Schweizer Filme machen hellhörig

Von Florian Keller, Solothurn. Aktualisiert am 29.01.2010

Die Hauptpreise der Solothurner Filmtage gingen an den lautesten und den leisesten Film.

Wenn es dämmert, macht er sich auf die Pirsch nach dem Klang der Stille: Der blinde Musiktherapeut Wolfgang Fasser, Protagonist im Dokumentarfilm «Nel giardino dei suoni».

PD

Ein Slum steht zum Verkauf: Der Dokumentarfilm «Dharavi» geht den Ambivalenzen einer neoliberalen Aufwertungspolitik nach.

Ein Slum steht zum Verkauf: Der Dokumentarfilm «Dharavi» geht den Ambivalenzen einer neoliberalen Aufwertungspolitik nach. (Bild: PD)

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Was für einen Klang hat die Stille? Das fragen wir besser nicht die Stampftänzer aus dem Dokumentarfilm «Bödälä». Der Tanzfilm von Gitta Gsell wurde gestern in Solothurn wie erwartet mit dem Publikumspreis ausgezeichnet. Aber hellhörig machte der andere Siegerfilm, der uns in einen Garten von feineren Klangfarben entführte. «Nel giardino dei suoni» ist das Porträt eines Klangforschers aus dem Glarnerland, der wegen einer Erbkrankheit in jungen Jahren erblindete. Heute lebt er in der Toscana, wo er als Musiktherapeut mit schwerbehinderten Kindern arbeitet. Wenn es dämmert, streift er mit seinem Mikrofon durch die Landschaft und nimmt die klingende Stille der Natur auf. «Postkarten» nennt er die Hörbilder, die er dabei sammelt.

Daraus hätte auch der reinste humanitäre Kitsch werden können. Aber dem italienischen Regisseur Nicola Bellucci gelingt hier empfindsames Kino im besten Sinn: Dieser Film erweitert die Sinne und bleibt dabei jenseits aller Rührseligkeit. Die Jury belohnte Bellucci mit dem Prix de Soleure, nachdem er am Abend zuvor bei den Nominationen für den Schweizer Filmpreis noch leer ausgegangen war.

Laues Podium über Filmpolitik

Rund 51'000 Eintritte zählten diese 45. Solothurner Filmtage, und die zuverlässigste Begleiterin hat uns auch heuer auf Schritt und Tritt verfolgt. Ihr Name ist Nostalgie. Genauer: die beharrliche Sehnsucht der Altvorderen nach den rebellischen Zeiten, als die Filmtage noch als politisch aufgeladenes Feld für Debatten und ideologische Grabenkämpfe dienten. (Eine Dokumentation über die Anfänge der Filmtage wollte Direktor Ivo Kummer gleichwohl nicht im Programm haben.) Debatten über Film und Politik gibts auch heute noch – aber das Podium zum Thema, das am Mittwoch im Stadttheater über die Bühne ging, wirkte dann mehr wie eine Selbsthilfegruppe mit dem Zweck, den Mangel an politischer Vehemenz im Schweizer Film therapeutisch zu verarbeiten.

Das beste Mittel gegen solche Phantomschmerzen ist der Gang ins Kino. Der Schweizer Dokumentarfilm fand hier die grossen politischen Themen einmal mehr weit weg von seiner geografischen Heimat. Zum Beispiel in Dharavi, einem der grössten Slums Asiens, der im Herzen von Mumbai gleich neben dem Bankenquartier der Stadt liegt. In seinem Film «Dharavi, Slum for Sale» nimmt Regisseur Lutz Konermann den neoliberalen Ehrgeiz eines Stadtplaners unter die Lupe, der private Investoren mit dem Bau von Sozialwohnungen betrauen will, um die Menschen aus ihrer unwürdigen Existenz zu erlösen.

Scharfe soziale Kontraste

Das ist zwangsläufig ein Film der scharfen sozialen Kontraste. Konermann pendelt zwischen der Lebenswelt im Slum und den Büros des Herrn Mehta, der mit verkehrten Mitteln das Gute will. (Bezeichnende Pointe am Rande: Der einzige Schweizer, der durch diesen Film geistert, ist Joe Ackermann von der Deutschen Bank, der an einer Tagung in Mumbai als Gastreferent auftritt.) Die Agenda des Films ist klar: Der Regisseur will Dharavi als Lehrstück über falsch verstandene Aufwertungspolitik am untersten Rand der Gesellschaft vorführen. Die Quartiere der Unterprivilegierten, so Konermann, dürfe man nicht über ihre Köpfe hinweg sanieren.

