Porno fürs Gehirn
Von David Nauer. Aktualisiert am 20.12.2011 4 Kommentare
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Ein Zimmermädchen trifft bei seiner täglichen Putzarbeit auf einen Hotelgast, der gerade nackt aus der Dusche tritt. Nach wenigen Minuten kommen sich die beiden näher, schmeissen sich aufs Bett - und los gehts. Die Hüllen fallen, es wird geschmust, gestreichelt und so weiter bis zum Höhepunkt.
Was nach einem 08/15-Drehbuch aus der Schmuddelküche des Erotikkinos klingt, allenfalls nach der amourösen Affäre eines französischen Spitzenpolitikers, ist der wohl meistdiskutierte deutsche Film der Saison. «Hotel Desire» heisst der 38 Minuten lange Streifen von Jungregisseur Sergej Moya (23), der nichts weniger sein soll als der Grundstein eines neuen Genres. Als «PorNEOgrafie» haben die Macher ihr Stück eingestuft. Hier wird nicht gerammelt, gestöhnt und gestossen wie in der herkömmlichen Pornografie. Im «Hotel Desire» geht es liebevoll, leidenschaftlich zu. Die Darsteller sind nicht Fickmaschinen, die ihr Fleisch rhythmisch reiben, ihnen wird sogar so etwas wie ein Charakter zugestanden.
Sieben Jahre keine Liebe gemacht
Das Zimmermädchen (Saralisa Volm, 26) ist die alleinerziehende Mutter Antonia, die etwas schusselig wirkt, zu spät zur Arbeit kommt, weil sie sich um ihren Bub kümmern musste, und prompt vom Direktor zusammengestaucht wird. Sie weint sich bei einer Arbeitskollegin aus (unter anderem fällt der Satz: «Ich habe schon sieben Jahr keine Liebe mehr gemacht»), worauf ihr diese den Tipp gibt, mal wieder etwas zu wagen. Der Rest ergibt sich im Hotelzimmer. Der Liebhaber (Clemens Schick, 39) ist der blinde Künstler Julius; er leidet am Kunstbetrieb, an seiner Behinderung. Ein sensibler, schöner Mann. Der spontane Sex wird so zur einer Art Heilkur für zwei verlorene Seelen.
Regisseur Moya sagt, er habe einen Film machen wollen, «der es sich zur unbedingten Aufgabe macht, Sexualität in ihrer Totalität als Ausdruck menschlicher Lebensfreude zu ikonisieren». Mit anderen Worten: ein Porno fürs Hirn. Dabei soll alles «echt» sein, wie Moya versichert. «Ohne die verschämten Schnitte, die man aus Hollywoodszenen kennt.» Tatsächlich zeigt «Hotel Desire» deutlich mehr Einzelheiten, als üblicherweise im Kino zu sehen sind, Geschlechtsteile inklusive, wird dabei aber nie ordinär. In der Boulevard-Presse, die den Streifen gierig aufgesogen hat, wird freilich schon feurig darüber debattiert, ob die Schauspielerin Volm und ihr Counterpart Schick (die beide nicht aus der Rotlichtbranche kommen) nun wirklich «richtigen Sex» hatten oder nicht.
Schick kokettiert in einem Interview. «Es gibt im Film immer Illusionen», sagt er. «Auch bei diesem Film. Diese wiederum aufzudecken, ist unsexy.» Angeblich sollen die Darsteller «bis an die Grenze» gegangen sein. Bei den ganz harten Szenen aber liessen sie Körper-Doubles ran.
Durch Crowdfunding finanziert
Im gehobenen Feuilleton ist man sich derweil einig, dass diese Frage gar nicht wichtig ist. «Hotel Desire» ist nämlich auch noch aus einem anderen Grund wirklich «NEO», will heissen neu: Der Streifen wurde durch sogenanntes Crowdfunding finanziert. Nicht ein grosses Filmstudio oder staatliche Förderinstitutionen haben das Geld für das Projekt eingeschossen. Er hätte ohnehin das Problem gehabt, zu kurz zu sein für einen Kinofilm, zu lang für einen Kurzfilm, zu wenig schmutzig für einen «echten» Porno und zu unanständig fürs Fernsehen.
Regisseur Moya sammelte also mit einer Website Tausende von Minibeiträgen ganz gewöhnlicher Internetnutzer. Je mehr Geld zusammen kam, desto mehr vom Drehbuch wurde veröffentlicht – bis am Ende die für den Dreh benötigten 170 000 Euro zusammen waren. «Jeder Film wird finanziert, wenn er es wert ist», sagt Regisseur Moya. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 20.12.2011, 08:32 Uhr
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4 Kommentare
Warum ist eigentlich eine Sex - Szene, und sei sie noch so gewagt,
schlimmer als die unendlich vielen Tötungsszenen in Krimis und
Western. Jenes dient der Freude, allenfalls der Fortpflanzung, dieses dem Tod.
Woher nehmen wir uns das Recht, das Lebensfördernde zu verurteilen?
Die auf Bibel und Koran fussenden monoteheist. Religionen haben
diese zwiespältige Moral entwickelt.
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