Tote Ratten, Killerschweine, tödliche Langeweile

Das Filmfestival Locarno dauert noch bis Samstag. Und der internationale Wettbewerb schleppt sich weiterhin freudlos über die Runden.

Musste er zu viele Wettbewerbsfilme in Locarno ertragen? Nein, er spielt in einem mit – in «La Valle delle ombre»!

Musste er zu viele Wettbewerbsfilme in Locarno ertragen? Nein, er spielt in einem mit – in «La Valle delle ombre»!
Bild: pd

Ein Bild, das einem auf den Magen geschlagen hat, das dramatischste und bewegendste von allen, um auch einmal zwei gute Worte über den diesjährigen internationalen Wettbewerb von Locarno zu sagen, war jenes einer offensichtlich lebenden Ratte, die mit kochendem Wasser übergossen wurde, bis sie ein letztes Mal quiekte und zuckte und starb. Das war im Spielfilm «Sham Moh» des malaysischen Regisseurs Ho Yuhang.

Man wusste dann nicht recht, warum das Tier, das wirklich sehr echt aussah, so ekelhaft hatte verrecken müssen. Vielleicht weil am intensiven Ende einer sonst eher zimperlich erzählten Liebesgeschichte – sie scheiterte an Eltern und Justiz – zwei Mädchen ebenfalls tot dalagen wie kleine, weggeworfene Tiere. Nötig wärs allerdings nicht gewesen, eine metaphorische Laune an einem Nager auszulassen, der nichts dafür konnte. Aber jedenfalls, die Ratte starb für die Kunst, und niemand könnte bestreiten, dass man da einer Art künstlerischen Radikalität bei der Arbeit zugeschaut hat.

Existenzialistischer Schwurbel

Andererseits: Was sagt es aus über die Hauptsektion eines Festivals, das doch mindestens in der Liga von Venedig spielen will, wenn eine naturalistische Tierquälerei den stärksten Eindruck macht? Es steckt dahinter ein Mangel an menschlicher Dramatik, die zwar niemanden umbringt, aber doch ans Lebendige geht. Und dahinter, möglicherweise, wieder das Problem einer mageren Auswahl aus einem mageren Angebot, weil es vermutlich immer noch stimmt, dass Locarno oft nur bekommt, was Venedig nicht mit einem Stecklein anfasst. Oder, was noch schlimmer wäre, ein konsequent irrender Geschmack der künstlerischen Leitung.

Denn dies ist tatsächlich ein trübes Jahr der marionettenhaft bevölkerten Kunstrealität, der posierenden und zitierenden Ironie und der Spekulation mit der erhabenen Exotik. Die Berichterstatter unter sich (und sie sind immer unter sich, weil sie es sich so ausgesucht haben und auch, weil sie es sich nicht aussuchen können) pflegen nach jedem Film den heiteren Trübsinn. Das hat viel zu tun mit der Tradition des routinierten Jammerns. Jedoch ist die Frage, für welchen Film man ausserhalb des Festivals freiwillig ins Kino ginge, ernst zu nehmen; und hier ist der Punkt, wo dieser Berichterstatter einmal «ich» sagen und zugeben will: bis jetzt eigentlich Ach, rief er bei dem Unfall aus, hätte ich doch diesen Morgen etwas angenehm Böses getan, so wüsste ich doch, weswegen ich jetzt leide! Georg Christoph Lichtenberg für keinen, und ganz oben auf der Liste derer, für die ich es nicht tun würde, stünde der argentinische Wettbewerbsbeitrag «La invención de la carne» von Santiago Loza.

