«Spannend wird es in der letzten halben Stunde»
Interview: Denise Jeitziner. Aktualisiert am 23.02.2012
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Er bringt sie alle vor die Kamera: Steven Gätjen auf dem Roten Teppich. (Quelle: Youtube)
Schweizer Filmprominenz über die diesjährige Oscar-Verleihung.
Info
Steven Gätjen ist zum neunten Mal als Oscar-Reporter für das deutsche Fernsehen im Einsatz. Immer mit dabei ist seine «Geheimwaffe» Scott Orlin, der die Stars vor die Kamera holt, die Gätjen dann zu allem Möglichem befragt – ausser zu deren Roben.
Steven Gätjen ist in den USA geboren und in Deutschland aufgewachsen. Seit 1999 moderiert der 39-Jährige verschiedene Shows und Sendungen auf Pro 7. Unter anderem hat er im Juni 2011 die Moderation von «Schlag den Raab» übernommen.
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Am Sonntag haben Sie – abgesehen von Moderator Billy Crystal – wohl einen der schwierigsten Oscar-Jobs. All die Stars vor die Kamera zu bringen, sieht ziemlich stressig aus.
Das ist es auch. Wir senden ja live und können vorgängig nicht planen, mit welchem Star ich reden kann. Es ist wie ein Glücksspiel, das Adrenalin durch meine Adern pumpt. Das macht mir extrem viel Spass.
Wie lange stehen Sie da so am roten Teppich?
Etwa fünfeinhalb Stunden. Man muss sich relativ früh dort einfinden, weil die irgendwann den Teppich schliessen. Ausserdem muss man mit all den Publizisten und Managern der Stars sprechen, damit diese später auch bei uns stehen bleiben, wenn wir live auf Sendung sind.
Aber es laufen doch kaum stundenlang Stars über den Teppich.
Doch, das dauert ganz schön lange. Da wollen immerhin 4000 bis 5000 Leute ins Kodak Theatre. Am Anfang kommen meist diejenigen, die länger nicht mehr im Rampenlicht gestanden haben und gerne ein bisschen was von sich erzählen. Irgendwann kommen die drei Herren von der Anwaltsfirma, die auf all die Umschläge mit den Gewinnernamen aufpassen, oder der Oscar-Koch Wolfgang Puck. Es ist eine Menge los. Aber klar, richtig spannend wird es in der letzten halben Stunde vor der Veranstaltung, dann, wenn George Clooney, Brad Pitt und all die anderen grossen Stars eintreffen.
Was ist denn Ihr Trick, dass die ausgerechnet bei Ihnen stehen bleiben und nicht bei der Konkurrenz nebenan?
Ich versuche, charmant zu sein und mich irgendwie bemerkbar zu machen. Allzu laut darf man jedoch nicht schreien, das wirkt eher abschreckend. Zudem habe ich ja eine Geheimwaffe, Scott Orlin. Der arbeitet für die Hollywood Foreign Press Association, die die Golden Globes verleiht, und kennt die meisten Manager, Publizisten und Stars persönlich. Während ich versuche, die Fernsehzuschauer bei Laune zu halten, kann er im Hintergrund die Stars heranwinken. Wir machen das nun schon seit Jahren gemeinsam und ergänzen uns perfekt.
Es heisst, Sie hätten den Stars schon Süssigkeiten zugesteckt.
Genau. Vor ein paar Jahren habe ich Schokoriegel verteilt. Die Verleihung mit allem Drumherum dauert ja unglaublich lange, und die Stars bekommen die ganze Zeit nichts zu essen. Die fanden meine Süssigkeiten grossartig. Einmal habe ich Rosen an die Damen verteilt. Die fanden das charmant.
Was gibt es dieses Jahr bei Ihnen zu holen?
Da muss ich mir noch etwas einfallen lassen. Die Academy wird ja immer strenger, und man darf nicht mehr beliebig viele Sachen zum roten Teppich mitnehmen. Es muss etwas sein, das ins Auge sticht. Vielleicht werden wir uns dieses Jahr aber auch ganz einfach auf Scotts und meine Wenigkeit verlassen.
Auf wen freuen Sie sich am meisten?
Da gibt es ein paar. George Clooney ist fantastisch, und auch Brad Pitt ist ein grossartiger Superstar. Er ist sehr nett und witzig. Ich finde den einfach toll. Auch von Gary Oldman, der in diesem Jahr nominiert ist, bin ich ein grosser Fan, genau wie von Meryl Streep. Die ist einzigartig in dem, was sie tut, und war schon 16-mal nominiert. Wenn sie bei uns stehen bleiben würde, würde ich mich sehr freuen. Als Regisseur finde ich Martin Scorsese toll. Der ist eine Legende.
