Kultur

Stirbt die Kultur an Überdosis?

Von Denise Jeitziner. Aktualisiert am 19.01.2012 15 Kommentare

Im digitalen Zeitalter kann jeder ein Fotograf sein, ein Musiker oder ein Filmemacher. Die Kultur ist scheinbar entfesselt. Künstler wie Moby zeigen sich skeptisch – im sehenswerten Dokufilm «PressPausePlay».

1/15 Der Musiker Moby ist einer von 21 Befragten im Dokufilm «PressPausePlay»: «Wenn jeder nur mittelmässige Musik macht, wird das Mittelmass zur Normalität.»
Bild: Screenshot «PressPausePlay»

   

«PressPausePlay«» – Der Film

PressPausePlay from House of Radon on Vimeo.

Ólafur Arnalds - Ljósið

Moby – Wait For Me

Robyn – Call Your Girlfriend

Hot Chip – I Feel Better

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Jeder von uns kennt einen: einen, der fotografiert und die Bilder ausstellt, zumindest virtuell; einen, der einen Kurzfilm gedreht und geschnitten hat; einen, der in seiner Freizeit Musik komponiert, nicht mit einem Instrument, sondern mit dem Computer. Oder einen, der schreibt und das Buch bei einem Book-on-Demand-Verlag veröffentlicht hat. Die digitale Revolution hat unzählige kreative Möglichkeiten eröffnet, niemand wird mehr gebremst, alles ist irgendwo zugänglich auf Youtube, Twitter, Facebook, Myspace oder sonstwo im Internet.

«Jeder kann ein Künstler sein», sagt der Autor Andrew Keen im Dokumentarfilm «PressPausePlay», «das Problem ist, jeder tut es.» Immer mehr würden wir uns im Meer des kulturellen Mülls verlieren: «Ein Fassbinder, Hitchcock oder ein Scorsese hätten es heute nicht geschafft.»

21 Stimmen und viel Skepsis

Andrew Keens Meinung ist eine von 21 im unaufgeregten Dokumentarfilm «PressPausePlay». Filmemacher, Musikproduzenten, Autoren oder Kulturjournalisten kommen darin zu Wort, und auch der Napster-Co-Gründer Sean Parker und der Musiker Moby sinnieren über die digitale Kultur sowie die früheren Zeiten, die nur wenige Jahre zurückliegen und doch so völlig anders waren.

So können sich die meisten von uns nur schwach erinnern, wann wir das letzte Mal eine CD gekauft haben, statt uns einzelne Songs auf iTunes oder gratis im Internet zu besorgen. Wir wissen nicht mehr, wann wir eine CD in unsere Musikanlage gelegt, sie bewusst von vorne bis hinten gehört und dabei nur den Klängen der Instrumente und der Stimmen gelauscht haben – ohne dabei Mails zu checken, Online-News zu lesen oder die Freunde bei Facebook zu verfolgen. «Die Musik heutzutage ist ein ständiger Fluss aus Lärm», findet die Musikjournalistin Anne Hilde Neset.

Ein Niemand ohne digitale Revolution

Euphorie ist wenig zu spüren bei den meisten der 21 Befragten im 80-minütigen Film, höchstens eine gewisse Faszination (Moby: «Heutzutage kann man in fünf Minuten etwas schaffen, wozu man vor 20 Jahren Monate und Jahre brauchte.»). Als Kontrast dazu werden die vielen, ästhetisch gefilmten Interviewszenen immer wieder durchbrochen mit Animationen, Comics oder Konzertausschnitten, als wollten sie den visuellen Gegenbeweis zur ausgesprochenen Skepsis antreten. Schliesslich lässt uns «PressPausePlay» mit ambivalenten Gefühlen zurück, eine Antwort geben die beiden jungen Regisseure David Dworsky und Victor Köhler nicht.

Der rote Faden des Films ist der junge isländische Musiker Ólafur Arnalds, der Klassik mit Pop mixt, Klavier mit Computer. Er stellte einige Songs aufs Internet, ein paar Monate später füllte er Konzerthallen. Ohne die digitale Revolution wäre er niemand. Im Film ist er auf dem Weg nach Manchester, um seine Computermusik von einem echten Orchester spielen zu lassen. Die Rückkehr von der perfekten, virtuellen Welt in die fehlerhafte, echte, fällt dem jungen Musiker sichtlich schwer. Das Resultat und die gesamten 80 Filmminuten davor lassen sich seit ein paar Tagen auf Vimeo.com nachschauen. Kostenlos.

Ist das digitale Zeitalter die wahre Befreiung der Kultur und der Kulturschaffenden, die sich frei entfalten und der ganzen Welt zeigen können? Oder gehen die vielversprechenden Künstler im tiefen Sumpf des Mittelmasses unter? Meinungen bitte unten eintragen.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 19.01.2012, 12:50 Uhr

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15 Kommentare

Marcel Oehler

19.01.2012, 14:19 Uhr
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Es ist insofern richtig, dass in der heutigen Zeit viel Mittelmass produziert wird. Das Problem sind aber weniger die unabhängigen Künstler, deren einziger Vertriebskanal oft nur das Internet ist, sondern die grossen Labels, welche mit viel Geld mittelmässige Künstler unterstützen, da offenbar nur diese die grosse breite Masse ansprechen (was aber nicht so ist). Antworten


Martin Fischer

19.01.2012, 13:06 Uhr
Melden 8 Empfehlung

Natürlich haben wir ein Mengenproblem und ein Problem der Bewältigung der Menge. Aber dennoch; Ich erinnere mich an meinen ersten Videokurs, mit einem Videoassistenten mit weissem Kittel; wohlverstanden, ich durfte weder Kamera noch Schnittpult selber berühren. Wenn ich das bescheidene Resultat heute betrachte muss ich klar sagen; Demokratie bringt ein Vielfaches an Vielfalt! Antworten



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