Kultur

Solothurner Highlights: Dokfilme aus dem Niemandsland

An den am Sonntag beendeten 44. Solothurner Filmtagen waren es einmal mehr Dokumentarfilme, welche die Akzente setzten.

Nicht Einfühlung ist die dokumentarische Devise, sondern der interesselose Blick – hier auf das Leben der Asylanten im Dokumentarfilm «La forteresse».

Nicht Einfühlung ist die dokumentarische Devise, sondern der interesselose Blick – hier auf das Leben der Asylanten im Dokumentarfilm «La forteresse».
Bild: PD

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Die Hauptpreise an Bräuning und Pool

Die Hauptpreise der 44. Solothurner Filmtage gingen an zwei Regisseurinnen. Fanny Bräuning wurde für ihren Dokumentarfilm «No More Smoke Signals» als erste Preisträgerin mit dem neu geschaffenen Prix de Soleure (60'000 Franken) geehrt. Der Preis ist für einen Film bestimmt, der sich durch eine ausgeprägt humanistische Haltung auszeichnet.

Der Prix du Public (20'000 Franken) ging an «Maman est chez le coiffeur», den neuen Film von Léa Pool. Die Westschweizerin, die seit 1975 in Kanada lebt und in Solothurn mit einer Retrospektive geehrt wurde, setzte sich klar gegen neun weitere Filme durch, die für diesen Preis nominiert waren – darunter auch «Home», der grosse Favorit für den Schweizer Filmpreis am 7. März.

«Pausenlos» läuft ab 5. Februar im Kino. «La forteresse» folgt voraussichtlich am 12. März, «No More Smoke Signals» am 16. April.

Also sind diese 44. Filmtage von Sodom doch noch in Sitte und Anstand zu Ende gegangen. Man hätte ja wirklich denken können, das Barockstädtchen mit dem amtlichen Namen Solothurn habe sich letzte Woche in ein eidgenössisch alimentiertes Sündenbabel verwandelt oder wenigstens in einen Saustall filmischer Fantasien. Angelockt vom medialen Gezeter um die «Räuberinnen» soll sogar extra ein SVP-Ständerat angereist sein, um nach dem Rechten zu sehen und zu prüfen, was es hier an Unkultur auszumisten gäbe.

Nur dank Festivaldirektor Ivo Kummer, so geht die Kunde, sei der Ordnungspolitiker dann nicht im Saustall gelandet, sondern in einem Dokumentarfilm über ein Flüchtlingsheim. Und er hatte dabei nicht einmal eine politische Gehirnwäsche in Asylfragen zu befürchten. Denn «La forteresse», dieser Film des 1961 in Marokko geborenen Westschweizers Fernand Melgar, operiert jenseits der politischen Schlagworte.

Fernand Melgar hat elf Wochen lang in einem Durchgangsheim im waadtländischen Vallorbe gedreht. Dabei scheint er sich mit seiner kleinen Crew gleichsam zum unsichtbaren Beobachter gemacht zu haben.

«Empfangs- und Verfahrenszentrum», so heisst dieser Transitraum in amtlichem Deutsch. Mindestens zur Hälfte klingt das hübsch gastfreundlich, und so ist es nur recht, wenn ein paar Afrikaner den lieben Gott in einem flammenden Bittgesang ersuchen, er möge die Schweizer Behörden beschützen und ihnen Gastfreundschaft eingeben. Neben ihnen steht der Beamte und verzieht keine Miene – doch dann wippt sein Fuss doch im Takt. Das hat die dramatischen Qualitäten eines Spielfilms. Und wenn ein albanisches Mädchen einen Pullover mit Stacheldrahtmuster trägt, könnte man fast meinen, da habe ein Regisseur noch ein symbolträchtiges Requisit in seinen Dokumentarfilm geschmuggelt.