Am Ende des Films werden die Pläne, den Slum zu überbauen, auf demokratischem Weg vorübergehend gestoppt. Konermann feiert das als temporären Erfolg der Selbstbestimmung, aber das heisst keineswegs, dass damit auch die Hoffnung auf ein besseres Leben leichtfertig begraben wäre. Die Frage bleibt: Wie könnte ein solches Leben aussehen? «Dharavi» bleibt auch deshalb im Gedächtnis haften, weil der Film uns zumutet, solche scheinbar ausweglosen Ambivalenzen auszuhalten.

In der Schweiz wohnt die Armut nicht in Slums, aber von sozialer Not gibt es auch hier zu erzählen. «Face au juge» heisst der erste Dokumentarfilm von Pierre-François Sauter, und wir sind hier zu Besuch an einem Ort, den die meisten von uns nie zu sehen bekommen – jedenfalls nicht, solange wir uns innerhalb der Schranken des Gesetzes bewegen. Sauter nimmt uns mit ins Büro von Untersuchungsrichter Gavillet. Und wie er da an seinem Pult sitzt, wirkt dieser Richter ein wenig wie ein freundlicher, bürokratischer Geier, der geduldig die alltäglichen kleinen Dramen rapportiert, die er zu hören bekommt.

Das anonyme Büro als Bühne

Da ist die Mutter, die ihre Miete nicht mehr bezahlt hat, weil sie das Geld braucht, um die Kinder abzuholen, die sie nur am Wochenende sehen darf. Da sind die Teenager, die ihren Kleinkrieg aus dem Nachtleben vor den nachsichtigen Richter tragen. Und da ist die ältere Frau, die bei einem Ladendiebstahl erwischt wurde. Jetzt sitzt sie da und zerbricht fast vor Scham, und man weiss nicht: Schämt sie sich für die Tat, die sie nicht erklären kann, oder dafür, dass der Diebstahl ihre Armut verraten könnte? Es ist ein Reigen der minderen Vergehen, der in kalten, anonymen Büros zu einem kleinen Welttheater wird.

Aber was ist denn nun mit der Lebenslust im Schweizer Film, die in der Eröffnungsrede von Direktor Ivo Kummer als vermisst gemeldet wurde? Man muss halt am richtigen Ort suchen. Zum Beispiel bei den Musikvideos und anderen Kurzfilmen. Lust im Überfluss gabs in Maja Gehrigs kurzem Animationsfilm «Amourette», einem pornografischen Tanz in anatomischer Abstraktion. Zwei Gliederpuppen aus Holz verzehren sich da in einem stiebenden Ballett der Leidenschaft, und zwar buchstäblich – weil nämlich der Boden aus Schmirgelpapier besteht, ist am Ende nichts mehr von den Liebenden übrig.

Ein unverzichtbares Supplement ist schliesslich die Reihe «Sound & Stories», die in Solothurn seit vier Jahren zum Programm gehört und erneut vor Augen führte, wie ein vermeintlich ausgestorbenes Genre fröhlich weiter wuchert. Tot ist ja nur das Musikfernsehen, die Clips aber sind längst ins Internet abgewandert, wo sie nicht mehr unter dem Diktat von Viva und MTV stehen. Zwar muss man auch hier fade Hochglanzübungen über sich ergehen lassen, aber daneben finden sich immer wieder kleine Schätze.

Die Magie der Lagerhalle

Ungekrönte Clipkönigin in Solothurn war die Zürcher Rapperin Big Zis, die gleich mit drei Clips zwischen Western und dadaistischer Walpurgisnacht vertreten war. Die Preise von Jury und Publikum jedoch gingen geschlossen an Jonas Meier und Mike Raths, die für das Jazztrio Rusconi die Magie in einer Lagerhalle fanden, wo man sie nie vermuten würde. Mit Hebekran und Gabelstapler veranstalten sie ein federleicht swingendes Ballett um einen geklonten Arbeiter. In seinem prägnanten, surrealen Zauber müsste das sogar den grossen Michel Gondry neidisch machen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.01.2010, 04:00 Uhr

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