Überschätzt: Christoph Waltz

Künstler, mit denen wir wenig anfangen können.

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Kennen Sie das erste gossensche Gesetz vom abnehmenden Grenznutzen? Es lautet so: «Die Grösse eines und desselben Genusses nimmt, wenn wir mit Bereitung des Genusses ununterbrochen fortfahren, fortwährend ab, bis zuletzt Sättigung eintritt.» Die volkswirtschaftliche Regel wird vor allem auf Nahrungsmittel angewandt: Das erste Glas Bier schmeckt besser als das zweite und so weiter. Ich muss immer an Gossen denken, wenn ich Christoph Waltz zuschaue; mit jedem Film macht er weniger Eindruck.

Zugegeben, Waltz hat geschafft, was keinem anderen seiner Generation gelungen ist: Er hat sich als deutschsprachiger Schauspieler in Hollywood durchgesetzt. Zwei Oscars für die beste Nebenrolle zeugen davon. Es war allerdings auch zweimal dieselbe Rolle. In «Inglourious Basterds» spielte er einen distinguierten Nazioffizier, in «Django Unchained» dessen gutmütigen Zwilling: einen Arzt, der als Kopfgeldjäger im Wilden Westen unterwegs ist und endlose Monologe hält. Bevor Waltz berühmt wurde, spielte er in «Kommissar Rex».

Heute jammert er gerne darüber, wie unterfordert er damals war. Als Waltz dann im neusten James-Bond-Film als Bösewicht auftreten durfte, gab ich ihm nochmals eine Chance. Immerhin sind Bond-Bösewichte jener Stoff, aus dem Kinolegenden entstehen. Doch Waltz gab den Bösewicht in seiner üblichen Mischung aus Kultiviertheit und kalter Verachtung. Hätte er, der in Interviews gerne den Intellektuellen markiert und Unverständliches über die Schauspielkunst schwurbelt, die Rolle nicht etwas überraschender interpretieren können? Ist Schauspielkunst nicht die Fähigkeit der Verwandlung – geht es nicht um die Kraft, aus dem Lebensvorrat des eigenen Ich vielfache Gestalten ans Licht treten zu lassen?

Aber vielleicht verbietet das die Logik des Starsystems. So wie Schwarzenegger Actionhelden spielen muss, zahlt das Publikum bei Christoph Waltz nicht für Schauspielkunst, sondern erwartet einen bestimmten Typus – den Waltz für meine Begriffe etwas zu gerne liefert. Doch Obacht, Herr Waltz! Das erste gossensche Gesetz mag für Hollywood nicht gelten, aber man kennt da eine andere Regel: Wenn die Marke zur Masche wird, ist man schnell weg. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 14.03.2016, 13:56 Uhr)

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