«Schwingen hat etwas Punkiges»

Einst war er Rocker, heute ist er Komiker: Beat Schlatter. Derzeit dreht er einen Film über das Schwingen. Am Sonntag tritt er am Eidgenössischen an.

Beat Schlatter, bevor er zum Schwinger wurde: «Selbst nach einer halben Stunde duschen ist das Sägemehl noch in den Ohren.»

Beat Schlatter, bevor er zum Schwinger wurde: «Selbst nach einer halben Stunde duschen ist das Sägemehl noch in den Ohren.» Bild: Keystone

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Sie sind ein Städter, spielten einst in der Punk-Band Liliput und haben nun im Alter von knapp 50 Jahren das Schwingen entdeckt. Wie kommt der Ex-Punk aufs Sägemehl?
Stimmt, ich bin ein Vollblutstädter. Gerade hat mir der Pöstler eine DVD gebracht, die ich bestellt habe: einen Film über den britischen Punkrock-Musiker Joe Strummer. Ich bin vermutlich der einzige Schwinger, der sich fürs Eidgenössische mit solcher Musik aufheizt.

Es gibt also eine Verbindung zwischen Punk und Schwingen?
Sogar mehrere. Jüngst fragte mich Stephan Pörtner, heute Krimiautor und früher ebenfalls in der Punkszene unterwegs, ob ich mich daran erinnere, dass wir vor zwanzig Jahren schon mal zusammen geschwungen hätten. Er hatte recht. Ich hatte das komplett vergessen. Das war im Garten von Erika Hess, zu jener Zeit eine der besten Skirennfahrerinnen. Martin Hess, mit Erika über sieben Ecken verwandt, damals Manager von Liliput und später von Stephan Eicher, veranstaltete dort ein Künstlerschwingen. Vater Hess machte in der Garage Raclette. Allerdings konnte keiner von uns richtig schwingen. Darum ging es auch gar nicht. Hess wollte Stadtpunker und Landleute zusammenbringen.

Ist es dem Dokumentarfilm «Hosenlupf», in dem Sie mitwirken, zu verdanken, dass Sie zum Schwingen zurückkehren?
Ja. Die Idee kam von Elite-Filmproduktion: ein Dokumentarfilm über einen typischen Städter, der sich aufmacht, um die Seele des Schwingens zu ergründen. Ich sagte, ich sei zwar ein typischer Städter, hätte aber keine Ahnung vom Schwingen. Schreiben und recherchieren müsse jemand anders. This Lüscher, der Regisseur und Autor des Films, machte sich dahinter. Ein ganzes Jahr lang zog er von Schwingfest zu Schwingfest und sprach mit jedem, der etwas zu sagen hatte. Als ich das Resultat seiner Recherche erhielt, begann mich die Sache zu interessieren. Ich unterschrieb den Vertrag – und akzeptierte damit auch die Bestimmung, für den Film einen Selbstversuch zu unternehmen.

Seither ist Ex-Punk Schlatter ein Schwinger?
Ja. Ich ging hier in Zürich in den Schwingkeller, und mein Schwinglehrer Daniel Reichlin zeigte mir den ersten Schwung. Es wurde eine kurze Lektion. Den restlichen Abend verbrachte ich mit kaputten Fussbändern im Notfall. Da wusste ich, dass ich die Sache anders anpacken musste – mit Aufwärmen, Konditionstraining, technischen Übungen und so weiter. Die letzten Monate habe ich nun intensiv trainiert, kein einziges Training ausgelassen; ich ging sogar in den Kraftraum. Schwingen ist der Hammer! Man muss sich einfach mit dem Sägemehl anfreunden. Das bringt man nicht mehr los. Du kannst eine halbe Stunde lang duschen und hast es immer noch in den Ohren und in der Unterhose.

Nun tun Sie sich gleich das Eidgenössische an. Warum das?
Die Filmproduzenten hatten am Schreibtisch ausgerechnet, dass es mir nach einem halben Jahr mit seriösem Training möglich sein sollte, einen fairen Kampf gegen einen Juniorschwinger zu führen – als Schaukampf am Eidgenössischen. Ich habe diesen Rechnungen geglaubt. Schliesslich waren Leute daran beteiligt, die etwas vom Schwingen verstehen.

