Scarlett und Penélope im Irrgarten der Lust
Von Christoph Schneider. Aktualisiert am 26.11.2008
Der Film
Vicky Cristina Barcelona (USA/Spanien 2008). 96 Minuten. Regie: Woody Allen. Mit Javier Bardem, Penélope Cruz, Rebecca Hall, Scarlett Johansson, Patricia Clarkson u. a.
In Zürich ab Donnerstag als Vorpremiere im Lunchkino, Arthouse Le Paris. Ab 4. 12. im Kino.
Es gibt Filme, von denen man beim besten Willen nicht sagen könnte, warum sie gemacht wurden, und dann ist man doch froh, dass sie da sind. Sie nehmen einem durch ihre federleichte Dramatik jedes schlechte Gewissen, an der Kunst nicht mehr gehabt zu haben als seine Freude. Ihr freundliches Wesen versetzt einen in den Zustand einer unschuldigen Heiterkeit, die auf tiefere Erkenntnisse von Mensch und Welt pfeift. Sie bereiten also keinen Ärger, denn an höheren Ansprüchen können sie nicht scheitern, weil sie sie nicht stellen. Dafür spielen sie mit ihrer luftigen Bedeutungslosigkeit auf hohem ironischen Niveau. Und so ein Film ist «Vicky Cristina Barcelona» von Woody Allen. Schon der Titel scheint einem wie hingetupft.
In Cannes, diesen Frühling, herrschte äusserste Begeisterung. Sie galt vielleicht weniger dem Film als der Wiederkunft eines heiter erotisierten und wieder einmal witzig neurotisierten Woody Allen. Vermutlich hat man sich gefreut, dass es ihm so gut ging.
Er hatte letztes Jahr nämlich gar nicht gesund ausgesehen, wie Besucher des Filmfestivals Venedig berichteten; und in seinen drei «englischen» Filmen – «Match Point» (2005), «Scoop» (2006) und «Cassandra's Dream» (2007) – waren die beschworenen Todesschatten auch immer dunkler geworden. In «Cassandra's Dream» ging das bis zur Morosität und logischen Humorlosigkeit einer Geschichte von Verbrechen und Strafe: Jedenfalls trug dort die Komik ein so sittliches Schwarz, dass sie etwas gravitätisch schien und leicht zu verwechseln war mit einem grämlichen Ernst.
Nun sah man in Cannes aber, dass Woody Allen gewissermassen Dostojewskis dunklen Mantel abgetan hatte; es wurde hell über Barcelona und höchstens ein wenig sommergewittrig in den Herzen und Köpfen schöner Menschen. So liebenswürdig permissiv wird in «Vicky Cristina Barcelona» übers Kreuz geliebt, dass der Festivalenthusiasmus sogar ins Übertreiben geriet; wer Kritiken las, musste manchmal denken, der Regisseur sei direkt aus dem philosophischen Jungbrunnen gestiegen. Er hat aber einfach einen schwerelosen Film über das Herumtaumeln im Irrgarten der Liebe gedreht.
Das Drama (man zögert fast bei diesem Wort mit seiner Schwerkraft) handelt von den verliebten Komplikationen unter Leuten, die sich eine verfeinerte Neurotik leisten können. Sie betreiben sehr luxuriös das massvolle Leiden, anders wäre es ihnen nicht wohl.
Schnell Flamme, langes Glühen
Ihre Romantik vollendet sich in der unerfüllten Sehnsucht, und das geht hier so: Zwei makellos hinreissende, kluge Amerikanerinnen, Vicky (Rebecca Hall) und Cristina (Scarlett Johansson), reisen für einen Sommer nach Barcelona, wohnen, wo die Aussicht auf die Stadt am besten ist, und werden schnell rauschig im emotionalen Geflirr. Die eine, Cristina, ist ohnehin erotisch rasch entflammbar, die andere nicht ganz so schnell, dafür neigt sie zum nachhaltigeren Glühen. Und wie der schamlos konstruierte Zufall es will, treffen die beiden auf Juan Antonio (Javier Bardem), einen Künstler, der sein Flugzeug sozusagen vor der Restauranttür stehen hat und sie mitnimmt an wundersame Orte und dann, gar nicht wundersam, ins Bett (nacheinander).
So wirkt das alte Europa. Fast wärs ein bisschen langweilig im zivilisierten Gefühls- und Geistreichtum, wenn nicht zu Juan Antonios Welt die Ex-Frau Maria Elena (Penélope Cruz) gehörte und der furienhafte Wahnsinn einer Lebensliebe, die immer treu ist in der Treulosigkeit. Die Amerikanerinnen haben da eine komödiantisch ergiebige katalytische Wirkung.
Gut gelaunte Melancholie
Man kommt in «Vicky Cristina Barcelona» viel herum zwischen architektonischen und emotionalen Sehenswürdigkeiten. Vor Antoni Gaudís Kathedrale und anderswo entlarven sich maskierte Herzen. Das heisst: Die Dramaturgie verhält sich touristisch, also ab und zu etwas irrläuferisch und konfus. Woody Allen, der hier eigentümlich illustrativ inszenierte, hält seine Geschichte zusammen durch eine Erzählstimme aus dem Off, die einen im Fall fehlender Hintergrundinformation nicht im Stich lässt. Man kann den Trick für billig, um nicht zu sagen: für künstlerisch unwürdig halten. Lohnender aber ist der Entschluss, diese Stimme als die wirkliche ironische Hauptdarstellerin zu betrachten: als Allens eigene raunende Altersunweisheit. Denn eigentlich, so jung die Liebenden darin sind, ist das ein ältlicher Film über die polygamen Instinkte. Sozusagen das Tändeln einer Altherrenfantasie, die sich und uns gern etwas von jungen Frauen und kräftigen Trieben erzählt.
Aber nie hat sie etwas Klebriges; immer ist das Woody Allens sympathische Nostalgie nach einer Libertinage, von der er vermutlich weiss, dass er altersmässig auch schon über sie hinaus ist. Im Gefühlsuntergrund ahnt man gut gelaunte Melancholie. Und womöglich nähern wir uns hier dem Kernmotiv hinter all den flüchtigen Motiven eines Sommerspiels: dem immer noch stark ausschlagenden Johannistrieb.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 26.11.2008, 10:53 Uhr
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