Kultur

Psychotherapie für den Papst

Von René Lenzin. Aktualisiert am 21.04.2010

In Italien erscheint ein Film über einen depressiven Papst - ausgerechnet jetzt, da die katholische Kirche von Skandalen erschüttert wird.

Streitlustiger Regisseur: Nanni Moretti. (Bild: Keystone )

Zufall oder nicht? In diesen Tagen, in denen viele Katholiken kritisch auf das 5-Jahr-Amtsjubiläum von Papst Benedikt XVI. schauen und in denen die Kirche von nicht enden wollenden Pädophilie-Skandalen erschüttert wird – in diesen Tagen also hat Nanni Moretti die Dreharbeiten begonnen zu seinem neuen Film: «Habemus Papam». Zufall, würde der 56-jährige Filmemacher, Drehbuchautor und Schauspieler antworten. Die Arbeiten am Film hätten lange vor den aktuellen Ereignissen begonnen, sagte er in Interviews, und: «Ich mache einen Film über heute, aber nicht über die heutigen Ereignisse.»

Klar ist: Es ist ein Film über einen Papst. Oder, genauer gesagt, über einen Kardinal, der drauf und dran ist, von der in Konklave vereinten Kardinalsversammlung zum neuen Papst gewählt zu werden. Und der ob der Bürde des kommenden Amtes in eine tiefe Depression verfällt. «Es ist ein erfundener Papst», insistierte Moretti; also weder ein Film über die aktuellen Skandale noch über den aktuellen Papst. Doch wer will ihm das schon glauben? Ihm, der seinen letzten grossen Spielfilm «Il Caimano» über seinen Lieblingsfeind Silvio Berlusconi gedreht hat?

Engagierter Linker

«Habemus Papam», der Ende Jahr in die Kinos kommen soll, wird in Italien mit Spannung erwartet. Nicht nur, weil Nanni Moretti ein engagierter Linker ist, der mit seiner Meinung nicht zurückhält. Sondern auch, weil er zu den wichtigsten Figuren des zeitgenössischen italienischen Kinos gehört. Mehrfach preisgekrönt, hat Moretti mit vielen seiner Werke das nationale und internationale Publikum begeistert.

Der Sohn eines Römer Lehrerpaares erwarb mit 20 seine erste Super-8-Kamera – finanziert mit dem Verkauf seiner Briefmarkensammlung, besagt die Legende. Erstmals einem grösseren Publikum bekannt wurde er mit der selbstironischen Komödie «Ecce Bombo» (Die Nichtstuer), die 1978 am Filmfestival von Cannes lief. In Italien längst ein Star, schaffte er den internationalen Durchbruch mit «Caro Diario» (Liebes Tagebuch, 1993). Acht Jahre später gewann er die Goldene Palme von Cannes mit dem Familiendrama «La Stanza del Figlio» (Das Zimmer meines Sohns). In den meisten seiner Filme war Moretti gleichzeitig Autor, Regisseur und Hauptdarsteller.

Politische Obszönitäten

Eine Hauptrolle spielte er auch in der italienischen Politik. Nicht als Politiker, sondern als Kopf der Bürgerbewegung Girotondini (Ringelreihentänzer), die 2002 sogenannte Protestfeste gegen den damaligen und heutigen Premier Silvio Berlusconi durchführten. Die Girotondini sind inzwischen verschwunden, geblieben ist Morettis Ärger über Berlusconi und jene Italiener, die ihn bereits zum dritten Mal zum Regierungschef gewählt haben. Parallel zu «Habemus Papam» arbeitet er an einer Filmdoku mit dem Titel «E successo in Italia» (Es ist in Italien passiert). Er will darin all jene «politischen und journalistischen Obszönitäten zeigen, an die wir uns gewöhnt oder die wir gar nicht bemerkt haben».

Doch zurück zum Papst. Dieser wird im neuen Film vom französischen Schauspieler Michel Piccoli verkörpert. Nanni Moretti selbst spielt jenen Psychoanalytiker, der den depressiven Pontifex Maximus in spe behandelt. Auch wenn es tatsächlich kein Film über Benedikt XVI. und die aktuellen Probleme der Kirche sein sollte – den Nerv vieler Zeitgenossen dürfte Moretti so oder so treffen. Gibt es doch den einen oder andern Würdenträger, der durchaus Anlass für eine Depression und eine Psychoanalyse hätte. ()

Erstellt: 21.04.2010, 09:12 Uhr


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