Was ist mit Woody Allen, der für «Midnight in Paris» nominiert ist? Glauben Sie, der taucht dieses Mal bei den Oscars auf? Immerhin hat er seine bisherigen Oscar-Gewinne geschwänzt.
Ich bin mir ziemlich sicher, dass der nicht kommt. Der ist eher zurückhaltend und hat wohl keine Lust, sich über einen roten Teppich zu drängeln. Nur einmal, im Frühjahr nach den Anschlägen vom 11. September, tauchte er hier überraschend für ein New York Tribute auf.
Sie selber haben auch Film studiert.
Ja, Film- und Fernsehproduktion an der UCLA in Los Angeles, und in San Francisco war ich ebenfalls auf einer Filmschule. Ich schaue mir Filme nicht nur gerne an, ich finde es auch spannend zu sehen, wie sie entstehen.
Könnten Sie sich vorstellen, in die Filmbranche zu wechseln?
Ich habe grössten Respekt vor dem, was die Filmemacher leisten. Viele arbeiten ja drei, vier Jahre an einem Film, bevor sie ihn rausbringen. Und kaum ist er draussen, wird er von den Kritikern zerrissen. Ich glaube, das tut ganz schön weh. Davor habe ich Respekt. Zudem muss man sehr viel Zeit für ein solches Projekt investieren, und die habe ich momentan leider nicht. Aber wer weiss, vielleicht wird es irgendwann mal passieren, wenn ich Glück habe. Ich probiere mich jedenfalls gerne aus und teste meine Grenzen.
Werden Sie sich die diesjährige Oscar-Show anschauen, oder sind Sie nach den fünfeinhalb Stunden auf dem roten Teppich einfach nur froh, dass alles vorbei ist?
Ich würde mir die Show sehr gerne einmal anschauen. Aber es ist fast unmöglich, ein Ticket zu bekommen. Dieses Jahr war ich ganz kurz davor. Leider hat es dann doch nicht geklappt. Ich glaube, ich würde durchdrehen, wenn ich einmal live im Kodak Theatre dabei sein könnte. Dafür darf ich zum ersten Mal eine dieser offiziellen Oscar-Partys besuchen. Da kann ich endlich mal hautnah beobachten, was Hollywood so treibt, wenn die Zeremonie vorbei ist.
Welche Party wird es sein?
Es gibt ja jeweils drei, vier grosse Partys wie die Elton-John-Party oder die Vanity-Fair-Party. Daneben wird es kleinere Partys von den Studios mit den meisten Nominationen geben wie von «Hugo» oder «The Artist». Ich weiss noch nicht, welche Party genau ich besuchen darf. Aber ehrlich gesagt, ist mir das völlig wurscht. Es ist sowieso alles aufregend.
Was man von der Verleihung selber nicht immer behaupten kann.
Och, ich finde die gar nicht so langweilig. Klar, es hängt immer auch vom Gastgeber ab. Im letzten Jahr hat man versucht, das Ganze mit James Franco und Anne Hathaway zu verjüngen. Leider war das ein Griff ins Klo, weil die beiden Moderatoren in ihrem starren Korsett gar nicht richtig agieren konnten. Hugh Jackman vor drei Jahren war super als Gastgeber, und ich bin gespannt, was Billy Crystal, der alte Hase, wieder auf die Beine stellt.
Über welchen Oscar-Gewinner würden Sie sich am meisten freuen?
Über «The Artist». Man muss sich das mal vorstellen, ein schwarzweisser Stummfilm wird in Zeiten von 3-D für den Oscar nominiert. Das zeigt, dass es sich lohnt, wenn man eine tolle Idee hat und ein Risiko eingeht. Auch den beiden Hamburger Jungs Max und Stefan, die für ihren Kurzfilm nominiert sind, drücke ich die Daumen. Für Brad Pitt würde ich mich ebenfalls echt freuen. Der ist wirklich ein klasse Kerl und ein guter Schauspieler. Ihm würde ich das total gönnen, genau wie Gary Oldman oder George Clooney. Aber das Rennen wird sowieso Jean Dujardin von «The Artist» machen. Der hat so viele Preise eingesackt, dass es eine grosse Überraschung wäre, wenn er nicht gewinnen würde, genau wie «The Artist» in der Kategorie bester Film. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass Meryl Streep beste Hauptdarstellerin wird. Auf diese drei Oscars würde ich wetten. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 23.02.2012, 13:02 Uhr
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