So sieht der Weltuntergang aus
Von Florian Keller. Aktualisiert am 25.11.2009
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Film
2012 (USA 2009). 158 Minuten. Regie: Roland Emmerich. Mit John Cusack, Chiwetel Ejiofor, Danny Glover, Woody Harrelson, Amanda Peet.
Was bleibt noch zu tun für Roland Emmerich? Das Weisse Haus hat er bereits in die Luft gejagt, damals in «Independence Day». Mit der Klimakatastrophe ist er auch durch, seit er in «The Day After Tomorrow» die halbe Erdkugel in einer neuen Eiszeit tiefkühlen liess. Aber eben nur die halbe. Jetzt, in «2012», hebt Emmerich die ganze Welt aus den Angeln, und das Zauberwort heisst Erdkrustenverschiebungstheorie. Das knirscht zwar wie Kies im Mund, wenn man es ausspricht, soll uns aber nicht die frohe Botschaft vermiesen. Und die lautet, aufgepasst: Emmerichs Weltuntergangsfantasie ist wirklich ein sündhaft ausgelassenes Vergnügen. Mehr noch: Dieser Film ist die Apotheose des Katastrophenkinos.
Biblische Naturgewalten
Als Deutscher in Hollywood wurde Roland Emmerich, 54, lang genug belächelt als kleiner Spielberg aus dem Schwabenland. Jetzt führt er die Traumfabrik fulminant zurück zu ihrem Kerngeschäft. «2012», das ist Eskapismus in Reinkultur, das kathartische Spektakel für eine Welt im Taumel. Die Finanzkrise, dieses wahre grosse Erdbeben unserer Zeit, lässt sich ja schwerlich als Katastrophenfilm erzählen, weil so ein Film von imaginären Werten handeln müsste. Da bleibt nur der Rückgriff auf biblische Naturgewalten: Ein ordentlicher Weltuntergang sieht einfach besser aus als ein erodierender SubprimeMarkt. Beides zieht uns den Boden unter den Füssen weg, aber im Kino bezahlen wir nur mit einem wohligen Schauer.
Es gehört ja gerade zur Attraktion von Katastrophenfilmen, dass sie niemandem wehtun. Der Katastrophenfilm ist a priori ungefährlich, weil er politisch völlig unverbindlich bleibt. Ein Meteorit, der auf die Erde zusteuert, hat keine Agenda, und er ruft auch keine irdischen Interessengruppen auf den Plan, die gegen seine diskriminierende Darstellung als Weltzerstörer protestieren würden. So beginnt das Chaos auch in «2012» mit Bildern von unschuldig lodernder Pracht: Eine Häufung der Eruptionen auf der Sonne führt dazu, dass der Erdkern aufgeheizt wird wie in einem Mikrowellenherd.
Den Terminplan für dieses Weltereignis hat sich Emmerich vom astronomischen Kalender der Maya geborgt, die das Ende der Welt für das Jahr 2012 berechnet haben sollen (Genaueres dazu auf Seite 38). Die Kosmologie der Maya kümmert den Film dann nicht weiter. Aber «2012» ist gerade deshalb ein so grandioser Spass, weil Emmerich sämtliche Elemente des Katastrophenkinos verwurstet und dabei alle Fesseln von Ernst und Wahrscheinlichkeit abschüttelt. Als er dann doch eine wissenschaftliche Erklärung nachreicht, legt er sie einem durchgeknallten Hippie in den Mund, gespielt von Woody Harrelson. Schon ganz selig vor apokalyptischer Vorfreude, stimmt dieser Spinner das paranoide Amerika übers Radio auf das Jüngste Gericht ein und führt uns einen selbstgezeichneten Trickfilm vor, der die Zusammenhänge kindergerecht erklärt: die Apokalypse als wissenschaftlicher Cartoon fürs Vorschulalter.
Die Schlucht im Supermarkt
Bald darauf ist der Prophet jauchzend in der Feuerwand eines Vulkans verschwunden. «Mir scheint, das Schlimmste ist jetzt vorbei», versichert der Gouverneur von Kalifornien, der als Actionheld ja schon manche Apokalypse überstanden hat – und dann legt Emmerich alle Hemmungen ab. Er setzt zu einer Abbruch- und Überschwemmungsorgie an, die nur ein Programm kennt: die Ästhetik der Überwältigung. Erst sind es nur Risse im Asphalt, dann klafft mitten in einem Supermarkt eine Schlucht. Was fester Boden war, beginnt zu tanzen, galoppierender Irrsinn wechselt mit Bildern von erhabener Pracht. Emmerichs apokalyptische Fantasie läuft Amok, und dabei gelingen ihm wunderbar bescheuerte Ansichten von einem zerklüfteten Amerika: Da schiesst eine U-Bahn aus einem Tunnel ins Leere, und bald versinkt ganz Kalifornien wie ein gigantisches Spielbrett im Pazifik. Und das ist erst der Anfang.
