«Russland macht uns Angst!»

Der ungarische Filmer und Theatermann Kornél Mundruczó erzählt von seiner verängstigten Generation Zero und den Verwerfungen der Gesellschaft. «Hotel Lucky Hole» wird am Sonntag in Zürich uraufgeführt.

«Pornografie ist Ungarns grösster Exporterfolg. Das ist sehr traurig»: Kornél Mundruczó, Regisseur. Foto: Doris Fanconi

«Pornografie ist Ungarns grösster Exporterfolg. Das ist sehr traurig»: Kornél Mundruczó, Regisseur. Foto: Doris Fanconi

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Kornél Mundruczó steht im Schiffbau in den Kulissen, die aufgefaltet sind wie ein Flügelaltar – ein ironisches Inbild für das neue Stück «Hotel Lucky Hole». Der Künstler hat eben eine Grippe überwunden, doch wenn er von seiner Arbeit spricht, glüht er. Die Geschichte einer ukrainischen und einer ungarischen Hure in Zürich und die ihrer Banker-Sugardaddys will er in drei Akte packen; sie ist der dritte Teil seiner Selbstmord-Trilogie (Teil II, «Dementia», eine Produktion von Kornél Mundruczós unabhängiger, ungarischer Gruppe Proton Theatre, gastiert im Dezember in Zürich). Die Wallfahrt mit dem unanständigen Titel stützt sich auf Strauss’ «Zigeunerbaron», den Fall eines Bankersuizids und auf eine gnadenlose Gesellschaftsanalyse – und ist nichts für Mundruczós zwei Kinder im Primarschulalter. «Die dürfen meine Stücke erst mit 18 sehen», sagt er. Und lacht dann beschwichtigend: «Aber bitte keine Angst jetzt!»

Eben hat ein Pornokönig einem Banker den Titel des «reichsten Ungarn» abgejagt.
Ist es nicht bezeichnend? Seit den Neunzigern ist Pornografie unser grösster Exporterfolg. Das ist sehr traurig. In Ungarn selbst ist das Problem in den letzten Jahren zwar nicht grösser geworden, aber übers Internet vertickt György Gattyán seine «Ware» weltweit. Und man macht es sich zu einfach, wenn man die Chose als «das älteste Gewerbe der Welt» bagatellisiert.

Wieso? Manche Prostituierte kämpft für die Anerkennung ihres Berufs.
Prostitution zur regulären Profession zu erklären und mit Steuern zu belegen, ist keine Lösung. Da stehe ich klar auf der Seite derer, welche die Freier bestrafen wollen, wie Schweden. Wenn jemand so weit kommt, dass er seinen Körper verkauft, hat er meist schon eine lange Missbrauchsgeschichte hinter sich. Zumindest die ungarischen Prostituierten. Ich führe seit Jahren Interviews im Milieu und weiss, wie viel Gewalt und Leid hinter solchen Lebensläufen stecken. Auch jetzt bei den Recherchen machte mir das wirklich zu schaffen: der absolute Horror dieses Lebensunterhalts! Zehn Stunden am Stück Freier bedienen zu müssen, ist unvorstellbar scheusslich.

Warum kommen so viele ungarische Prostituierte in die Schweiz?
Gerade unter den diskriminierten Sinti und Roma herrscht einerseits bittere Armut, andererseits ist es eine patriarchale, unaufgeklärte Gruppe. Schon kleine Mädchen werden ausgebeutet – oft ist es für sie dann besser, Hure in der Schweiz zu sein als in Ungarn. Osteuropa und Ungarn haben sich zwar insgesamt sehr verändert: Es ist dort jetzt schnell, nicht mehr träge; es ist extrem, nicht mehr melancholisch. Aber die Geschlechterbilder sind noch im 19. Jahrhundert verhaftet, auch wenn die Gleichheit in der Verfassung steht.

Sind Ministerpräsident Viktor Orbán und seine Fidesz-Partei schuld?
So einfach ist das nicht. In den letzten Jahren ist der soziale Kitt in der ungarischen Gesellschaft stark abgebröckelt. Zugelegt haben der Nationalismus – und die Unbarmherzigkeit. Aber ist das nur ein ungarisches Problem? Überall zeigen sich Abschottungstendenzen. Nach ­einer grossen ökonomischen kommt oft eine grosse moralische Krise. Die Leute haben Angst. Da kümmert man sich nicht um die, denen es noch schlechter geht, sondern strampelt, um selbst nicht unterzugehen. Die Fidesz-Partei bewirtschaftet diesen Reflex. Orbán ist eine ­Vaterfigur: Statt selbst erwachsen zu sein, klammert man sich an ihn. Ungarn ist damit ein extremes Beispiel für Entwicklungen in ganz Europa.

