und etwas unzeitgemässe Provokation?

Menstruationsblut unrein zu finden, heisse, der Schöpfung ihre Kraft zu nehmen, schreibt Pipilotti Rist im Presseheft zu ihrem Film. Aber ob die Menstruationsszene in ihrem Film ihn besser macht, ist eine andere Frage. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 25.08.2009, 15:14 Uhr

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