Schützengräben zwischen den Generationen
Von Simone Meier. Aktualisiert am 15.02.2012 1 Kommentar
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Eingesperrt im eigenen Land: Nina Hoss in «Barbara»Korrektur-Hinweis
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Es war dann ein junger Mann von «Gottschalk TV», der gestern die Frage aller Fragen stellte: «Haben Sie Angelina Jolie schon getroffen?» Gerichtet war sie an Billy Bob Thornton (56), der von 2000 bis 2003 in fünfter Ehe mit Angelina Jolie verheiratet gewesen war und der sie seither mehr hassen soll als alles andere auf der Welt. «Ich hab sie schon vor Jahren getroffen!», witzelte Thornton, «aber ich muss diese Frage sicher noch bis an mein Lebensende hören! Angelina und Brad gehören zu meinen besten Freunden, unsere Kinder kennen einander, und als wir erfahren haben, dass wir beide auf der Berlinale sind, haben wir uns schon auf die Gerüchte gefreut, wahrscheinlich sehen wir uns heute Nachmittag noch.» Womit das jetzt erledigt wäre.
Geschichte eines Veteranen
Billy Bob Thornton ist mit seiner vierten Regiearbeit «Jayne Mansfield’s Car» im grossen Wettbewerb, und obwohl es sich dabei um ein amerikanisches Kriegsveteranen-Drama aus dem Jahr 1969 handelt, verlässt man das Kino endlich einmal nicht am Rande einer chronischen Depression. Und wieso? Weil es ganz wunderbar erzählt ist.
Leicht, mit vielen heiteren und schmerzlichen Einfällen, beeinflusst von der Geschichte seines eigenen Vaters, wie Thornton sagt, eines Koreakrieg-Veteranen, der zeit seines Lebens keine andere Kommunikationsmöglichkeit zu seinen Söhnen fand als die, mit ihnen Autowracks und Unfallstellen zu besichtigen. Beeinflusst auch von Tennessee Williams, diesem Tschechow des amerikanischen Südens, von seinen Dramen über Familiengespinste, in denen die Kinder versuchen, der Verachtung der Väter zu entkommen, und in denen die Frauen in der Provinz von grossen Lieben und grossen Städten träumen. Und wenn ihnen die Flucht einmal gelingt, dann kommen sie um. Jedenfalls bei Billy Bob Thornton, der das wundervolle Drehbuch selbst geschrieben hat.
Die Mutter der Caldwell-Sippe aus Alabama ist nämlich vor Jahren nach England abgehauen, hat dort den alten Bedford (John Hurt) geheiratet und ist an Krebs gestorben. Beerdigt wird sie (Hitchcock-Muse Tippi Hedren spielt die Leiche im Sarg hervorragend) aber in der alten Heimat, der Caldwell-Patriarch (Robert Duvall) trifft auf den Bedford- Patriarchen, beide kämpften im Ersten Weltkrieg und ihre Söhne im Zweiten, bei beiden gleicht der Generationengraben einem Schützengraben, die Väter ergehen sich in der Romantisierung ihrer Tragödien. England und Amerika verschränken sich da anlässlich eines familiären Trauerfalls in der Traumaausbreitung.
Autounfälle als Obsession
Und dann sind da die Kinder, die sich übers transatlantische Kreuz miteinander vergnügen, der leicht kindlich gebliebene Skip (Billy Bob Thornton) etwa masturbiert wonnevoll zur britischen Kriegsgedicht-Deklamation seiner neu gewonnenen Stiefschwester (Frances O’Connor). Skip gehört auch die beelendendste Szene: Er, der Bomberpilot, dessen Oberkörper von wüsten Brandnarben übersät ist, hat sich all seine alten Kriegsmedaillen in die nackte, versehrte Brust geheftet und tritt so vor seinen Vater.
