Schellen-Ursli überzeugt auch als Film

Xavier Kollers Umsetzung des Kinderbuchklassikers ist heute der Presse vorgestellt worden – sie bietet Wölfe, Ziegen und zahlreiche Erinnerungen.

Xavier Koller bringt den kleinen Schellen-Ursli auf die grosse Leinwand: Der Trailer zum Film. (Quelle: YouTube / Frenetic Films)

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Schellen-Ursli – wer erinnert sich nicht? – geht doch so: Der Bündner Bub hat eine zu kleine Glocke. Unter Lebensgefahr kämpft er sich hoch ins Maiensäss, wo eine grosse hängt. Dort übernachtet er, beschützt von Tieren. Die Eltern unten im Tal machen sich Sorgen. Aber am nächsten Tag ist er zurück, rechtzeitig zum Chalandamarz-Umzug, an dem der Winter ausgeläutet wird. Ende.

Das ist viel als Bilderbuch, der Klassiker von Selina Chönz (Text) und Alois Carigiet (Illustrationen) erschien 1945 und steht bis heute in der Deutschschweiz in praktisch jedem Kinderzimmer. Aber es ist zu wenig als Film. Schellen-Ursli bekommt es deshalb auf der Leinwand mit einem raffgierigen Ladenbesitzer, einer herzigen Ziege und einem veritablen Wolf zu tun. Und das funktioniert gut.

Realisiert wurde der Film von Xavier Koller (71), der als Regisseur zuletzt ein Abonnement auf Urschweizer Stoffe hat. Sein «Schellen-Ursli» trifft den Ton besser als die letzten Filme, er ist weniger kitschig als «Die schwarzen Brüder» und geradliniger erzählt als der «Dällebach Kari». Kinder, und auch ihre Eltern, werden Freude haben, wenn der Film am 15. Oktober in den Kinos startet.

1964 gab es schon einen Kurzfilm

Genau genommen ist es nicht der erste Leinwand-Ursli. 1964 produzierte die Zürcher Condor Films einen 19-minütigen Kurzfilm nach dem Kinderbuch. Das war eine Auftragsarbeit des Verkehrsvereins Graubünden, der damit Werbung für die Schönheit des Engadins machen wollte. Auch die neue Version wäre nicht möglich gewesen ohne die Unterstützung aus Graubünden. Die Finanzierung des 5,6-Millionen-Franken-Projektes erwies sich als schwierig, ausserhalb der Deutschschweiz ist der Schellen-Ursli nahezu unbekannt.

Also ja, die Schönheit des Engadins wird auch in dieser Version gepriesen. Hei, wie stiebt der Schnee in der Sonne, wie sind die Dörfer schmuck, die Schluchten tief. Aber es passt bestens in die Geschichte, die von drei Kindern getragen wird: Jonas Hartmann ist der Uorsin (wie Ursli im Original heisst), Julia Jeker seine Freundin Seraina und Laurin Michael der Widersacher Roman. Die Erwachsenen stehen nicht hintenan: Marcus Signer, eben noch der Berner «Goalie» in der Pedro-Lenz-Verfilmung, gibt den Vater mit veritablem Bündner Akzent. Und Leonardo Nigro spielt einen rothaarigen Bösewicht mit Genuss. Dazu sind Bündner Urgesteine wie Andrea Zogg und Tonia Maria Zindel zu sehen.

Erinnerungsblitze an das Kinderbuch

Das ist gut, aber das wirklich Bestechende am Film ist, wie die Zeichnungen von Alois Carigiet integriert werden: Da ist die Holztür aus dem Ursli-Haus, dort der schmale Steg über die Schlucht, hier die Marroni mit Nidle als Festessen. Das sind Erinnerungsblitze an das Buch – und damit an die eigene Kindheit. Die Kamera- und die Dekorationsabteilung haben wirklich ganze Arbeit geleistet. Und die Erzählung findet das richtige Tempo.

Apropos Tempo. Schellen-Ursli wird sich sputen müssen, wenn er Mitte Oktober ins Kino kommt. Denn schon im Dezember bekommt er Konkurrenz aus dem eigenen Land. Dann startet die neue Version von «Heidi». Wetten, dass es darin auch herzige Ziegen geben wird? (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 08.09.2015, 16:38 Uhr

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