Ganz ohne Kommentar lässt Melgar die Gesichter der Menschen sprechen, und zwar beidseits der unsichtbaren Wand, die sie trennt. Wir hören ihre Geschichten des Leids und ertappen uns manchmal dabei, sie auf undichte Stellen abzuklopfen. Wir sehen Beamte, die in ihrem Job erstaunlich nahtlos zwischen kalter Bürokratie und Seelsorge pendeln. Und wir hören Übersetzer, die sogar einen Roma-Seufzer pflichtschuldigst ins Französische übersetzen: Ouf!

«La forteresse», in Locarno bereits mit einem Goldenen Leoparden ausgezeichnet, ist kein «engagierter», ja nicht einmal ein kritischer Film. Man darf das dem Regisseur als Haltungslosigkeit auslegen, verfehlt damit aber den entscheidenden Punkt. Melgar geht es um die alltäglichen Details eines Lebens im Ausnahmezustand. Nicht Einfühlung ist die dokumentarische Devise, sondern im Gegenteil der interesselose Blick auf das Leben der anderen. In seiner Konsequenz war das dann vielleicht zu wenig Anteilnahme für den Prix de Soleure: Die neu geschaffene Auszeichnung, die den Wegzug des Schweizer Filmpreises nach Luzern nach dem Motto «Humanismus statt Glamour» kompensieren soll, ging an die Baslerin Fanny Bräuning für «No More Smoke Signals».

Film als Minderheiten-Fürsprecher

Bräuning, Absolventin der Zürcher Filmschule, drehte 13 Wochen lang in einem Reservat der Sioux in South Dakota. Sie dockt an bei Radio Kili, dem Sender, der die verstreute Community in der unwirtlichen Weite über Ultrakurzwelle verbindet – «weil wir die Rauchzeichen nicht mehr so gut beherrschen», wie eine Radiofrau einmal sagt.

In diesem Niemandsland zwischen Tradition und Moderne macht sich Fanny Bräunings Film unaufdringlich zum Fürsprecher der kleinsten Minderheit Amerikas. Dabei entsteht ein vielschichtiges Mosaik, das beiläufig auch den Mount Rushmore als Schrein der amerikanischen Demokratie demontiert. Und bei allen Western-Schauwerten, welche die Prärie bereithält, läuft Bräuning nie Gefahr, das Schicksal der Menschen im Reservat zu romantisieren. Oder wie der Bürgerrechtler John Trudell im Film einmal sagt: «Wir müssen weniger kämpfen und mehr denken. Der dauernde Kampf behindert uns nur im Denken.»

Der andere grosse Denker dieser Filmtage war ein Philosoph namens Didier Plaschy, Ex-Skirennfahrer und der erstaunlichste Protagonist in Dieter Gränichers Dokumentarfilm «Pausenlos». Der Regisseur macht sich auf die Suche nach der verlorenen Zeit im modernen Berufsleben, wo wir selbst unsere Pausen möglichst ökonomisch verwerten wollen. Gränichers Film wechselt vom Skizirkus zur Klosterfrau und weiter zum Burnout – aber die Wahl der Protagonisten überzeugt bestenfalls zur Hälfte. Wenn allerdings Didier Plaschy die drei Zeitebenen des Skirennens erklärt, erweitert er unseren Blick. Und fürs nächste Skirennen wissen wir: Ein Skisportler ist immer auch ein Philosoph der Zeit.

«1 km Hardbrücke»

Fürs perfekte Vorprogramm sorgte da der Kurzfilm «1 km Hardbrücke», in dem der junge Zürcher Luc Gut den nächtlichen Verkehrsfluss rhythmisiert – und vier Minuten lang einen der trostlosesten Orte Zürichs mit Minimaltechno verzaubert. Eine feine Stilübung in visueller Musik ist das, und wer sie in Solothurn verpasst hat, kann sie jederzeit nachholen: Den Film gibts auch auf Youtube. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.01.2009, 22:03 Uhr

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