«Thais und Schweizer passen gut zusammen»
Von Christoph Schneider. Aktualisiert am 24.08.2010 2 Kommentare
Eine Liebe an der Grenze
Der Schweizer Herzchirurg Fritz (Adrian Furrer) verbringt seine Ferien in Thailand und besucht ein Flüchtlingslager an der Grenze zu Burma. Dort humpeln die versehrten Opfer von Landminen herum, und die Kinder sterben einem unter der Hand weg – Fritz’ Normalität kippt beruflich und privat aus dem Lot. Sorgfältig und glaubhaft – trotz einiger sentimentaler Windungen – erzählt uns Stefan Haupt vor dem Hintergrund einer wirklichen, anhaltenden Katastrophe so vom Nutzen und den Grenzen des Engagements und von der Hilflosigkeit eines Helfers. (csr)
How About Love (CH 2010). 106 Minuten. Regie: Stefan Haupt. Mit: Adrian Furrer, Jorm Leun Hkam, Andrea Pfaehler u. a
«How About Love» ist eine Liebesgeschichte, ein Ehedrama, aber auch ein humanitäres Statement voll von ethnografischen und flüchtlingspolitischen Informationen. Gab es so etwas wie ein Kernanliegen als Anfangsinspiration?
Kein spezifisches Anliegen, sondern eine unmittelbare Idee. Eines Nachts auf dem Balkon hatte ich die Vorstellung von diesem verheirateten Schweizer Arzt, der in Asien humanitär arbeitet und zurückkommt zu seiner Geburtstagsfeier. Man lobt ihn über den grünen Klee. Und nun fliegt auf, dass er sich dort in Asien verliebt hat, und da bricht an diesem Festabend der Widerspruch auf zwischen seinem noblen Image und einer hundskommunen, eigennützigen Affäre – mit allen kontroversen Reaktionen. Das war das Bild, das mir einfach zuflog. Als es konkreter wurde, habe ich mir zuerst Bali als asiatischen Schauplatz gedacht. Aber ich fands dann seltsam, dort einen fiktiven Konflikt zu behaupten. Die Geschichte des Arztes sollte einen realen Boden haben.
Und jetzt lastet sozusagen auf der Fiktion die Wirklichkeit an der thailändisch-burmesischen Grenze. Wie schwierig war es, damit als Spielfilmautor umzugehen?
Als Last empfand ich es nicht. Ich habe ja Dokumentarfilme und Spielfilme gemacht und hatte immer Interesse an dieser Mischung. Aber auch meine Spielfilme hatten jeweils die Basis einer wahren Geschichte. Jetzt war da plötzlich diese Idee ohne Basis und die Freude daran. Dann erzählte man mir von den Zuständen in diesem Grenzland, und ich fand es doch wieder anregender und nötig, dadurch einer Erzählung und der Hauptfigur mehr Tiefe zu geben. Also habe ich recherchiert, und irgendwann weiss man, was man wissen muss, und darf sich wieder fiktionale Freiheiten herausnehmen. Das haben wir getan, wenn es nötig war.
Wie nah konnten Sie bei Ihrer Recherche in Thailand der Wirklichkeit kommen?
Es war nicht einfach, aber möglich, sogar auf legale Art. Ich war an der burmesischen Grenze, auch in einem Flüchtlingslager unter komplizierten Umständen und in einer illegalen Klinik. In manchen Räumen stank es nach Verwesung. Da siehst du grün angelaufene Kinder liegen, und die Eltern starren ins Leere, es ist einfach nur himmeltraurig. Und du kommst und gehst wieder und fragst dich als Filmemacher: Spinnst du? Das offizielle Thailand will nicht, dass jemand davon weiss. Aber die Menschen, die das Elend kennen, sind froh, wenn jemand von aussen es genau wissen will. Dann öffnen sie sich. Mir wurde viel zugetragen, wir haben uns medizinisch informiert. So kamen wir der Realität recht nahe, glaube ich. Und andererseits auch wieder nicht.
Warum?
Zum Beispiel hätte ich gern einmal mit einer jungen burmesischen Flüchtlingsfrau geredet und gefragt, ob meine Geschichte für sie stimmen könne, etwa die Liebesgeschichte zwischen dem europäischen Arzt und einer Burmesin. Das war lange nicht möglich, das war nicht erlaubt. Immer war da irgendein älterer Mann, der sagte, er könne mir das genauso gut erklären.
Und dann haben Sie spekuliert?
Eher Puzzleteile zur Realität zusammengesetzt. Da spiegeln sich die Schwierigkeiten der Kommunikation zwischen ganz verschiedenen Kulturen und Traditionen, und das ist ja wieder ein Thema des Films.
Es geht auch um die humanitäre Hilfe von aussen. Ihre Hauptfigur ist ja oft ein Ignorant, was die Kommunikation betrifft. Ist das in dieser Hinsicht ein pessimistischer Film?
Das Thema ist wirklich ambivalent, und ich habe eine Gratwanderung versucht am Beispiel von Fritz. Ich denke, es gibt auf diesem Feld natürlich Leute, die eine Entwicklung vom Idealisten zum Pragmatiker, vielleicht zum Zyniker durchmachen. Oder eine gefährlich naive Seite haben wie der Fritz. Damit ist ja nicht gesagt, dass Zyniker oder Naive keine gute Arbeit machen können. Sie tun wenigstens etwas. Aber es ging mir viel mehr um die Geschichte einer individuellen Erschütterung und Hilflosigkeit: wie sich bei einem eingespurten, erfolgreichen Mann alles umdreht, wenn er fast unfreiwillig in diese Elendswelt gerät.
Wie lief die Kommunikation in einem kulturell gemischten Team?
Ich glaube, wir sind respektvoll und «echt» miteinander umgegangen, trotz der langen Übersetzungsumwege. Thais und Schweizer haben gut zusammengepasst in ihrer etwas leiseren Art. Wenn du in Thailand laut wirst, verlierst du Respekt. Die Amerikaner drehen ja auch gern dort, und ein Chauffeur hat mir gesagt, es sei schön mit uns, er habe nämlich auch Sylvester Stallone gefahren während der Arbeit an «John Rambo», und der habe einmal in einer Minute gezählte 37-mal «fuck» gebrüllt. Das gehe doch wirklich nicht.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 23.08.2010, 19:39 Uhr
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2 Kommentare
Was in den Lager (Umpang etc.) abgeht, ist ein Drama sondergleichen. Dies als Kulisse einer nicht realistischen Beziehung zwischen einem Schweizer Akademiker und einer geflüchteten Karen zu wählen, zeugt von Geschmackslosigkeit. Glaubhaft würde dies nur, wenn der Filmerlös zweckbestimmte Flüchtlingslagerdestination hätte. Aber eben, Fiktion ungleich Realität. Antworten
Vorwürfe wie diese werden immer wieder laut. Mich dünkt, dass sie vor allem von Menschen geäussert werden, die sich dabei weniger um das Schicksal der Protagonisten sorgen, als um sich selbst, weil sie sich die rosige Blase ihres Alltags nicht vom Elend anderer besudeln lassen wollen. Fiktion lässt uns über die Realität nachdenken. Entscheidend ist, dass der Film mit Respekt gedreht wurde. Antworten
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