So funktioniert der Kapitalismus

Von Jean-Martin Büttner. Aktualisiert am 08.09.2010

Jean-Stéphane Bron («Mais im Bundeshuus») inszeniert den Prozess der Stadt Cleveland gegen die Wallstreet. Und zeigt damit, wie es zur amerikanischen Finanzkrise kommen konnte.

Die Geschworenen: Sie lassen die Zuschauer an ihren Beratungen teilhaben.
Bild: JMH Distributions

Der Makler: Ex-Drogendealer Keith Taylor ist das Scharnier zwischen den Gewinnern und den Verlierern. (Bild: JMH Distributions)

Die Unerschrockene: Barbara Anderson hatte ihr Haus verloren und organisierte Bürgerproteste gegen die Banken. (Bild: JMH Distributions)

Der Filmemacher

«Die Wirklichkeit erklären, nicht kommentieren»

Mit Jean-Stéphane Bron sprach Jean-Martin Büttner

Was bei den Leuten am meisten auffällt, die in Ihrem Film auftreten: Sie reden druckreif, obwohl die wenigsten schon einmal vor einer Kamera gestanden sind.
Das ist tatsächlich unglaublich, auch wie sich ihre Sprache in der Körpersprache ausdrückt. Das hat viel mit dem amerikanischen Kino zu tun, das gesellschaftliche Zustände sichtbar macht, etwa in seinen Filmen über die Kriege im Irak und in Vietnam. Als ich den Leuten in Cleveland meinen Film vorschlug, war ihnen sofort bewusst, dass die Krise ihrer Stadt für eine globale Entwicklung stand.

Dabei wollten Sie ursprünglich einen ganz anderen Film drehen …
… und zwar über die Schweizer Banken, was daran scheiterte, dass die sich weigerten. Dennoch ist mein Film über Cleveland eigentlich in der Schweiz entstanden. Schweizer Dokumentarfilmer haben sich immer wieder damit auseinandergesetzt, woher sie kommen und wie sich ihr Land zur Welt verhält. Ihre Filme über verschiedene Menschen und ihre sehr verschiedenen Meinungen haben auch mit unserer demokratischen Tradition zu tun. Als ich in Cleveland anfing, war ich bloss ein kleiner Filmemacher, gerade das war auch ein Vorteil. Der Respekt stellte sich erst später ein.

Wie lange haben Sie für diesen Film gebraucht?
Drei Jahre Vorbereitung, von denen ich acht Monate in Cleveland verbrachte. Die Dreharbeiten dauerten drei Wochen, darunter acht Tage im Gerichtssaal. Ich konnte mich auf ein starkes Team verlassen – und auf die Hilfe der Leute vor Ort. Das war nötig, Cleveland ist eine gefährliche Stadt geworden.

Sie drehten ohne Skript und gestellte Szenen. Dennoch mussten Sie ein paar Mal eingreifen, warum?
Wenn zum Beispiel ein Zeuge zu kompliziert sprach. Dann bat ich die Anwälte, die Frage nochmals zu stellen. Das kam aber nur ein paar Mal vor.

Warum haben Sie die Geschworenen selber ausgewählt?
Ich wählte 16 Leute aus, die sich die Zeit für die Dreharbeiten nehmen konnten; die Anwälte haben je vier gestrichen. Ich selber wusste nicht, wie sich die Geschworenen zur Streitfrage stellten.

Was halten Sie von Ihrem Kollegen Michael Moore, der in seinem letzten Film ein ähnliches Thema behandelt?
Er gehört zu den Regisseuren, die gerne in ihren eigenen Filmen auftreten, und er spielt am liebsten den Zorro, der gegen das Unrecht kämpft. Sein erster Film, «Roger and Me», hat mir sehr gefallen, vor allem das Persönliche daran. Dennoch scheint mir, dass er sich immer mehr für den Zirkus interessiert, den er um sich herum inszeniert. Das kann ganz lustig sein. Aber ich frage mich, ob Michael Moore wirklich politisches Kino macht, obwohl er das natürlich glaubt. Denn er hinterfragt die Wirklichkeit zu selten, die er in seinen Filmen abbildet. Ich bin als Regisseur mehr daran interessiert, die Wirklichkeit zu erklären, als sie zu kommentieren.