Inzwischen zweifeln Sie?
Ich habe den Junior kennen gelernt, gegen den ich schwingen muss. Er ist 16-jährig und wohnt im Emmental. Eine herzliche Familie, wirklich sympathisch, sechs Leute in einem kleinen Häuschen. Ihr Problem sei, sagte mir die Mutter, dass es ständig enger werde im Haus, weil der Jungschwinger Preis um Preis nach Hause bringe. Tatsächlich ist das Haus voller Glocken und Kaffeemaschinen. Kurz: Ich werde gegen den Jungen keinen Stich haben. Ich habe ihn jetzt einfach gebeten, dass er mich wenigstens so lange stehen lässt, bis Regisseur Lüscher «Action» gerufen hat.

Morgen Sonntag ist es so weit. Haben Sie Angst?
Kürzlich hat mich der Speaker angerufen und gefragt, wie er mich ansagen soll. Ich sagte ihm, er solle nicht zu viel Text vorbereiten. Er werde nur wenig Zeit zum Reden haben. Derzeit versuche ich, mir alles so genau wie möglich vorzustellen. Ich gehe davon aus, dass von den knapp 50'000 Zuschauern in der Arena vielleicht 20'000 eine Wurst holen gehen, wenn ich komme. Aber knapp 30'000 sind dann immer noch da.

Und wenn der Film fertig gedreht ist – ist dann fertig geschwungen?
Wo denken Sie hin! Natürlich nicht; da sind richtige Freundschaften entstanden. Nächstes Jahr werde ich fünfzig, und ich denke, dass es Zeit wäre, Frau Fischer, meine Freundin, zu heiraten. Also habe ich begonnen, in der Stadt Zürich ein Lokal zu suchen, in das man 200 Leute einladen kann. Hey, da verblutet man! Wenn der Freundeskreis dazu noch zu 80 Prozent aus Süffeln besteht – da kannst du grad die dritte Säule auflösen. Als ich den Leuten vom Schwingklub davon erzählte, sagten die sofort: Du kannst den Schwingklub haben. Gratis. Das ist eine total andere Welt. Allerdings findet meine Freundin die Idee, im Schwingklub zu heiraten, suboptimal.

Dann gehen Sie nun in der Schwinger-Szene ein und aus?
Kürzlich kamen Chrigel Stucki, einer der Favoriten am Eidgenössischen, und Roger Brügger, ebenfalls ein Topschwinger, zu mir zum Znacht. Ich hatte sie eingeladen. Ein paar Tage später sprach mich mein Vermieter, der im Hinterhof eine Schreinerei betreibt, auf den Besuch an. Ob ich wisse, dass er den ganzen Keller voller Sägemehl habe, fragte er. Und dann sagte er: Wenn du mal im Hinterhof ein Höfli-Schwingen veranstalten möchtest – jederzeit. Das machen wir jetzt im Oktober. Einige der «Bösen» – so nennt man die Topschwinger – werden dabei sein. Wie am richtigen Schwingfest wird es Fleischkäse mit Kartoffelsalat für 4.50 Franken und einen Lebendpreis geben. Ein Huhn oder so.

Wie kam es, dass das Schwingen zu Ihrer Leidenschaft wurde?
Das hat mehrere Gründe. Erstens gefällt mir das Bodenständige der Schwinger. Ich kenne auch ein paar Spitzenfussballer. Da liegen Welten dazwischen. Mit Spitzenschwingern kann man reden. Mit denen hat man es lustig. Die haben keinen Dünkel, stellen sich an, wenn sie eine Käseschnitte kaufen wollen, und legen sich ins Gras, wenn sie sich ausruhen möchten. Zweitens sind Schwingfeste auch eine Art Antiglobalisierungsveranstaltungen. Da klebt nicht überall Werbung; da hat es keinen Starbucks. Das ist eine Welt, die mir sehr nahe ist.

Keine Label- und Cüpli-Welt.
Ja. Vor einiger Zeit fand ich zusammen mit einem Kollegen, dass uns ein bisschen Sport guttun würde. Wir gingen ins Aerobic. Da waren von 18 von 25 Leuten unglaublich gut aussehende Frauen. Da konnte ich mich nicht konzentrieren. Ich schaffte es nicht, die Übungen zu machen. Hinzu kam, dass ich mich sofort unter Druck fühlte, einen neuen Trainingsanzug zu kaufen. Im Schwingkeller fällt das alles weg. Das ist angenehm.

