Sundance Film Festival zwischen Idealismus und Kommerz
Von Christina von Ledebur. Aktualisiert am 31.01.2012 1 Kommentar
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Allerlei Kuriositäten: Quentin Dupieux neuster Film «Wrong».Artikel zum Thema
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Die Highschool-Schüler, die sich lautstark über fehlende Sitzplätze in den Bussen beklagten, haben jetzt wieder ihre Ruhe. Die unzähligen Filmemacher, Verleiher, Produzenten und Journalisten, die in den letzten zehn Tagen den beschaulichen Wintersportort Park City in Utah überrollt hatten, sind wieder abgereist. In den 28 Jahren seit seiner Gründung durch Robert Redford hat sich der einst winzige Treffpunkt für den Independent-Film zum wichtigsten Filmfestival der USA entwickelt. Dieses Jahr dämpfte ein Todesfall die heitere Atmosphäre, für die Sundance sonst so bekannt ist. Bingham Ray, Gründer der Independent-Produktionsfirma October Films, erlag 57-jährig einem Schlaganfall. Redford nannte Ray einen «wahren Kämpfer für die unabhängige Stimme».
Tirade gegen Hollywood
Ob Redford auch Spike Lee so edel betiteln würde, ist fraglich. Und doch hat sich der New Yorker Regisseur bei der Premiere seines neuen Films «Red Hook Summer» eindeutig als unabhängiger Kämpfer hervorgetan, wenn auch nicht unbedingt nach jedermanns Geschmack. «Red Hook Summer» ist ein sehr typischer Spike-Lee-Film, weit weg von «Inside Man», dafür umso näher bei «Do the Right Thing». Der Film handelt von einem Jungen aus Atlanta, der den Sommer bei seinem Grossvater, einem Baptistenpriester, im Red-Hook-Quartier in Brooklyn verbringen muss.
«Hollywood hat keine Ahnung von Schwarzen»
Abgesehen davon, dass das Publikum schockiert war über eine Missbrauchsszene, in der ein Junge aus der Bibel vorlesen muss, während ein Priester sich an ihm vergeht, sorgte vor allem die Fragerunde nach dem Film für Gesprächsstoff. Im Publikum sass der Schauspieler und Komiker Chris Rock, der hier in Julie Delpys fabelhaftem «2 Days in New York» auf der Leinwand zu sehen war. Rock wollte wissen, was Spike Lee anders gemacht hätte, wenn er von einem der grossen Studios Geld für «Red Hook Summer» bekommen hätte. Lee setzte darauf zu einer Tirade gegen Hollywood an, wo die Leute, wie er sagte, keine Ahnung von Schwarzen hätten. Zudem wolle er sich von niemandem dreinreden lassen. Man nahm Lee diese kategorische Anti-Hollywood-Haltung hier übel, wohl auch deshalb, weil der Independent-Film ohne Hollywood fast nicht mehr denkbar ist. «Red Hook Summer» mag kein Meisterwerk sein, aber Lees Erzählweise hebt sich angenehm ab von den inzwischen allzu bekannten Coming-of-Age-Dramen, die typischerweise ihren Weg ans Sundance finden.
Filmklischee Wecker
Letztes Jahr scherzte der Schauspieler Tim Blake Nelson an der Sundance-Preisverleihung darüber, wie man einen Film ans Festival bringen könne, und gab den Regisseuren zehn Tipps. Einen davon hat sich Regisseur Quentin Dupieux («Rubber») zu Herzen genommen: Sein neuster Film «Wrong» beginnt mit der Einstellung eines Weckers. Dupieux wäre nicht Dupieux, würde er sich nicht sogleich über dieses Filmklischee lustig machen. Denn der Wecker seines Protagonisten Dolf zeigt nach 7:59 Uhr nicht etwa 8:00 an, sondern 7:60. Und läuten tut er auch nicht. Dolf erwacht dennoch und muss mit Entsetzen feststellen, dass sein Hund verschwunden ist. Das ist nicht das einzig Sonderbare. Die Palme in Dolfs Garten ist auf unerklärliche Weise zu einer Tanne geworden, sein Gärtner stirbt, und eine durchgeknallte Frau verliebt sich übers Telefon in ihn. Es kann Dolf kaum noch erstaunen, als sich ein gewisser Master Chang bei ihm meldet, um ihn wissen zu lassen, dass sein Hund entführt wurde.
Musikalische Reminiszenz an den Horrofilm
Quentin Dupieux überraschte 2010 in Cannes mit «Rubber», einem minimalistischen Horrorfilm über einen mordenden Pneu. «Wrong» geht von einer viel alltäglicheren Situation aus, aber die Welt, in der Dolf nach seinem Hund sucht, ist äusserst sonderbar. Das klingt harmlos, und auf eine gewisse Art ist «Wrong» das auch. Doch Dupieux ist nicht nur Filmemacher, sondern auch Musiker, und seine Tonspur untergräbt die harmlose Bildebene. Ein wiederkehrender dissonanter Klavierakkord lässt einen mitten in diesem kurligen Drama an einen Horrorfilm denken und erinnert ausserdem an das Signal, das in vielen TV-Spielshows ertönt, wenn eine Antwort falsch ist. Könnte also alles falsch sein, was wir da sehen, beziehungsweise «wrong»?
Publikumspreis an «The Surrogate»
Weder «Wrong» noch Spike Lees «Red Hook Summer» wurden in den ersten paar Tagen des Festivals an einen Verleiher verkauft, die sich dieses Jahr vorsichtig zeigten. Da hatte es der zugänglichere Film «The Surrogate» einfacher, der hier einen Publikumspreis erhielt. Das auf einer wahren Geschichte beruhende Drama über einen behinderten Mann, der beschliesst, nicht als Jungfrau zu sterben und eine Sextherapeutin anstellt, wurde in kürzester Zeit zu einem Rekordpreis von 6 Millionen Dollar an Fox Searchlight verkauft, und Hauptdarsteller John Hawkes wird als Anwärter auf den Oscar gehandelt. So befremdend die Story klingen mag, Ben Lewin ist mit seinem Erstling ein berührender und über weite Strecken sehr lustiger Film gelungen, der es schafft, Intimität zu zeigen, ohne seine Figuren vorzuführen. Seine Hauptfigur erlangt trotz unzähliger Hindernisse endlich eines: ein kleines Stück Unabhängigkeit.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 31.01.2012, 14:46 Uhr
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