Der Regisseur Jean-Stéphane Bron, 1969 in Lausanne geboren, wurde 2005 mit dem Film «Mais im Bundeshuus» bekannt.

Vorpremiere «Cleveland versus Wall Street»

Dies ist der vierte lange Dokumentarfilm von Jean-Stéphane Bron («Mais im Bundeshuus»). Er brachte es in den französischen Kinos in der ersten Woche auf 25'000 Eintritte und soll im November auch in den USA gezeigt werden. «Cleveland versus Wall Street» läuft ab morgen Donnerstag in Zürich im Kino Riffraff. Dort findet heute Abend um 20.30 Uhr auch die Vorpremiere statt. Regisseur Bron und die Protagonistin Barbara Anderson aus Cleveland werden dabei anwesend sein und Fragen aus dem Publikum beantworten. (jmb)

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Als der Anwalt Joshua Cohen seinen ersten Zeugen befragt, muss er unwillkürlich lächeln. Wenig später ist dieser, ein junger Polizist, den Tränen nahe. Was ist da passiert? Der Anwalt lächelt, weil der Prozess im Gerichtsgebäude von Cleveland in Ohio etwas Surreales hat. Und der Polizist leidet, weil dieser Prozess trotzdem ans Lebendige geht.

Cohen vertritt die Sammelklage der Stadt Cleveland gegen 21 Banken der Wallstreet. Ihm gegenüber sitzt der Anwalt der Banken, vorne der Richter. Entlang der Wand sind die acht Geschworenen platziert, hinten das schweigende Publikum. Alles echt, nichts inszeniert. Und doch nehmen alle an einer Fiktion teil. Der Prozess nämlich, den der welsche Dokumentarfilmer Jean-Stéphane Bron in «Cleveland versus Wall Street» zeigt, hat gar nicht stattgefunden - und wird auch kaum je stattfinden.

Armut und Bürgerprotest

Real aber sind die Ereignisse, die diesem Prozess vorausgingen. Vor drei Jahren wurden in Cleveland 20'000 Familien aus ihren Häusern vertrieben, weil sie trotz Zweit- oder Drittjobs ihre steigenden Hypotheken nicht mehr bezahlen konnten. Die Stadt geriet in eine Abwärtsspirale von Armut, Zerstörung und Gewalt. Menschen schliefen unter Brücken, während ihre früheren Häuser zerfielen. Die Kriminalität explodierte, Drogenbanden terrorisierten die Stadt. Die Afroamerikanerin Barbara Anderson, die ihr Haus verloren hatte, organisierte Bürgerproteste gegen die Banken. Mit ihr beginnt und endet auch Brons Film. Die Stadt klagte schliesslich gegen jene, die über ihre Makler den Hausbesitzern, vornehmlich im armen Quartier Slavic City, überteuerte Kredite, sogenannte Subprimes, verkauft hatten.

Nachdem die Anwälte der Banken den Prozess über ein Jahr lang verschleppt hatten, schlug Jean-Stéphane Bron den Parteien vor, den Prozess mit echten Protagonisten und ohne gestellte Szenen zu inszenieren. Nach und nach konnte er die Leute zum Mitmachen bewegen, darunter auch Peter Wallison, der schon unter Ronald Reagan für deregulierte Finanzmärkte einstand. Oder Keith Fisher, einen erfahrenen Bankenanwalt. «Ich bin der gemietete Schurke, der von aussen kommt», sagt der auf der Fahrt zum ersten Gerichtstag.

Spannung im Gerichtssaal

An diesem ersten Tag hat auch der Polizeibeamte Robert Kole seinen Auftritt. Er musste etwa eine 86-jährige Frau aus ihrem Haus weisen, die ihr ganzes Leben dort gewohnt und eben ihren Mann verloren hatte. Die Erinnerung holt ihn auf dem Zeugenstand wieder ein. Seine Reaktion macht deutlich, wie schnell die Menschen im Film vergessen, dass sie Darsteller sind. Und wie schnell der inszenierte Prozess von den realen Vorgängen eingeholt wird. «Bei den Dreharbeiten ging es sehr ernst zu», sagt Bron; «keiner lachte, und auch die Spannung zwischen den beiden Anwälten war deutlich spürbar.»

