Softporno statt Politfilm
Von Florian Keller, Berlin. Aktualisiert am 09.02.2009
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Sind sie im richtigen Leben auch so schön? Spielen sie ihre Rolle als Star so souverän, wie wenn sie vor der Kamera in eine fremde Haut schlüpfen? Zaubern sie noch auf die dümmste Journalistenfrage elegant eine entwaffnende Antwort herbei? Das sind so die Fragen, für die man in Berlin zum Pressetermin mit den Stars drängt. Bei Kate Winslet kommt noch ein weiterer Grund hinzu. Da will man auch nochmals kurz nachsehen, wie die Schauspielerin eigentlich aussieht, wenn sie bekleidet ist.
Schlink zufrieden mit Verfilmung
Man vergisst das nämlich gern in «The Reader». Das ist die deutsch-amerikanische Verfilmung von Bernhard Schlinks Bestseller «Der Vorleser», die hier ausser Konkurrenz gezeigt wurde. Kate Winslet spielt darin die ehemalige KZ-Aufseherin Hanna Schmitz, die sich oft gleich die Kleider vom Leib reisst, wenn ihr knuspriges Jungchen (David Kross) in der Tür steht. Und dann ab ins Bett oder in die Badewanne. Sorgloser deutscher Alltag nach dem Krieg: Der ahnungslose Bursche holt sich bei der gestrengen Ersatzmutter täglich seine kleine Sexschule; Hanna, die nicht lesen kann, bekommt dafür schöne Bücher von ihm vorgelesen. Jahre später wird ihr der Prozess gemacht, und das Jungchen, das inzwischen Jus studiert, begreift erst jetzt, wo seine Hanna ihren schroffen Umgangston gelernt hatte.
Bleiben wir fair: Stephen Daldry, der Mann, der «Billy Elliot» zum Tanzen brachte, hat Schlinks Roman so weichgezeichnet verfilmt, wie es das Buch verdient. Der Autor selbst zeigte sich in Berlin zufrieden mit dem Ergebnis; nicht mal an der Sprache schien sich Schlink zu stören. Gedreht wurde «The Reader» in Deutschland, neben Kate Winslet sind fast sämtliche Rollen mit Schauspielern deut- Muttersprache besetzt, darunter Bruno Ganz als Rechtsprofessor, aber die mühen sich alle mit einem germanisch eingefärbten Englisch ab. Das ist der neue Realismus des internationalen Marktes: Man dreht zwar mit einheimischen Darstellern, aber die sollen ihre Sätze gefälligst im Esperanto des Weltmarkts aufsagen. «The Reader» ist jedenfalls ein Film, den man sich besser in deutscher Synchronisation anschaut. (Ab 5. März im Kino.)
Die Berlinale gilt ja als das politischste aller grossen Filmfestivals. Aber dieser Slogan wird auch nicht wahrer, bloss weil man ihn ständig nachbetet wie ein Mantra. Ist eine gut geölte Nazi-Schmonzette wie «The Reader» politisches Kino, weil die Schuldfrage hier mit einem Softporno unter die Bettdecke schlüpft? Schon den Thriller «The International» hat man bei der Eröffnung zum Denkzettel in Zeiten der Finanzkrise hochgeschrieben. Das ist etwa so, als würde man James Bond zur Galionsfigur des politischen Kinos adeln.
Frauendrama um Kriegsverbrecher
Es geht hier nicht um Politik, verdammt! So heisst es einmal ganz laut in «Storm», dem stillen neuen Film von Hans-Christian Schmid. Keine Politik? Von wegen! Der deutsche Regisseur, der ein wenig wirkt wie der schlauere Bruder von Michael Ballack, hat bei «Storm» erstmals in Englisch gedreht, aber mit guten Argumenten. Sein Drama ist angesiedelt am Kriegsverbrechertribunal in Den Haag – ohne Amtssprache Englisch wäre hier gar nichts zu holen. Eine Strafverfolgerin (Kerry Fox) soll einem serbischen Ex-General den Prozess machen, doch nach der Falschaussage eines Zeugen droht die gesamte Anklage einzustürzen. Und am nächsten Morgen hat sich der bosnische Zeuge in seinem Hotelzimmer erhängt.
So verkürzt klingt das nach einem Thriller, der sich mehr für vordergründige Spannungsmache interessiert als für die Menschen im Räderwerk des internationalen Rechts. Doch bei Hans-Christian Schmid ist das genau umgekehrt. Sein «Storm» ist im Kern ein Drama zwischen zwei Frauen: Hier die Anklägerin, die mit leiser Beharrlichkeit ihr Dossier verfolgt; da die Schwester des toten Zeugen (Anamaria Marinca), die ihre neue Existenz in Deutschland nicht aufs Spiel setzen mag für eine Aussage im Zeugenstand.
Hollywood würde dafür sicher einen knalligen Dreh finden, aber Schmid spart alles aus, was seine Figuren der Mechanik eines Thrillers ausliefern würde. Auch vom Krieg in Bosnien zeigt er keine Bilder, da vertraut er einzig auf die Macht der Worte im Zeugenstand. Und wer hofft, in den Mühlen dieses Prozesses eine abschliessende Gerechtigkeit zu finden, ist bei «Storm» sowieso im falschen Film. Einzig bei den Namen trägt Schmid seltsam dick auf: Da heisst die Anklägerin Hannah (schon wieder!), und ihre Zeugin hat doch tatsächlich einen Deutschen nascher mens Arendt geheiratet. Und zusammen wären sie dann Hannah Arendt, oder was?
Wer da noch nicht genug hatte von den Geistern aus der Vergangenheit, durfte in Bertrand Taverniers Südstaaten-Krimi «In the Electric Mist» mit Tommy Lee Jones durch die Sümpfe von Louisiana waten und mit einem untoten General aus dem amerikanischen Bürgerkrieg nächtliche Zwiesprache halten. Aber wenn in jedem Film eine schwere Schuld am Dampfen ist, kann es manchmal ganz erholsam sein, wenn das Kino einfach mal seine eigene glänzende Oberfläche zelebriert: Film als Frontalunterricht in Sachen Glamour!
Jude Law als Modegöttin
Genau das gibts bei Sally Potter, die in ihrem neuen Spielfilm «Rage» zu einer Abrechnung mit der Modebranche ansetzt. Dabei zeigt sie nichts als eine Galerie schillernder Köpfe, die vor farbiger Fläche in Interviews zu Wort kommen: Judi Dench hat einen magistralen Auftritt als Modekritikerin, ein sehr ausgemergelter Steve Buscemi gibt die Karikatur eines Pressefotografen. Da wittert die versammelte Filmkritik natürlich gleich ein Objekt für die Videogalerie, das fälschlicherweise im Kino gelandet ist. Klar, man kann «Rage» furchtbar kunstsinnig, geschwätzig und ermüdend finden. Aber dieser Zirkus der Eitelkeit treibt das Kino an seine inneren Grenzen und hat dazu eine Qualität, die man sonst schmerzlich vermisst in diesem Wettbewerb. Sie heisst: Witz. Und vergessen wir nicht den schönen Jude Law. Der ist in «Rage» fast nicht zu erkennen, weil äusserst flamboyant zur Modegöttin geschminkt. Aber er darf hier das tun, was er, wenn wir ehrlich sind, sowieso am besten spielt: die perfekte Frau. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 09.02.2009, 10:05 Uhr
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