Quentin Tarantino jagt in Cannes Nazi-Skalps
Von Florian Keller. Aktualisiert am 20.05.2009
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Dieser Mann ist ein Junkie. Seine Droge heisst Kino. Für Quentin Tarantino müssen die Filmfestspiele in Cannes deshalb das Paradies auf Erden sein: Wer süchtig ist nach Kino, findet an der Croisette den grössten Drogenumschlagplatz der Welt.
Was Filme betrifft, ist der 46-jährige Tarantino ein Allesfresser, dessen Appetit keine Schranken kennt. Das war schon vor seiner Filmkarriere so, als er fünf Jahre lang als Mädchen für alles in einem Videoarchiv jobbte. Von den obskuren Horrorfantasien eines Dario Argento schwärmt der Autodidakt ebenso leidenschaftlich wie von der Nouvelle Vague. Und man hat den Eindruck, dass er sie alle auswendig kennt.
Skalpierte Nazis
Heute feiert er in Cannes die Weltpremiere seines neuen Films «Inglourious Basterds», der zu grossen Teilen in den Babelsberg-Studios bei Berlin gedreht wurde. Das Weltkriegs-Epos ist als stilistische Melange aus Pulp und Propaganda angekündigt, und Brad Pitt spielt den Anführer eines Trupps von Nazi-Jägern. Seine Mission: Jeder seiner Soldaten soll die Skalps von hundert Nazis erbeuten. Daneben gibt es die Geschichte einer Jüdin, die in Paris ein Kino führt und das Massaker an ihrer Familie rächen will.
Und wie vertreibt sich Quentin Tarantino die Tage bis zur Premiere? Er könnte sich endlos an Partys amüsieren, er könnte Business-Meetings abhalten, wie viele seiner Kollegen auch. Er könnte sich in ein Luxushotel ausserhalb von Cannes zurückziehen von dem ganzen Zirkus, wie das Lars von Trier macht, weil er den Rummel nicht erträgt. Nicht so Tarantino. Was macht ein Filmverrückter an einem Filmfestival? Genau: Er schaut Filme. Das ist überall so, wo Tarantino aufkreuzt. Als die Filmfestspiele in Venedig eine grosse Retro mit restaurierten italienischen Klassikern zeigten, sass er praktisch in jeder Vorstellung.
Schauspielschule als Drehbuchkurs
Auch jetzt ist er schon seit einigen Tagen in Cannes. Und während sich andere wichtige Regisseure rar machen, geht Tarantino ins Kino. Am Sonntag besuchte er die Galapremiere des philippinischen Regisseurs Brillante Mendoza, der es mit seinem Film «Kinatay» wohl nie auch nur in die Nähe eines Schweizer Kinos schaffen wird. Tarantino war nicht zu übersehen im Saal: Wie ein Riesenbaby auf Speed, herzte und umarmte er den Kollegen so überschwänglich, als habe er gerade den neuen Jean-Luc Godard entdeckt.
Die Croisette ist ja Tarantinos zweite Heimat, seit er hier vor fünfzehn Jahren die höchsten Weihen als Autorenfilmer empfing. Für seine postmoderne Gangster-Collage «Pulp Fiction» wurde er damals mit der Goldenen Palme ausgezeichnet. Der nächste Ritterschlag folgte zehn Jahre später, als Quentin Tarantino zum Präsidenten der Jury berufen wurde. (Allerdings sorgte die Tarantino-Jury für Kopfschütteln, als sie Michael Moores «Fahrenheit 9/11» zum Siegerfilm kürte.)
Letztes Jahr dann reiste der gebürtige Texaner für eine Masterclass nach Cannes. Die wichtigste Lehre, die er den verdutzten Filmschülern im Saal auf den Weg mitgab: «Besucht die Schauspielschule!» Alles, was er über das Schreiben von Drehbüchern wisse, habe er als Schauspielschüler gelernt. Drehbuchkurse, sagt Tarantino, sind für die Katz. An seinem Drehbuch zu «Inglourious Basterds» soll er über zehn Jahre lang geschrieben haben. Und wenn man ihn fragt, was ihm besonders wichtig sei an diesem Film, sagt Tarantino: «Mir gefällt, dass es die Macht des Kinos ist, die hier die Nazis bekämpft. Und ich meine das nicht als Metapher, sondern ganz wörtlich.» Mal sehen, was er damit meint. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 20.05.2009, 16:26 Uhr
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