Der Regisseur filmte den Prozess mit zwei Kameras entlang der Konfliktachse von Fragern und Befragten. Der Zuschauer sieht den, der gerade spricht, aus der Position dessen, der zuhört. Bron liess sich dabei durch amerikanische Gerichtsfilme inspirieren; mit dem Unterschied, dass die Fakten nicht vorweg erklärt, sondern in der Verhandlung entwickelt werden. Damit untersucht der Prozess auch, wie es in den USA zur Finanzkrise kommen konnte.

Strenge Dramaturgie

Gelegentlich schwenkt die Kamera über die Gesichter der Geschworenen oder des Publikums. Dazwischen lässt der Regisseur die Prozessteilnehmer direkt in die Kamera sprechen, zeigt sie abends zu Hause oder unterwegs im Auto. Sogar bei den Beratungen der Geschworenen ist er mit dabei. Dadurch weiss der Zuschauer immer ein wenig mehr als die Prozessteilnehmer. Der Zuschauer, sagt der Regisseur, «ist der neunte Geschworene».

Bron verwendet die strenge Dramaturgie, die schon bei «Mais im Bundeshuus» überzeugte, seinem Film über die Parlamentsarbeit in Bern. Er selber hält sich stark zurück, meldet sich selber nur in einer kurzen, aus dem Off gesprochenen Einführung zu Wort, in der er die Umstände und Spielregeln des Films erklärt. Anders als sein amerikanischer Kollege Michael Moore, der sich raumfüllend mitinszeniert, bleibt Bron präsent, aber nicht sichtbar.

Beste Argumente fanden Eingang

Dabei verhehlt der Regisseur nicht, dass er Partei ist. Mit seinem Film sei es ihm darum gegangen, «eine demokratische Bresche zu schlagen in die abstrakten Vorgänge, die zu dieser Krise geführt haben». Seiner aggressiven Wortwahl steht die gleichschwebende Aufmerksamkeit gegenüber, die er seinen Gesprächspartnern gegenüber aufbringt. Anwälte und Zeugen kommen stets mit ihren besten Argumenten zu Wort. Selbst Keith Fisher, der Bankenanwalt, beschied dem Regisseur nach der Premiere: «You gave me my best shot.»

Was Bron mit seiner Zurückhaltung erreicht, zeigt der Auftritt von Keith Taylor, einem ehemaligen Drogendealer, der sich zum Makler hochgearbeitet hat. Und der Hunderte von verarmten Bewohnern überzeugte, ihre Schulden mit Ramschkrediten zu bezahlen, und dafür hohe Provisionen kassierte. Der Afroamerikaner ist das Scharnier zwischen den Gewinnern und Verlierern. Statt eines Zynikers bekommt man aber einen wachen Typen präsentiert, der offen über seine Arbeit spricht. Ob die Hausbesitzer nicht mehr haben wollten, als sie zahlen konnten, wird er gefragt: «Tun wir das nicht alle?», gibt er zurück. Die Bewohner, die sich für ein Haus hoch verschulden; die Makler, die an den hoch belasteten Krediten mitverdienen; die Trader und Banken, die nie nachfragen. Alle tun es.

Dauerklage

Am Schluss stehen in Cleveland fast 100'000 Menschen auf der Strasse, und die Banken haben Millionen verdient. In «Capitalism: A Love Story» hat sich auch Michael Moore mit der amerikanischen Immobilien- und Bankenkrise beschäftigt. Sein Film ist als Dauerklage angelegt. Bron überlässt den Entscheid dem Publikum. Michael Moore zeigt, wie böse der Kapitalismus ist; Jean-Stéphane Bron zeigt, wie er funktioniert. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.09.2010, 10:18 Uhr

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