Es war ein Film von der fürchterlichsten Ort-, Zeit-, Grund-, Wort- und Leblosigkeit. Erst schaute ein Medizinstudent einer schönen Frau in die Vagina, danach hatte er nächtliche Beklemmungen, und am Morgen ging er schwimmen. Unter Wasser war wieder einmal gut entrückt sein. Man glaubte einen Moment lang, er sei schwul und das sei sein Problem, aber der Sex mit einem bezahlten Fremden war dann eher autistisch, und ohne weiteres Interesse an Männern traf der Student auf erwähnte Frau und fragte, ob sie auf eine lange Reise mitkommen wolle, und wie der ästhetische Zufall spielte, hatte sie gerade Zeit. Die Reise, auf der man sich nichts zu sagen hatte, war sehr lang. Niemand bekam einen Namen oder eine Biografie. Irgendwann drehte sich die Frau auf einem Friedhof in der Einöde ein Armband aus einer künstlichen Mohnblume. Irgendwann entband der Student ein Kind und stahl es. Irgendwann, nachdem sie mit einem Lastwagenfahrer ein kurzes sexuelles Geschäft verrichtet hatte, zeigte die Frau den Studenten wegen Kinderdiebstahls an, aber dann trocknete sie ihm die Füsse mit ihren Haaren wie Maria Magdalena dem Jesus von Nazareth. Es war also das reinste Beispiel für einen existenzialischen Schwurbel.

Irgendwie gehts immer um Gott

Nicht das einzige. Ganz nahe an diese Reinheit kam der portugiesisch-französische Wettbewerbsbeitrag «A religiosa portuguesa» von Eugène Green. Er erzählte vom Filmemachen selbst und von einer Schauspielerin, die in Lissabon eine sündige Nonne aus dem 17. Jahrhundert spielen sollte; und es herrschte eine Theatralik, als hingen die Akteure an Fäden. Sein Vorteil war die Ungewissheit: ob es sich um eine Hommage an den portugiesischen Altmeister Oliveira handelte; ob mehr an eine Ironisierung des französischen Intellektuellen-Films gedacht wurde; oder ob alles bierernst gemeint war als ein liberalkatholischer Holzschnitt.

Irgendwie ging es ja immer um Gott. Nicht unbedingt um den christlichen, sondern um das Numinose an sich. Nämlich entweder um die Erleuchtung oder die Angst vor den alten Dämonen, die in Sagen und im Unterbewusstsein herumgeistern. Und um die Liebe, die man schwer findet und leicht verliert. Aber das filmerzählerische Können hatte seine liebe Mühe mit den thematischen Ansprüchen.

Ausserhalb des Wettbewerbs zum Beispiel, im Programm auf der Piazza Grande, wurde im Schweizer Film «La valle delle ombre» von Mihály Györik in tessinerischen Mysterien herumgestochert: Ein Killerschwein und eine Kindsräuberin kamen vor, neben anderen Figuranten des Horrortheaters; es war ein schrecken- und harmloses Kinderspiel und nährte sich sozusagen unredlich von den Klischees eines abergläubischen Berglertums.

Im Lieferwagen wirds lustig

Und im Wettbewerb wieder, in «The Search», liess der tibetische Regisseur Pema Tseden eine Filmcrew in Tibet nach Darstellern für die traditionelle Oper vom mitleidigen Prinzen Drimé Kunden suchen und überhaupt nach der liebevollen irdischen Harmonie; man erlebte ein redseliges Stationendrama und hatte im Pathos weiter Landschaften das starke Gefühl einer berechnenden Exotik.

Kurzum: ein Elend. Allerdings war im Exotischen doch eine Ausnahme zu finden: der iranische Film «Frontier Blues» von Babak Jalali (manche spekulieren mit ihm schon als Gewinner des Goldenen Leoparden; darauf ist jedoch kein Verlass). Auch er hatte mehr fotografische als dramatische Ambitionen, erzählte aber mit freundlicher Skurrilität von Menschen in Turkmenistan, die nicht hinter dem Mond sind, obwohl sie dort leben, wo es so aussieht. Und es spielte dort die heiterste Szene von allen, um noch ein gutes Wort über den internationalen Wettbewerb von Locarno zu sagen. Sie zeigte einen leicht verrückten Jungen, der zwei Männern in einem Lieferwagen ein französisches Chanson vorspielte. Wo er eigentlich hinwolle, fragten die Männer. «Ich weiss nicht», antwortete der Junge. Und die Männer sagten: «Steig ein, wir bringen dich hin.» Es war direkt festivalphilosophisch. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.08.2009, 10:57 Uhr

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