Diese Sehnsucht nach dem Einfachen, Unkomplizierten, Echten: Hat Städter Schlatter den Zürich-Koller?
Überhaupt nicht. Es geht um was anderes: Für mich hat Schwingen etwas Punkiges. Das gefällt mir. Schwingen ist schlicht und schnörkellos; man kann es ausüben ohne teure Ausrüstung und Gerätschaft. Zudem schwingt nicht jeder. Viele Leute finden das nicht sexy, und wenn nicht Schwingfest ist, interessieren sich auch die Medien kaum dafür. Sollte es je so weit kommen, dass Frauen statt mit Hotpants mit Zwilchhosen über das Limmatquai ziehen, würde mich Schwingen nicht mehr interessieren.

Sie sagten einmal, Sie seien im Herzen ein Rocker geblieben – einer, der selbst entscheiden wolle, was er gut und was er schlecht finde. Sind Rocker und Schwinger verwandt?
Natürlich sind sie das. Als Stucki – ein 140-Kilo-Brocken – zu mir nach Hause kam, war es sehr heiss. Irgendwann zog er das Hemd aus. Darunter kam so ein weisses Bauarbeiterunterleibchen zum Vorschein. Der Oberarm war wegen irgendeiner Verletzung mit Tape-Streifen verklebt, der Unterschenkel ebenfalls. Alles in allem nicht unbedingt ein Anblick nach dem Geschmack der In-Zürcher. Wir Künstler hingegen schauen diesen Typen an und finden: fantastisch! Ein Kunstwerk! Der ist ein Rocker.

Wie geht das politisch auf? Die Schwingszene gilt als SVP-nah. Das kann man von der Punkszene kaum sagen.
Natürlich gibt es unter den Schwingern nicht wenige, die politisch komplett anders ticken als ich. Mit diesen entstehen keine tiefen, lang anhaltenden Freundschaften. Aber es gibt auch andere. Stucki und Brügger sind nicht die Einzigen. Es ist nicht so, dass sich nur Stumpen rauchende SVPler fürs Schwingen interessieren. Ich habe mehrere Schwingfeste besucht und dort immer auch Leute aus der Kunstszene getroffen. Natürlich versucht die SVP Begriffe wie Heimat, Mutterland und Tradition für sich zu beanspruchen. Ich wehre mich aber dagegen, das einfach so hinzunehmen. Heimat und Tradition sind auch für mich wichtige Begriffe; die gehören nicht einfach den Rechten – so wenig wie das Schwingen den Rechten gehört. Oder das Jassen.

Sie sagten, Ziel des Films sei, die Seele des Schwingens zu ergründen. Haben Sie damit Erfolg?
Dass mich das Schwingen angefixt hat und ich Lust habe, auch meine Freizeit mit den Schwingern zu verbringen, zeigt mir: Ich bin der Seele ziemlich nahegekommen. Im Übrigen bin ich vor allem auf viele Fragen gestossen. So war ich beim einzigen Schwarzen zu Besuch, der am Eidgenössischen mitschwingt. Was wäre, wenn der Schwingerkönig würde? Was würde es für die Schweiz bedeuten? Und was, wenn dereinst ein Deutscher König würde? Das ist nicht ausgeschlossen. Man muss ja nicht Schweizer sein, um am Eidgenössischen teilzunehmen. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 21.08.2010, 06:46 Uhr)

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Beat Schlatter, 49, lernte Tapezierer/Dekorateur, spielte in der Frauenpunkband Liliput Schlagzeug, tourte mit Stephan Eicher als Strassenmusiker durch Europa und gründete mit Patrick Frey und Enzo Esposito das Kabarett Götterspass. Heute wirkt Schlatter als Komiker, Schauspieler und Drehbuchautor. Er war an diversen Theater- und Filmproduktionen («Katzendiebe», «Komiker») beteiligt. Derzeit ist er zusammen mit Patrick Frey auf Tournee mit «Das Drama», einer «komischen Tragödie». Schlatter lebt in Zürich.

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