Kultur

Sapristi! Was für ein Bilderrausch!

Von Philippe Zweifel. Aktualisiert am 22.10.2011 22 Kommentare

Steven Spielberg hat es gewagt: Er verfilmte die «Tim und Struppi»-Comics. Tagesanzeiger.ch/Newsnet hat sich «Das Geheimnis der Einhorn» angesehen.

1/7 Dank moderner Technik auferstanden: Tim und Kapitän Haddock.

   

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Mit Kindheitshelden aus Filmen und Büchern ist es so eine Sache. In unserer Erinnerung überstrahlen sie heutige Haudegen, sollten aber trotzdem nicht reaktiviert werden. Denn die Gefahr, dass sie enttäuschen, ist beträchtlich. Steven Spielberg sollte das wissen, setzte er doch letzthin höchstpersönlich «Indiana Jones» in den Sand.

Bange erwartete man also Spielbergs Kinoadaption von «Tim und Struppi». Dass es früher oder später zu einer Hollywood-Adaption des Hergé-Comics kommen würde, war unvermeidlich, die Geschichten schreien geradezu danach. Sie bieten wie die James-Bond-Filme Helden, die in exotischen Schauplätzen charismatische Bösewichte jagen. Auch Humor und ein weltpolitischer Hintergrund ist ihnen gemein. Bloss der Sex fehlt bei Hergé – ob Spielberg hier eine Konzession an Hollywood machen würde?

Drei Bände vereint

Dass er mit Hergés Vorlage unzimperlich umgehen würde, machte der Meisterregisseur schon vor den Dreharbeiten klar. Weil Spielberg der Meinung war, dass ein einziger «Tim und Struppi»-Band nur 20 bis 25 Minuten Film hergibt, packte er gleich drei Bände in seinen Film: «Die Krabbe mit den goldenen Scheren», «Das Geheimnis der Einhorn» und «Der Schatz Rackhams des Roten». Dramaturgisch ist das clever gelöst. Statt die Bücher chronologisch abzuhandeln, stellt er das eigentlich früher erschienene «Die Krabbe mit den goldenen Scheren» zwischen die anderen Geschichten.

Zu Beginn sehen wir den jungen Reporter Tim, wie er auf einem Flohmarkt ein altes Schiffsmodell der «Einhorn» ersteht. Als das Stück entwendet wird, merkt er, dass das Modell ein Geheimnis bergen muss. Doch bevor Tim etwas herausfinden kann, wird er überwältigt und auf ein Schiff verschleppt. Dort trifft er auf den ebenfalls eingesperrten Kapitän und Alkoholiker Haddock. Sie befreien sich und landen zuerst auf hoher See, dann in der Sahara und schliesslich in Marokko, wo sie auf einem Motorrad durch eine arabische Hafenstadt sausen, die danach zu grossen Teilen in Trümmern liegt.

Wo ist Professor Bienlein?

Ja, es gibt viel Action in Spielbergs Film, sogar ein Duell zwischen zwei Hafenkranen erwartet einen. Auch eine hollywoodeske Motivations-Speech - ausgerechnet von Trinkbold Haddock - muss überstanden sein. Doch das wäre es auch schon mit Konzessionen ans Blockbuster-Kino (Frauen kriegt man genau eine zu sehen – und die ist alles andere als attraktiv). Der zusammengeschusterte Plot funktioniert, die wichtigsten Figuren und Schimpfwörter sind drin. Bloss Professor Bienlein hat man vergessen. Doch dieser dürfte im nächsten Film sein Debüt geben.

Warum Spielberg mit diesen Büchern begann, ist leicht zu beantworten. Mit seinen Seeräubern, Schiffen und pittoresken Landschaften erinnert «Das Geheimnis der Einhorn» an «Pirates of the Carribean» – ein guter Einstieg für Zuschauer, die noch nie einen «Tim und Struppi»-Band in den Händen hatten. Aber vielleicht kommen wir im nächsten Film in den Genuss des Pseudo-Ostblock-Staats Syldavien oder des von Japan besetzten Chinas. Denn Spielberg besitzt die Rechte für alle Bände, schon seit 30 Jahren. Damals hatten europäische Filmkritiker seinen ersten «Indiana Jones»-Film mit Hergés Comics verglichen. Spielberg legte sich darauf alle «Tim und Struppi»-Bände zu und sicherte sich die Filmrechte.

Neue Technologie

Wegen der damaligen miserablen technischen Möglichkeiten wagte Spielberg es erst jetzt, den ersten «Tim und Struppi»-Film zu drehen. Mit der so genannten Performance-Capture-Technologie erweckt er die gezeichneten Comicfiguren, die von echten Darstellern gespielt werden, am Computer nachträglich zum Leben. «Ich hätte es nie gewagt, «Tim und Struppi» zu verfilmen, wenn wir Hergés grandiose Landschaften im Studio hätten nachbauen müssen», sagt Spielberg. Nun, die Landschaften sind tatsächlich gelungen, die Panoramen von Marokko und der Sahara stehen Hergés Originalen in nichts nach. Die Bewegungen überzeugen ebenfalls, wenn den Figuren auch einen etwas zombiehaft abgelöschter Blick anhaftet.

Auch Hergés Ligne Claire, dieser flache Zeichenstil, der seine Comics auszeichnet, findet in den 3-D-Aufnahmen paradoxerweise eine würdige Umsetzung. Hier wie da haben wir gestochen scharfe Figuren und Landschaften. Natürlich lässt einen die rasante Dramaturgie nicht wie beim Comic bei einzelnen Bildern verweilen. Dies und die vielen Action-Szenen sowie die Änderungen im Story-Verlauf dürften «Tim und Struppi»-Puristen denn auch wie hunderttausend Höllenhunde aufjaulen lassen. Doch Film ist ein anderes Medium als Comics und Hergé hatte schon Recht als er kurz vor seinem Tod zum jungen Spielberg sagte: «Wenn einst jemand meine Comics verfilmt, dann sollten Sie es sein.» Denn Spielberg führt einen zwar nicht in die Kindheit zurück, aber an einen Ort, der durch einen dreidimensionalen Nostalgie-Bilderrausch ähnlich viel Spass macht. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 20.10.2011, 14:26 Uhr

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22 Kommentare

Walter Boshalter

20.10.2011, 16:44 Uhr
Melden 13 Empfehlung

Tönt verlockend. Für einen allfälligen Sequel wünsche ich mir natürlich einen Aufttritt der unsterblichen Castafiore, beim Schnurrbart von Plekszy-Gladz... Antworten


Roman Ochsner

20.10.2011, 19:13 Uhr
Melden 13 Empfehlung

Syldavien heisst das Land! Antworten



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