Töten mit T-Shirts

Der Dokfilm «The True Cost» verurteilt die Modeindustrie. Auch wir sind Opfer – ohne es zu wissen.

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Tumultartige Szenen, Menschen schreien, rennen wild umher, gefangen im Menschenstrom, der sie mitreisst. Es ist fast so, als wäre Krieg. Es fallen Schüsse, ein Mann liegt in einer Blutlache auf dem Boden, Frauen weinen und flehen, dass die Polizisten sie nicht zu Tode prügeln. Es sind kambodschanische Textilarbeiter, die in der Hauptstadt Phnom Penh für faire Arbeitsbedingungen und einen monatlichen Mindestlohn von 160 Dollar demonstrieren. Am Ende werden fünf von ihnen tot sein und über 40 verletzt.

Ein paar Minuten später im Dokfilm «The True Cost». Menschen schreien, rennen wild umher, gefangen im Menschenstrom, der sie mitreisst. Ein Schuss ist gefallen, aber es ist kein Krieg. Es war das Startsignal zum Black Friday, zum Weihnachtsausverkauf, bei dem Menschenmassen in Geschäfte drängen, auf Wühltische, Regale und Kleiderständer zustürmen, um T-Shirts, Pullis und Schuhe herauszureissen. So, als gehe es um Leben und Tod.

Zwei Szenen, die sich auf den ersten Blick sehr ähneln. Aber es sind zwei Welten, die so weit auseinanderliegen wie Sein und Schein. Das einzig Verbindende ist die Mode. Dort werden die Kleidungsstücke produziert, hier werden sie gekauft. Das Problem ist, dass wir hier diese Verbindung kaum mehr erkennen. Genau wie die meisten keinen Zusammenhang mehr sehen zwischen einem lebendigen Tier und dem abgepackten Stück Fleisch im Lebensmittelgeschäft, haben wir irgendwann vergessen oder verdrängt, dass die Kleider im Laden von Menschen gefertigt worden sind und nicht von Maschinen.

Zweitgrösster Umweltverschmutzer

Diesen Zusammenhang versucht der Dokfilm «The True Cost» wieder in Erinnerung zu rufen, und er schafft dies auf eine Weise, die mehr als nur ein kurzes, folgenloses Entsetzen auslöst. Natürlich zeigt der Film Bilder, die wir schon gesehen und wieder vergessen haben, das Elend der Menschen, die unsere Kleidung unter unwürdigen bis lebensgefährlichen Bedingungen herstellen wie in Bangladesh, wo 2013 eine Fabrik eingestürzt ist und 1134 Menschen, meist Frauen, in den Tod gerissen wurden. Oder wie in Indien, wo Flüsse und Böden so vergiftet sind, dass Kinder behindert zur Welt kommen. Nach der Ölindustrie ist die Textilindustrie der zweitgrösste Umweltverschmutzer weltweit. Wir hier bekommen kaum etwas davon mit.

«The True Cost» hallt aber wohl nicht in erster Linie wegen dieser Bilder so lange nach. Er rüttelt auf, weil er uns nicht nur als Täter, sondern auch als Opfer anspricht; als Opfer der kapitalistischen Modeindustrie, was jedoch die wenigsten von uns realisieren. Im Gegenteil. Mode kostet inzwischen so wenig, dass wir uns für jede Party ein neues Oberteil oder eine neue Hose leisten können und sie zum Wegwerfartikel verkommt. Wir kaufen und kaufen, säckeweise. Natürlich gibt uns das ein gutes Gefühl, natürlich kaufen wir nicht nur ein Paar Hosen, sondern drei, wenn sie doch so billig sind. Weil wir es können.

Schädliche Kleiderspenden

Die Modeindustrie nutzt das bewusst aus, beliefert uns mit immer mehr Mode – nicht mehr vier Kollektionen landen pro Jahr im Laden, sondern 52. Fast Fashion nennt sich das. Alles wird billiger, die Qualität sinkt. Wir kaufen noch mehr, und wenn der Schrank voll ist, bringen wir einfach ein paar Taschen zur Kleidersammlung. Ohne schlechtes Gewissen – wieso auch, wir konsumieren ja quasi für einen guten Zweck.

Dass man mit einer gut gemeinten Spende aber sogar Schaden anrichten kann, dämmert einem beim Anblick der riesigen Kleiderberge in Haiti. Es sieht aus wie bei uns in einer grossen Kiesgrube. Bloss bestehen die haushohen Hügel nicht aus Sand, sondern aus gespendeten Kleidern, die verschlammt vor sich hin rotten. Die Kleiderspenden haben zudem den lokalen Textilmarkt zerstört. Nun werden auch in Haiti billige T-Shirts produziert und exportiert.

Wir sind Spielball in der kapitalistischen Modeindustrie

Der sehenswerte Dokfilm «The True Cost» schafft es, uns unsere beschämende Rolle in diesem System vor Augen zu führen und ein Bewusstsein für die Verbindung zu schaffen zwischen dem fünffränkigen T-Shirt im Laden und den verstörenden Bildern aus Kambodscha, Bangladesh oder Indien. So, dass wir beim nächsten Mal vielleicht bewusster einkaufen, statt bei allem zuzuschlagen, nur, weil wir es uns problemlos leisten können.

Gleichzeitig ist «The True Cost» entmutigend, weil das System so mächtig und unangreifbar scheint – erkennbar etwa an den unzähligen gestylten Youtube-Püppchen in ihren Jugendzimmern, die wichtig ihre neusten Kleider, Taschen, Röcke, Schuhe, Hosen, Blusen, Jacken, Mützen, Schals, Pullis und Shirts in die Kamera halten, von denen manches wohl nie getragen wird, weil im Laden schon wieder etwas Neues hängt.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 18.02.2016, 16:00 Uhr)

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The True Cost

Die Dokumentation des amerikanischen Regisseurs Andrew Morgan wurde vergangenes Jahr an den Filmfestspiele in Cannes gezeigt. In Deutschland startete «The True Cost» zum Beginn der diesjährigen Fashionweeks. Bei uns ist «The True Cost» bei Netflix, iTunes oder Amazon Prime Time zu sehen. Die DVD ist ab Mitte März erhältlich. truecostmovie.com

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