Pipilottis Farb-Orgasmen sind hollywoodwürdig
Von Philippe Zweifel. Aktualisiert am 20.08.2009 9 Kommentare
Ausflug ins Spielfilmfach: Videokünstlerin Pipilotti Rist.
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Film
«Pepperminta» mit Ewelina Guzik, Sabine Timoteo, Sven Pippig, Regie: Pipilotti Rist. Ab 10. September im Kino.
Man musste ja mit dem Schlimmsten rechnen. Die Videokünstlerin Pipilotti Rist hat offenbar einen abendfüllenden Film gedreht, der aus psychedelischen Farben besteht. Mit einer Hauptfigur, «die vom Typ her an eine Karotte erinnert», wie es im Trailer hiess. Gewiss, Frau Rists Kunst war stets utopischer Natur und feierte damit grosse Erfolge. Doch «Pepperminta» ist ein Spielfilm – wie also würde es um Figuren und Handlung stehen?
Nun, sie existieren. Irgendwie. Erzählt wird die Geschichte von Pepperminta, einer Art erwachsenen Pippi Langstrumpf, die die Menschheit von Ängsten und Zwängen befreien will. Ihre Mitstreiter sind der dickliche Werwen, den Pepperminta aus den Fängen seiner despotischen Mutter entreisst, sowie die Tulpenflüsterin Edna. In Peppermintas Wohnung rüstet man sich mit knalligen Uniformen aus und trinkt zur Stärkung Menstruationsblut. Die Geheimwaffe des Trios aber sind Farben. Mit ihnen hypnotisieren sie mit Vorliebe autoritäre Mitmenschen und erhoffen sich so eine neue Weltordnung zu schaffen.
Klassische Erzählstruktur
Klingt schräg? Ist es auch. Dennoch dürfte «Pepperminta», wie von der Regisseurin versprochen, ein Publikum ausserhalb der Kunstwelt finden. Denn Rists Film setzt auf die Mittel des klassischen Story-Tellings. Hauptfigur Pepperminta verfolgt ein klares Ziel, es treten allerlei Antagonisten auf und mit Werwen hat man sogar einen tapsigen «Love Interest», der einer Romantic comedy würdig wäre. Sogar eine Verfolgungsjagd und ein bisschen Hollywood-Psychologie kommen vor: Weil Pepperminta als Kind Erdbeeren als Haustiere hielt und dafür ausgelacht wurde, ist sie später zum liebenswerten Freak geworden.
Trotzdem ist «Pepperminta» ein ganz ausserordentlicher Film. Das liegt vor allem an der Machart. Die Bildsprache gleicht Rists Videoinstallationen, mit einer subjektiven Kamera, die den Zuschauer durch Tulpenfelder und Tunnels fliegen lässt, um dann wieder auf Brustwarzen, Poren oder Nasenflügel einzuzoomen. Passend unterlegt sind diese psychedelischen Passagen mit einem pochend-hallendem Sound-Teppich. Wer noch nie Drogen genommen hat, möchte dies nun wohl tun.
Mehr Sinnlichkeit
Ein weiteres Verdienst von «Pepperminta» sind, wer hätte es gedacht, zum Brüllen komische Szenen. Etwa wenn das Kommando in eine Uni eindringt und den Studenten Farborgasmen beschert – sehr zum Missfallen des Lehrkörpers, der die Fantasie-Revolutionäre vom Campus jagt. Oder im Edelrestaurant, wo Pepperminta dem Besitzer zuerst den Hilfskoch ausspannt und den Gästen dann ihre geheimsten lukullischen Wünsche entlockt. Zum Beispiel Zuckerwatte.
Die Message ist klar: «Pepperminta» steht wie Rists Videokunst für mehr Sinnlichkeit und weniger Rationalität. Für den Wunsch nach mehr Menschlichkeit in der Individualgesellschaft. Man kann das natürlich naiv nennen. Oder eskapistisch. Schliesslich wird die Welt nicht besser, wenn man sie mit Farbe bekleckert. Muss sie aber auch nicht. Es reicht, wenn «Pepperminta» das tut, was einen guten Film ausmacht: Den Zuschauer berühren, vielleicht sogar etwas in ihm auslösen. Ein Glücksgefühl. Sprachlosigkeit. Oder den Wunsch nach bunteren Kleidern. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 20.08.2009, 16:03 Uhr
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9 Kommentare
Bunte Kleider? Da müssten Männer schon in die Frauenabteilungen der Kleidergeschäfte gehen; bei den Männern gibt's nur schwarz, grau, blau und ab und zu mal ein Tupfer Rot, Weinrot oder Orange — eben genau das, was die meisten Männer auch auf der Strasse tragen. Tristesse suisse! Den Film schau'ich mir bestimmt an! Antworten
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