Trotzdem ist nicht überall in Europa ein Orbán am Ruder.
Was genau ist «ein Orbán»? Auf jeden Fall ist er bis jetzt noch kein Putin. Ja, er hat im Sommer einen «illiberalen» Staat ausgerufen, hat Freiheiten beschnitten. Das ist schlimm. Aber seine Kritiker sind nicht im Gefängnis oder in der Taiga ­gelandet, und er wurde demokratisch gewählt. Für mich ist er – noch – ein Demokrat. Ich begreife, wie er an die Macht kam: Die «Demokraten» vor ihm waren total korrupte Amateure; das roch nach Weimar. Ich finde es falsch von der westlichen Presse, Orbán zu ­dämonisieren – wo der Westen doch sein Gutteil zur ­jetzigen Lage beigetragen hat. Ständig schüttelt Frau Merkel Orbáns Hand; niemand unternimmt etwas ausser den USA. Die EU, die eigentlich nicht bloss für entfesselte Marktwirtschaft stehen sollte, sondern für Menschenrechte und Werte, hat keine klaren Zeichen gesetzt.

Sind Einreiseverbote der USA für manche ungarische Politiker gut?
Aber die USA haben wieder das Richtige getan, als Einzige. Ich war an der Grenze, als damals in Jugoslawien die Bomben fielen. Europa tat damals wie üblich nichts; die USA mussten eingreifen. Ungarn selbst war immer ein Brückenland zwischen Ost und West; der Westen hat da eine Verantwortung.

Die EU hat einen Fidesz-Politiker zum Kulturkommissar gewählt.
Ich finde es schwierig, auch wenn Tibor Navracsics nicht der Teufel in Person ist. Nichts ist schwarz-weiss in Ungarn. Darin liegt die Tragödie: Es gibt eine viel radikalere Rechte als Fidesz, und die Linke ist impotent und inkompetent. Als Künstler kriege ich von niemandem Geld, weil ich sie alle kritisiere. Darum arbeite ich oft im Ausland, obwohl ich mit Leib und Seele ein ungarischer Künstler bin und in diesem Kontext meine beste Kunst entsteht.

War es beflügelnd, als die Menschen Ende Oktober auf die Strasse gingen gegen die Internetsteuer?
Nein. Ich fürchtete den Umschlag in die Anarchie und dass der Protest als Vorwand für rigides Eingreifen genutzt würde wie in der Ukraine. Rechtsradikale Orbán-Gegner machten genauso mit wie Linke – auch wie in Kiew. Da war also dieser erhabene Moment des lebendig gewordenen Volkswillens und gleichzeitig die radikale Agitation. Ehrlich gesagt, nach Orbáns Einknicken dachte ich, dass der ganze Ablauf vielleicht von Anfang an so geplant war. Eine Show für die USA.

Während sich Ungarn de facto Russland zuwendet?
Leider scheint das so, etwa durch den Bau der South-Stream-Pipeline, die das russische Gas fernab der Ukraine transportiert. Das ist entsetzlich für die Generation Zero, der ich angehöre. Als die Wende kam, war ich 14. Das sowjetische Regime hab ich quasi nie erlebt; Russland macht uns Angst!

Kommt daher eine Ukrainerin in Ihrem neuen Stück vor?
Wir haben ja viele ukrainische Flüchtlinge in Ungarn und sehen das Elend. Und ich konnte der deutschen Schauspielerin damit einen deutschstämmigen Hintergrund verpassen. Wenn die zwei fremden Frauen in der Schweiz dann eine Art Liebe finden, die aus dem Nichts erscheint, ist das wie ein Wunder. Ein Credo auch, in Gestalt des Genres Melodrama, das ich untersuche.

Eine Ode an die Liebe? So versöhnlich waren Sie nie.
Das stimmt. Aber «Hotel Lucky Hole» pinselt ja keinen Realismus, auch wenn es zum Teil wie Hardcore-Realismus aussieht. Überhaupt können Schauspieler nicht «realistisch» Rollen spielen; das geht gar nicht. Und wenn man zwei Minuten durchs postsowjetische Budapest läuft, hat man Politsatire, Horror, Posse und Porno vor der Nase – bei meinem Stück auch. Ich sehe mich als Filme­macher mit einer Riesenaffinität zur Performancekunst à la René Pollesch. Eins hat darin nichts zu suchen: Theater. Ich interpretiere nicht. Auf der Bühne muss man «sein» und nicht so tun als ob.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 12.11.2014, 17:44 Uhr)

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«Szép napok» – Trailer

Ungar zwischen Film und Bühne

Der 39-jährige Kornél Mundruczó studierte Theater- und Filmregie an der Schauspiel- und Filmhochschule in Budapest. Bereits 2002 erhielt er für seinen ersten Spielfilm «Szép napok» den Silbernen Löwen am Filmfestival Locarno. Theaterarbeiten realisierte der Regisseur u. a. in Hamburg, Essen und Hannover. Sein neuestes Stück «Hotel Lucky Hole» wird am Sonntag im Zürcher Schiffbau uraufgeführt. (TA)

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