Kultur

Tot und hungrig

Von Philippe Zweifel. Aktualisiert am 31.10.2011 13 Kommentare

Der Zombie war schon immer eine prima Projektionsfläche für Kulturtheorien. Nun simuliert eine US-Serie mit ihm den Klassenkampf.

1/13 Wenn einem das Blut im Mund zusammenläuft: Ausschnitt aus der US-Serie «The Walking Dead» (2011).

   

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Heute ist Halloween und trendbewusste Schweizer schnitzen Kürbisse. Oder sie verkleiden sich als Zombies. Denn Zombies sind auf gruslige Art cool. Das zeigen nur schon die rekordverdächtigen Einschaltquoten der Serie «The Walking Dead», die in Amerika gerade in die zweite Staffel geht. Zum ersten Mal dürfen Untote hier im Wochenrhythmus über die Mattscheibe wanken.

«The Walking Dead» ist der vorläufige Höhepunkt der Zombie-Evolution, die bereits lange andauert. Schon die Menschen in der Frühgeschichte fürchteten, dass die Toten zurückkehren. In verschiedenen Kulturen wurden Gräber gefunden, in denen die Leichen Verstorbener gefesselt waren. Das Wort «Zombie» entstand freilich später; es stammt aus der zentralafrikanischen Sprache Kimbundu, wo «nzùmbe» einen Totengeist bezeichnet. Untote spielen denn auch im Voodoo eine zentrale Rolle.

Wanken wie bei der Technoparty

Den Sprung in die Populärkultur schaffte der Begriff in der Zeit, als Haiti zwischen 1915 bis 1934 von den USA besetzt war. So entstand 1932 der erste offizielle Zombie-Film: Victor Halperins «White Zombie» mit Bela Lugosi in der Hauptrolle. Wobei das titelgebende Monster noch nicht auf zarte Menscheninnereien stand, sondern analog des Voodoo-Kults ein willenloser Knecht seines Meisters war.

In den 60er Jahren kam schliesslich der moderne blutrünstige Zombie auf, der wie ein Raver an einer Afterhour stumpfsinnig im Kreis herumschwankt. Und natürlich durfte auch eine zeitkritische Botschaft nicht fehlen: Das Alte, das dem Neuen ums Verrotten nicht weichen will, weil Letzteres die Welt mit Füssen tritt. Weiter waren Zombies in jener Zeit eine hübsche Metapher für unhinterfragtes Leben, für stupides Dahinvegetieren in der Konsumgesellschaft. Die Filme von George A. Romero wie «Night of the Living Dead» oder «Dawn of the Dead» verankerten diesen Zombie-Typen fest in der Popkultur.

Entmenschlichte Mitmenschen

Unheimlicherweise kann man diesen Zombies fürs erste leicht ausweichen – am Ende kriegen sie einen doch. Bezeichnenderweise verzichteten diese dystopischen Werke stets auf ein Happy End, ein Merkmal, das das Genre bis heute prägt. Ein weiteres klassisches Motiv, das dem Genre bis heute erhalten blieb, ist das Wegfallen von sozialen Normen. Zombie-Filme sind auch immer Studien über menschliches Verhalten in Extremsituationen. So kommt mancher Protagonist nicht durch einen Untoten um, sondern durch einen entmenschlichten Mitmenschen.

Was leider neu im Genre ist: Zombies torkeln heute nicht mehr, sie machen sich mit der Gewandtheit von Zehnkämpfern an ihr blutiges Werk. Natürlich steht nirgendwo geschrieben, dass Untote die Motorik von Besoffenen aufzuweisen haben. Doch Menschen, die sich aus ihren kühlen Gräbern erheben, tendieren nun mal zu steifen Gliedern. Ausserdem droht bei joggenden Zombies der Verlust von Sympathie: Mit den stöhnenden Gestalten aus älteren Filmen hat man Mitleid, weil sie uns an die eigene Sterblichkeit erinnern. Die Turbozombies hingegen sind blosse Killermaschinen.

Allegorie auf die Klassengesellschaft

Doch in unseren beschleunigten Zeiten muss halt alles schneller gehen – sogar der Untote. Das bekannteste Beispiel für diese neue Darstellung ist das «Dawn of the Dead»-Remake. Oder die Filme «28 Days Later» und «28 Weeks Later». Immerhin brachte uns die Weiterentwicklung der Untoten auch ein paar witzige Varianten. Sogenannte «Zom-Coms» wie «Shaun of the Dead» oder «Fido» jonglierten in den letzten Jahren clever mit den Konventionen des klassischen Zombie-Films.

Und jetzt also «The Walking Dead». Die Serie bietet Oldschool-Zombies mit zermatschten Visagen und wankendem Gang. Die Botschaft aber hat sich wiederum verändert. In der postapokalyptischen, Zombie-bevölkerten Welt sind Menschen mit höherer Bildung solchen mit einfachen Berufen unterlegen – wer braucht hier noch Professoren oder Anwälte? Von Journalisten ganz zu schweigen. Schon jubelt die US-Presse von einer Allegorie auf die Klassengesellschaft. Doch zu viel Gesellschaftskritik sollte man in einen Hirnfresser nicht hineininterpretieren. Hauptsache, man kann sie prima niederknüppeln. Doch Vorsicht: Es könnte sich auch ums verkleidete Nachbarskind handeln.
(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 31.10.2011, 15:10 Uhr

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13 Kommentare

Kevin Schönenberger

31.10.2011, 16:45 Uhr
Melden 7 Empfehlung

Ui, da haben Sie sich aber schlecht informiert, Herr Zweifel. 28 Days/Weeks handelt nicht im klassischen Sinn von Zombies sondern über vom "Rage-Virus" infizierte Menschen, diese sind also technisch gesehen keine Zombies. Ausserdem verfügen die Filme der 28er Trilogie über einen starken Hintergrund, im Gegensatz zu den meisten klassischen Zombie-Filmen. Antworten


Alex Bötschi

31.10.2011, 16:39 Uhr
Melden 6 Empfehlung

Bei den Filmen 28 Days L. und 28 Weeks L. handelt es sich ja auch nicht um Zombies sondern Infizierte Menschen und die konnten schon immer rennen. Bsp.: Omega Man (Charlton Heston, 1971) Antworten



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