Doch nicht einmal dieses Betteln um ein einziges weiches Gefühl wird erhört. Denn berührt ist der Vater einzig von Autounfällen. Da lässt er sich auch schon mal staunend das Blut eines Toten auf den kahlen Schädel tropfen. Und angesichts des angeblichen Unfallwagens von Hollywoodstarlet Jayne Mansfield verbrüdert er sich mit dem englischen Witwer aufs Vortrefflichste.Ewig und zurück könnte man über diesen Film noch schwärmen, zum Beispiel auch über die erheiternde Wirkung von LSD in Eistee, über die schönen Bilder, die hohe Schauspielkunst eines John Hurt, die tolle Musik, aber ach, die deutschen Kollegen wollen ja alle nur, dass man von «Barbara» schwärmt und dass «Barbara» den Goldenen Bären bekommt, und okay, bis zu «Jayne Mansfield’s Car» konnte man das nachvollziehen, aber jetzt ist das Herz vorerst an das alte Alabama verloren und nicht mehr so gründlich an die alte DDR.
Kein Hauch von Ostalgie
Denn dort spielt «Barbara», irgendwo an einer düsteren, sturmgepeitschten Küste, die Berliner Kinderärztin Barbara (Nina Hoss) ist hierher zwangsversetzt worden, weil sie ausreisen wollte. Sie begegnet da depressiven, suizidgefährdeten Heimkindern und schwer deprimierten, krebskranken Hausfrauen, es wird misstraut und bespitzelt, Leibesvisitationen durch die Polizei gehören zum Alltag, und selbst das allerkleinste Glück unter Arztkollegen gerät hier nur mit sehr viel mühevoller Arbeit. Und über allem hängt bleiern eine Ahnung vom Ende der Welt, wie sie hier alle kennen.
Regisseur Christian Petzold erzählt dies stark und klar und bar jeder Ostalgie, er kennt diese aber auch nicht, seine Eltern sind selbst DDR- Flüchtige, und er wollte «keine Propagandawahrheit nachstellen». «Wir müssen anfangen», so sagt er, «Novellen über zusammenbrechende Systeme zu erzählen» und Liebe nicht als Resultat von Schicksal, sondern von Arbeit darzustellen. «Liebe gehört auch in die Produktion, nicht nur in die Reproduktion.» Schön auch sein Satz über die beeindruckende Nina Hoss: «Nina ist mein Medium. Medium, das klingt modern, Muse, das ist so was Halbnacktes in Österreich.»
Eine kritische Frage – sie ist zwei aufmerksamen alten Damen abgelauscht - darf man aber dennoch stellen: Wenn einer Ärztin in einem blütenweissen Kittel eine Kaffeetasse runterfällt, wieso gibt es da nachher nirgends braune Flecken? Etwa, wie eine der Damen rätselte, weil der Kaffee in der DDR einfach so dünn war?
Depression oder Schlaf
Apropos dünn: Vollends für die Füchse war leider «Shadow Dancer», der wackere irisch-britische Beitrag von James Marsh, der 2009 mit seinem Dokumentarfilm «Man on Wire» einen Oscar gewonnen hatte. Es geht um vier Geschwister in Belfast, die Anfang der 90er-Jahre alle als IRA-Terroristen agieren und erstaunlich lange von der Polizei verschont werden, weil ihre Mutter ein Spitzel des britischen Geheimdienstes MI5 ist. Es passiert zwar nicht wirklich wenig, aber dies so lange so dermassen uninspiriert, dass nach einer zähen Stunde nur zwei Optionen blieben: depressiv werden oder einschlafen. Letzteres war dann sehr schön.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 15.02.2012, 08:47 Uhr
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1 Kommentar
Liebe Frau Meier,
Da läuft, immerhin seit zehn Jahren wieder einmal, ein Schweizer Film im Wettbewerb der Berlinale, und anstatt vom neuen, sehr gelungen Werk Ihrer Namensvetterin Ursula Meier zu berichten, schreiben Sie lieber über altbekannte "grosse" Namen. Schade, sehr schade. "L'enfant en haut" hätte es mehr als verdient, wenigstens mit ein paar Worten in Ihrem Artikel erwähnt zu werden.
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