Die neue Eiszeit in «The Day After Tomorrow» wollte Emmerich noch als ökologischen Appell verstanden wissen. Jetzt lädt er, weitgehend unbelastet von so seriösen Anliegen, zu einem Endspiel, in dem die Apokalypse nur der Vorwand ist für einen eschatologischen Vergnügungspark. Dass ihm dabei gar nichts heilig ist, versteht sich von selbst: Weil Emmerich global aufs Ganze geht, kann er jetzt auch die Jesusstatue auf dem Zuckerhut in Rio und den Petersdom in Schutt und Asche legen. Und bloss weil einer das Weisse Haus schon einmal gesprengt hat, bedeutet das ja nicht, dass er das nicht noch ein zweites Mal tun dürfte. Auch dazu haben Emmerich und sein Drehbuchpartner und Komponist Harald Kloser eine hübsche Ironie parat: Washington, das ist bereits im Trailer zu sehen, wird hier buchstäblich von seiner eigenen Kriegsmaschinerie zermalmt.
Haben wir etwas vergessen? Genau, da sind noch Schauspieler. Denn was wäre so ein Weltuntergang ohne Menschen, die vor ihm davonlaufen. Der ehrenwerte Danny Glover spielt den amerikanischen Präsidenten, der sein Volk auch im Angesicht der Sintflut nicht im Stich lässt. Der besorgte Blick des Wissenschaftlers gehört dem Briten Chiwetel Ejiofor, und John Cusack ist der ganz normale Held, ein erfolgloser Schriftsteller, der mit Ex-Frau und Kindern in den Himalaja flüchtet. Denn auf dem Dach der Welt, so geht die Kunde, lagern die eilends gebauten Frachter, mit denen die Regierungen der G-8 das Überleben der Menschheit sichern wollen. (Hätten Sies erraten? Der Sohn unseres Helden heisst Noah.)
Beim Showdown gehen dem Film zwar spürbar die Ideen und der Schnauf aus, aber zuvor deponiert Emmerich noch einen Autofriedhof im Himalaja. Und er gönnt sich gar eine milde klassenkämpferische Volte. Da halten sich die Regierungen der reichen Nationen zwar an ihren grossen Evakuationsplan, aber das erste Opfer ist die Menschlichkeit: Die Luxuskabinen sind nur für die Superreichen bestimmt, die sich ihre Rettung auch leisten können. So entdeckt ein Blockbuster sein soziales Gewissen, und das obligate ethische Plädoyer gibts gratis dazu.
Die grösste Pointe dieses Films aber ist, wie sich ausgerechnet Roland Emmerich, dieser begnadete Kaputtmacher vor dem Herrn, als Botschafter des Kulturgüterschutzes profiliert. Als sich seine frierenden Helden in «The Day After Tomorrow» in die Bibliothek retteten, stritten sie ja noch darüber, ob man Nietzsches Schriften zur Not verbrennen dürfe, um sich am Feuer der Kulturgeschichte zu wärmen. Jetzt, in «2012», werden die «Mona Lisa» und andere bedeutende Kulturschätze, die sich irgendwie transportieren lassen, schön fachgerecht verpackt und in Sicherheit gebracht.
Die Kultur darf nicht sterben
Das ist natürlich auch nur ein Beleg für die zynische Vernunft der Mächtigen, die lieber ein bedeutendes Gemälde retten als Milliarden unbedeutender Menschen. Aber wie ruft einer der Helden in diesem Film: «Unsere Kultur ist unsere Seele, und sie wird heute nicht sterben!» Es ist das flammendste Bekenntnis zur Kultur, das jemals in einem Blockbuster zu hören war.
PS. Und was ist jetzt noch zu tun für Roland Emmerich? Er könnte in seinem nächsten Film das Weisse Haus schwarz anmalen. Aber das wäre ihm wohl zu subtil. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 25.11.2009, 14:21 Uhr
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